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Kommentar Koljah von der Antilopen Gang gelingt in "Nazis rein" eine Reflexion über das Linkssein - fast

Anfang des Jahres sorgte Danger Dan mit seiner Solo-Auskopplung „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ für Aufsehen. Sein Antilopen-Gang-Partner Koljah legt jetzt nach – mit einer Kritik der linken Szene, die in weiten Teilen gelingt und an zwei Stellen versagt. Ein Kommentar.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 19.11.2021

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Koljah - Nazis rein (Antilopen Gang) | Bild: Antilopen Gang (via YouTube)

Koljah - Nazis rein (Antilopen Gang)

Sieben Jahre nach dem politisch bekanntesten Antilopen-Gang-Hit „Beate Zschäpe Hört U2“ legt Koljah nach. Wie schon Danger Dan Anfang des Jahres rappt er solo, wenn auch nicht für eine Solo-Platte, sondern für ein Antilopen-Mixtape, das im Dezemer rauskommt. Und er beschert uns eine selbstreflexive Aufarbeitung des Tracks von damals. Ken Jebsen galt, als der Song damals rauskam, noch als kritischer Geist, rappt Koljah – und die AfD in weiten Teilen als Wirtschaftspartei. Vier Tage vor der Veröffentlichung 2014 seien in Dresden das erste Mal Pegida auf die Straße gegangen. Und dann sei „Beate Zschäpe Hört U2“ ja auch ein Song gegen Verschwörungstheorien gewesen. „Die war’n damals noch funky und nicht verpönt“, heißt es im Song.

Eine Hommage an die Goldenen Zitronen

Angesichts der aktuellen politischen Lage, kriege ich schon ein bisschen Gänsehaut, wenn der Pre-Chorus kickt: „Was sollen die Nazis raus aus Deutschland, was macht denn das für’n Sinn. Die Nazis können doch nicht raus, denn hier gehören sie hin.“ Ein wunderbares Zitat der Goldenen Zitronen, die das in ihrem Song „Flimmern“ vor 20 Jahren schon genauso gesungen haben. Im Jahr 2001 war das ein grandioser Punk-Song, mit dem die Band sich musikalisch weiterentwickelte und zeigte, dass Punk-Songs nicht nur aus hohlen Nazi-Beschimpfungen bestehen müssen, sondern auch avantgardistisch sein und tiefer gehen können. Schon damals war das eine Art Reflexion allzu platter antifaschistischer Punk-Parolen.

Genauso ist es auch bei Koljah im Jahr 2021. Für seine Hook: „Nazis rein, Nazis rein. Deutsche brauchen Nazis, so können sie moralisch sein!“ hat Koljah eine Erklärung: „Das ist durchaus eine Selbstkritik, aber auch ein Statement.“ Zunehmend habe es ihn gelangweilt, dass sich alle auf dieselben gemeinsamen Feinde eingeschossen hätten. Außerdem habe er bei Antilopen-Gang-Konzerten nie verstanden, warum die Leute immer „Nazis raus“ gerufen hätten. „Wieso rufen die nicht einfach Zugabe? Wollen die jetzt noch was hören oder denken die, wir sind Nazis?“ Die Botschaft ist also: Da muss mehr kommen, als ein paar antifaschistische Standard-Phrasen.

Leider packt Koljah die Hufeisen-Theorie aus

Trotzdem: Bei aller Selbstkritik hat „Nazis rein“ auch ein paar etwas unlogische Lines. Zum Beispiel, als es heißt, dass Deutsche Rapper zwar „Fuck AfD“ rufen, aber sich nicht konsequent gegen Antisemitismus stellen. Dass sie außerdem nichts zu Israel sagen und sich mit den Hamas solidarisieren, wie es im Song heißt. Das hat dann wenig mit Neo-Nazis und Beate Zschäpe zu tun. Außerdem rappt Koljah, dass die Deutschen aus der Geschichte gelernt hätten, Antifaschisten zu sein – und der Welt deshalb jetzt wieder zeigen wollen, wie es geht. Das ist dann nicht mehr Selbstkritik, sondern eine künstlerische Umsetzung der Hufeisen-Theorie, also der Idee, dass extrem rechte und extrem Linke sich in ihren politischen Einstellungen wieder angleichen. Denn im Grunde meint Koljah, dass Linke, wenn sie nicht aufpassen, zu Rechten werden. Wenn man bedenkt, dass Linke mit Sicherheit vieles sind, aber keine Neo-Nazis, ist dann auch Koljahs Line: „Vielleicht hört Beate Zschäpe heute Antilopen Gang“ ungefähr so logisch wie ein brennender Gefrierschrank.

Gegen Verschwörungstheorien? Langweilig!

Besser wird’s dann wieder bei der Reflexion der eigenen Kritik an Verschwörungstheorien. „Heute kann man Spiegel TV anmachen oder die ZDF-Heute-Show. Alle machen sich über Verschwörungstheorien lustig und sind sich einig, auf der guten Seite zu stehen“, erzählt Koljah. Also habe er das Gefühl gehabt, er müsse mal was Neues machen. Und so rappt er: „Jeder lacht über Verschwörungstheorien, weil er sich selbst darüber erheben kann.“ Seine Kritik: Viele, die sich selbst noch als links bezeichnen, tragen heute den Machtapparat mit – und sagen gelegentlich mal „Fuck AfD“ oder „Fuck Verschwörungstheorien“. Und so heißt es passend: „Was gestern radikal war, kann heut‘ staatstragend sein.“ Das ist fast ein bisschen wie mit den Grünen. Früher Krawall- und Anti-Establishment-Partei, heute in Koalitionsverhandlungen mit der FDP.

Aber was ist die Lösung? An einer Stelle rappt Koljah, dass wer heute Pazifist ist, die Wirklichkeit nicht sehen will. Wie sein Band-Kollege Danger Dan, der in seinem Kunstfreiheits-Song als letztes Mittel die Militanz ausrief – und sich davon auch nicht distanziert. Ich finde das Schade, denn wenn sich linke Bewegungen auf Gewalt berufen, werden sie auch kein breites Publikum ansprechen – und letztlich auch nicht erfolgreich, sondern nur extremistisch. Aber wer weiß. Das neue Antilopen-Mixtape erscheint im Dezember, vielleicht gibt’s dazu dann eine Erklärung.