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Generator Wie Diffamierung und Verleumdung im Netz funktionieren

Der Hass entlädt sich. Verleumdungen und Diffamierungen nehmen zu. Vor allem im Netz und durch das Netz. Wie funktioniert Diffamierung im Netz? Gibt es Muster, die immer wiederkehren?

Von: Caroline von Lowtzow

Stand: 28.03.2019

Für die einen ist Greta Thunberg eine Heilsbringerin, die nichts Geringeres als die Welt retten soll, für die anderen eine verhaltensgestörte Baby-Jeanne D’Arc mit BDM-Frisur, die sich von Aktivisten, NGOs und Unternehmen vor den Karren spannen lässt: „Sowas kommt dabei heraus, wenn die Eltern keine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen“ schreiben sie über die junge Frau, oder auch: „Öko-Pippi sagt den Mächtigen den Kampf an.“

Verehrung und Vernichtung

Totale Überhöhung oder brutaler Hass, dazwischen ist wenig möglich. Die aufgeheizte Debatte um Greta Thunberg ist nur eine von vielen Auseinandersetzungen, die mit mehr als zweifelhaften Mitteln geführt wird. Beim Streit um Uploadfilter und den „Artikel 13“ ging es ähnlich überdreht zu. Beide Diskussionen zeigen exemplarisch, wie heute in Zeiten der „großen Gereiztheit“ zwischen den verschiedenen Lagern um die Meinungsmacht im Netz gekämpft wird. „Wir haben es mit einem ein Kulturkampf zu tun, der gerade ausgefochten wird oder mit einem Informationskrieg, den wir gerade erleben“, erzählt Richard Gutjahr, BR-Kollege und Rundschau-Moderator, in einem Vortrag auf dem Zündfunk Netzkongress im November 2018.

Seit mittlerweile fast drei Jahren werden er und seine Familie im Netz mit Hass und Verleumdungen überschüttet, weil Gutjahr im Sommer 2016 sowohl beim Anschlag in Nizza als auch bei der Schießerei am Münchner Olympiaeinkaufszentrum vor Ort war und spontan berichtet hat. Es war Zufall, er hatte das so nicht geplant. Aber so viel Zufall, das ist für Verschwörungstheoretiker ein gefundenes Fressen. Und weil seine Frau Israelin ist, muss Richard Gutjahr, aus Sicht der Verschwörungstheroretiker, ein Agent des israelischen Geheimdienstes Mossad sein.

Im Netz der Verschwörungstheoretiker

„Ganz offensichtlich geht es bei vielen dieser Behauptungen, dieser Gerüchte darum, jemanden fertig zu machen und häufig ist es auf eine politischen Ebene angelegt“, sagt die österreichische Journalistin und Publizistin Ingrid Brodnig. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit dem Hass im Internet und hat zwei Bücher darübergeschrieben: „Lügen im Netz“ und „Hass im Netz“. Da wird dann zum Beispiel unterstellt, jemand sei Islamistin oder unterstütze nationalistische oder radikale Ideologien. So ähnlich erging es auch dem NDR-Journalisten Sebastian Friedrich, der zeitgleich in mehreren rechtspopulistischen Onlinemedien als linksextrem bezeichnet wurde. Oder dem Publizisten Eren Güvercin, dem eine Nähe zu Islamisten und Grauen Wölfen attestiert wurde. Genau wie der muslimischen CDU-Politikerin Cemile Giousouf, der just in dem Moment eine Nähe zu den rechtsextremen Grauen Wölfen und anderen türkischen-nationalistischen Gruppierungen unterstellt wurde, als ihre Kandidatur für das Amt als Vizepräsidentin der Bundeszentrale für politische Bildung bekannt wurde.

Blinde Wut statt Debatten

„Verleumdung ist ein politisches Kampfinstrument geworden“, sagt Ingrid Brodnig. „Wahrscheinlich war das auch schon immer so, dass zum Beispiel Parteien Gerüchte gestreut haben, nur können sich diese im Netz umso besser verbreiten, weil Parteien Communities haben. Also Wähler, die total aufgebracht, engagiert aber auch überhitzt sind und die tragen das dann sofort weiter.“

Und das große Problem dabei ist, dass der Einzelne, über den etwas Falsches behauptet wird, auf Twitter, auf Facebook, in Blogs und von Usern immer wieder damit konfrontiert wird. Darüber hinaus können so auch die Ergebnisse der Google-Suche verändert werden, so dass der Vorwurf sofort mit auftaucht. Durch diese Gerüchte, so Ingrid Brodnig, werde versucht, einzelne Personen aus dem Diskurs wegzudrängen beziehungsweise so verächtlich zu machen, dass ein Teil der Bürger sagt: Dem glaub ich nichts, weil der ist ja xyz. „Das ist eine besonders fiese Methode, jemandem im öffentlich Diskurs zu schaden. Ich würde es so zusammenfassen“, erklärt Ingrid Brodnig. „Gerade dort, wo Menschen sehr brutal miteinander streiten, da scheint die Verleumdung ein adäquates Instrument.“

In ihrem Buch „Lügen im Netz. Wie Fake News, Populisten und unkontrollierte Technik uns manipulieren“ hat Ingrid Brodnig eine Typologie der Irreführungen im Netz erstellt und beschreibt die Mechanismen von Verleumdung. Sie hat vor allem drei Typen von Irreführungen und Verleumdungen gefunden, die ihr im Netz immer wieder begegnet sind:

Typ 1: Irreführende Inhalte.

Ein Teil der Aussage oder ein Detail stimmt, aber die Schlussfolgerung daraus nicht. Es stimmt, dass Richard Gutjahr in Nizza und München vor Ort war, aber deswegen ist er nicht Agent.   

Typ 2: gefälschte Zitate.

Einer Person wird eine Aussage in den Mund gelegt, die Menschen auf die Palme bringt, die diese Person aber nie gesagt hat. So wurde der ehemaligen Chefin der österreichischen Grünen, Eva Glawischnig, unterstellt, sie solle gesagt haben, Flüchtlinge dürften Mädchen vergewaltigen. Oder der deutschen Grünen-Politikerin Renate Künast, sie fordere Verständnis für den Flüchtling, der in Freiburg eine junge Frau ermordet habe. In beiden Fällen waren die Zitate gefälscht, wurden aber tausende Male geteilt und haben Hasskampagnen gegen die Politikerinnen zur Folge gehabt.

Typ 3: Bilder. 

Da Bilder nach wie vor eine sehr hohe Glaubwürdigkeit besitzen, lassen sich über sie sehr gut Verleumdungen kommunizieren. Oft sind es gefälschte Bilder oder Bilder, die in einen anderen Kontext gesetzt werden, als der ursprüngliche, in dem sie entstanden sind.

Wut, sagt Ingrid Brodnig, Wut habe schon immer Menschen mobilisiert, weshalb es aus politischer Sicht interessant sei, Wut zu schüren. Nur dann werde man aktiv. Und ganz ähnlich funktionieren die Mechanismen auf social media, denn die Software ist so programmiert, dass sie Wut belohnt. „Ich bin großer Freund von Aufklärung, weil wir sehen durchaus, dass Aufklärung den Infostand verbessert, das zeigen unterschiedliche Auswertungen. Was Aufklärung nicht kann, ist, bereits komplett überzeugte Lager umstimmen, aber für die breite Masse ist die Korrektur von Falschmeldungen und Diffamierungen wichtig und hilfreich.“

Mit einem Klick ins Bild könnt Ihr die Sendung hören. Die Sendung "Wie funktioniert Diffamierung im Netz" gibt es auch im Generator-Podcast, zum Abonnieren oder Runterladen. Außerdem läuft die Sendung am 31. März um 22.05 Uhr auf Bayern 2.

Literaturtipp:

Ingrid Brodnig: Lügen im Netz. Wie Fake News, Populisten und unkontrollierte Technik uns manipulieren. Brandstätter Verlag


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