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Whitehead, Kendi, Coates Die Geschichte des amerikanischen Rassismus

Ta-Nehisi Coates, Colson Whitehead und Ibram X. Kendi: Wer die drei Bücher dieser brillanten afroamerikanischen Intellektuellen parallel oder nacheinander liest, bekommt ein monströses Bild des amerikanischen Rassismus quer durch die Jahrhunderte.

Von: Michael Bartle

Stand: 14.12.2017

Colson Whitehead: Underground Railroad (Hanser Verlag)

Colson Whitehead schickt in seinem Pulitzer- und National Book Award-gekrönten Roman “Underground Railroad” die Protagonistin Cora durch die Hölle der Sklavenzeit. In den ersten Kapiteln beschreibt er klar und drastisch - historisch detailgetreu - Diskriminierung und Folter, der Sklaven auf den Plantagen ausgesetzt waren. Fast noch erschütternder als die willkürlichen Gewaltausbrüche der Sklavenhalter und des Lynchmobs, ist die Erkenntnis, wie eng letztlich Rassismus und Kapitalismus miteinander verzahnt sind. Schon Coras Großmutter, die den Sklaventransport aus dem heutigen Benin gerade so überlebt hat, ist von Plantage zu Plantage weiterverkauft worden wie ein Sack Reis. Die Stabilisierung von Ungleichheit und Unmündigkeit, sagt uns Colson Whitehead im Interview, verlief nach einem sehr rationalen System:

"In jedem Moment konntest du verscherbelt werden, deine Mutter konnte verkauft werden, es konnte sein, dass du deine Familie niemals mehr wiedergesehen hast. Entwurzelung war Programm, es sollte keine verlässlichen Bindungen geben für Sklaven, das war Teil des Plans."

Colson Whitehead

Über einem literarischen Kniff - er jubelt der Handlung ein paar phantastische Handlungsströme unter - lässt er Cora nicht nur durch verschiedene amerikanische Bundesstaaten fliehen, sondern auch quer durch die Jahrzehnte. Jahrzehnte des amerikanischen Rassismus, ein Rassismus, der sich immer wieder neue Tarnfarben gibt.

Ibram X. Kendi: Gebrandmarkt: Die wahre Geschichte des amerikanischen Rassismus (C.H.Beck Verlag)

Es passiert nicht allzu oft in einer Lesekarriere, dass ein Sachbuch und ein Roman sich so ergänzen, verzahnen und sich gegenseitig weiter erzählen wie “Gebrandmarkt” und “Underground Railroad”. Der junge Professor und Historiker Ibram X. Kendi hat sich mit „Gebrandmarkt“ einer Mammutaufgabe unterzogen: Auf über 500 Seiten erzählt er „Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika“ – von den Anfängen im frühen 17. Jahrhundert, als die ersten Sklavenschiffe im „Land Of The Free“ anlegten, bis zu den jüngsten Opfern von Polizeigewalt. Dabei entfaltet sich die ganze Wucht von Unterdrückung und ethnischer Ungleichheit und die erschreckende Einsicht: Trotz des Civil Rights Movements und trotz zweier Amtszeiten Obamas hat sich erstaunlich wenig in der rassistischen DNA der USA getan. Immer noch sind Kapitalismus und die Gier nach Profitmaximierung von ein paar mächtigen, weißen und angelsächsischen Männern der Hauptgrund für Rassismus. Nur die Namen haben sich geändert: Die Baumwollplantagen von heute sind die privatwirtschaftlich geführten Gefängnisse, in denen der schwarze Körper gefangen gehalten wird. Die Willkür der Sklavenhalter nennt man heute “Racial Profiling”. In praktisch allen Statistiken zu Bildung und Wohlstand regiert die Ungleichheit. Warum sollte man das ändern? Auch Kendi denkt systemisch, wenn er schreibt:

"Und doch bleiben die meisten gleichgültig. Gleichgültig gegenüber der Notwendigkeit, Gesetze zu erlassen, die das Justizsystem, das Schwarze versklavt, gründlich zu überholen. Ungerührt, um sich für Initiativen einzusetzen, mit denen man die Kriminalität mit mehr Arbeitsplätzen und besseren Jobs bekämpfen könnte. Gleichgültig gegenüber den Aufforderungen, Drogen zu entkriminalisieren und Alternativen zu Gefängnissen zu finden. Wenn der Rassismus beseitigt wäre, fürchten viele Weiße in wirtschaftlichen und politischen Spitzenpositionen, dass damit auch eines der effektivsten Werkzeuge beseitigt wäre, dass ihnen zur Kontrolle und Ausbeutung der Nichtweißen, aber auch der Weißen mit niedrigen Einkommen zur Verfügung steht."

aus: Ibram X. Kendi: Gebrandmarkt

Ta-Nehisi Coates: „Zwischen mir und der Welt“ (Hanser Verlag)

All diese traurigen Fakten nimmt Ta-Nehisi Coates, vielleicht der meist zitierte afroamerikanische Intellektuelle der Gegenwart, und verpackt sie in seinen brillanten Essay „Zwischen mir und der Welt“, den er als Brief an seinen 15-jährigen Sohn tarnt:

"Mein Sohn, ich schreibe Dir in deinem 15. Lebensjahr, denn dies ist das Jahr, in dem du gesehen hast, wie Eric Garner erwürgt wurde, weil er Zigaretten verkauft hat. Du hast gesehen, wie Männer in Uniform Tamir Rice ermordeten, einen 12-jährigen Jungen, den sie ihrem Eid gemäß hätten beschützen sollen. Und spätestens jetzt weißt du, dass die Polizeireviere deines Landes mit der Befugnis ausgestattet sind, deinen Körper zu zerstören. Wenn Du ohne Genehmigung Zigaretten verkaufst, kann dein Körper zerstört werden. Wenn Du dich gegen die Menschen auflehnst, die deinen Körper einfangen wollen, kann er zerstört werden. Die Zerstörer werden selten zur Rechenschaft gezogen. Meist erhalten sie eine Rente. Und Zerstörung ist auch nur die Steigerung einer Herrschaft, die Filzen, Festnehmen, Schlagen und Demütigen vorsieht. All das ist normal für Schwarze. Ein alter Hut."

aus : Ta-Nehisi Coates: Zwischen mir und der Welt

Die Sklaverei – damals wie heute – führt er aus, habe Menschen „für die Maschine Amerika in Treibstoff verwandelt“. Und erinnert uns Leser daran, dass die Superpower USA auf ein geraubtes Land mit der Muskelkraft geraubter und gefangen genommener Körper erbaut wurde.

Der Funken Hoffnung

Die Bücher von Ta-Nehisi Coates, Colson Whitehead und Ibram X. Kendi erzählen die fürchterliche Geschichte des amerikanischen Rassismus. Was tun? Assimilation, Argumente und wohlmeinender Anti-Rassismus werden nicht reichen. Da sind sich die drei Autoren ziemlich einig. Denn die damaligen und heutigen Sklaventreiber haben sich ihre rassistischen Theorien ja selbst erfunden. Sie über Bord zu werfen ist für sie nicht profitabel. Es hilft nur Druck, Solidarität und die Einsicht, dass Rassismus, Klassismus und schrankenloser Kapitalismus vielen schadet, aber nur wenigen nutzt. Ibram X. Kendi schreibt:

"Die Geschichte des Rassismus ist eine Geschichte ungleicher Chancen. Aber es stimmt auch, dass in einer Gesellschaft mit gleichen Chancen, in der nicht das oberste eine Prozent der Bevölkerung das gesamte Vermögen hortet und die Macht hat, auch die große Mehrheit der Weißen profitieren würde. Es liegt im vernünftigen Eigeninteresse der Asiaten, amerikanischer Ureinwohner und Latinos, den gegen Schwarze gerichteten Rassismus loszuwerden. Es liegt im vernünftigen Eigeninteresse der weißen Amerikaner, gegen den Rassismus anzugehen. Denn sie werden den Sexismus, das Klassendenken, die Homophobie erst los, wenn die Schwarzen den Rassismus loswerden. Diese vorherrschenden bigotten Ideen zu unterstützen, liegt nur im Interesse einer kleinen Gruppe reicher, protestantischer, heterosexueller weißer angelsächsischer Männer. Der Rest von uns muss sich einfach nur für die intelligente Lösung entscheiden."

aus: Ibram X. Kendi: Gebrandmarkt


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