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Nach dem Skandal ist vor dem Skandal Pop & Antisemitismus: Kollegah ist kein Einzelfall

"Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen" - was ein bescheuerter Rap. Mittlerweile hat sich Kollegah entschuldigt. Zurecht wird weiter debattiert. Allerdings: Das Problem ist eigentlich viel größer. Und international.

Von: Klaus Walter

Stand: 10.04.2018

Kollegah live | Bild: picture alliance/Eventpress

Kollegah hat ein Statement per Instagram veröffentlicht, in dem er sich direkt an die BILD-Zeitung wendet: "Was ihr macht ist eine Farce. Ihr versucht zwanghaft das Antisemitismusproblem uns reinzudrücken, in unsere schöne Multikulti-HipHop-Kultur Öl ins Feuer zu gießen wo gar kein Feuer ist."

"Zwanghaft", sagt Kollegah, aber da verwechselt er was. Das Zwanghafte liegt auf seiner Seite. Er projiziert seinen Antisemitismusproblem auf andere und macht sich als Täter zum Opfer. Schließlich sind es immer wieder deutsche Rapper - Biodeutsche und Nichtbiodeutsche - bei denen eine geradezu zwanghafte Fixierung auffällt. Es ist eine Fixierung auf die wenigen Juden, die hier leben, und auf den kleinen Staat Israel. Zu groß ist die Verlockung, das Antisemitismus-Tabu zu brechen. Gerade in Teilen des deutschen HipHop.

Was Kollegah falsch verstanden hat I

Je krasser desto besser, das ist die Verwertungs-Logik. So rappt Farid Bang auf einem gemeinsamen Track mit Kollegah eben auch "Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen". Das wird man doch wohl noch sagen dürfen. Und wenn sich dann sogenannte "Auschwitzinsassen" beleidigt oder verletzt fühlen, dann zeigt Kollegah gönnerhaft Verständnis. Allerdings nicht ohne einen Nachtrag: "Und jetzt noch ein paar ehrlich gemeinte Worte an alle jüdischen Vertreter der Bevölkerung: Vielleicht ist man verunsichert, kann sein, durch Zeilen, die man so liest aus dem Kontext gerissen, ich sag euch mal was: wir sind alle Menschen, wer welche Herkunft hat, wer welche Religion hat, das interessiert uns Null."

Die Worte von Kollegah, 1984 geboren als Felix Blume in der Wetterau, lassen tief blicken. Das Wort "Jude" geht ihm nicht über die Lippen, etwas verschwiemelt wendet er sich an die "jüdischen Vertreter der Bevölkerung". "Aus dem Kontext gerissen" werde seine Zeile, sagt Kollegah. Auch da verwechselt er etwas. Er selbst reißt das Wort "Auschwitzinsasse" aus dem Kontext von Massenmord und Vernichtung. Und in diesem Kontext bekommt der nächste Satz eine ganz andere Bedeutung: "Wer welche Herkunft hat, wer welche Religion hat, das interessiert uns Null." Da dürfen wir Kollegah beim Wort nehmen.

Was Kollegah falsch verstanden hat II

Was oberflächlich betrachtet als Bekenntnis zur Toleranz daherkommt, von wegen "wir sind alle gleich", das ist kaum verhüllte Geringschätzung und Aggression: Deine Herkunft, deine Religion und dein Aufenthalt in Auschwitz interessieren mich Null. Aber ich weiß, dass die "Auschwitzinsassen" ihre Wirkung nicht verfehlen werden. Kollegah bedient seine Kundschaft, seine Fans verstehen die Codes. Das bringt Aufmerksamkeit, Klicks, Kontroversen. Kalkül aufgegangen. Kollegah ist kein Einzelfall.

"Baron Totschild gibt den Ton an und er scheißt auf euch Gockel", singt Xavier Naidoo im Song "Raus aus dem Reichstag". Es ist eine Anspielung auf die als jüdisch markierten Rothschilds, die im Zuge der angeblichen jüdischen Weltverschwörung die Kontrolle über Banken, Börsen, Internet und Hollywood haben. Der Popularität von Naidoo tut das keinen Abbruch. Der Schlagersänger aus Mannheim tritt schon mal vor Reichsbürgern auf und äußert sich abfällig über Schwule, da passt eine Prise Antisemitismus ins Profil. Das gilt auch für so manchen afroamerikanischen HipHop-Act.

Wieso der internationale Pop nicht besser dasteht

Viele schwarze Rapper haben Sympathien für die Nation of Islam. Auch Professor Griff von Public Enemy. Der erklärte schon in den 90ern sein Weltbild. Verantwortlich für den Sklavenhandel waren: Juden. Für die Apartheid in Südafrika: Juden. Außerdem kontrollieren Juden das Geschäft mit Juwelen. Wie die schon heißen: Jews und Jewelry, alles klar?

In Großbritannien wiederum grassiert der Antisemitismus in bestimmten Teilen der Linken. Da kommt der Judenhass in Gestalt der sogenannten Israelkritik daher, Stichwort BDS. BDS steht für Boykott, Kapitalentzug und Sanktionen. Die gleichnamige Organisation fordert dazu auf, nicht mehr bei Juden zu kaufen, pardon, den Staat Israel zu boykottieren, und spricht schon mal vom "Apartheidsstaat". Unter den Popstars, die BDS unterstützen, sind Jarvis Cocker und Kate Tempest, Brian Eno und Robert Wyatt und besonders lautstark Roger Waters.

Und wieso wir nicht nur auf Kollegah zeigen können

Der Mitgründer von Pink Floyd ist gerade auf Welttournee. Um Israel macht er einen Bogen, dafür besucht er in ein paar demokratische Musterländer in Osteuropa: Polen, Russland und Ungarn. In Budapest dürfte Waters sich wohlfühlen. Dort hat gerade Viktor Orban die Wahl gewonnen, mit einer Hetzkampagne gegen den jüdischen Milliardär George Soros. Zu den ersten Gratulanten gehörten Beatrix von Storch von der AfD und Horst Seehofer.

Es geht ums Geld. Und gerappter Judenhass bringt Geld, das weiß Kollegah am besten. Sein Album "Jung, brutal und gutaussehend 3" landete auf Platz 4 der deutschen Jahrescharts. Deshalb ist er zusammen mit Farid Bang für einen Echo nominiert. Das ist Pop in Deutschland 2018.

Ein redaktioneller Hinweis: In einer früheren Version des Artikels wurde behauptet, dass die Zeile "Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen" von Kollegah gerappt wird. Diese Zeile wird von Kooperationspartner Farid Bang im gemeinsamen Song "0815" gerappt.


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