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"Verlorene Illusionen" Diese Balzac-Verfilmung zeigt, dass es schon vor 200 Jahren "Fake News" gab

Auch vor 200 Jahren gab es Fake News, mediale Rattenfänger und käufliche Influencer. Es gab den Traum vom sozialen Aufstieg und die bittere Realität des Klassensystems. Die Verfilmung des Romans "Verlorene Illusionen" von Honoré de Balzac zeigt das Schicksal eines jungen Aufsteigers, dem klar ist: Wenn schon scheitern, dann wenigstens in Paris.

Author: Roderich Fabian

Published at: 21-12-2022

Romanverfilmung | Bild: cinemien

Das Besondere an den Romanen Balzacs ist das Beobachten und die Einordnung des Zeitgeistes. Und der war vor zweihundert Jahren gar nicht so anders als heute. "Verlorene Illusionen" spielt im Frankreich der sog. "zweiten Restauration", also in den Jahren zwischen 1815 und 1830, das ist die Zeit zwischen der endgültigen Abdankung Napoleons und der Junirevolution, die die wiedererstarkte Macht des Adels in Frankreich endgültig hinwegfegen sollte. In dieser Zeit kommt die Hauptfigur des Films, der Bürgerliche Lucien Chardon, aus dem provinziellen Angoulème nach Paris, in der Hoffnung auf eine Dichter-Karriere. Der Film setzt immer wieder geschickt direkte Zitate aus Balzacs Roman ein, auch um komplexe Verhältnisse kompakt erzählen zu können.

"Es war die Zeit der Restauration und des Hofadels. Man strebte nun nach persönlichem Erfolg und Wohlstand. Junge Provinzler strömten zu Tausenden in die Hauptstadt und waren entschlossen, ihr Glück zu finden, nur eben fernab von Schlachtfeldern. Doch so oder so: Wenn man schon scheiterte, dann scheiterte man lieber in Paris."

- Honore de Balzac

Das Märchen vom sozialen Aufstieg

Lucien Chardon hat in Paris eine adelige Geliebte, die versucht, ihn in die Gesellschaft einzuführen, aber er muss sehr schnell lernen, dass er - wegen seiner Herkunft - in der Schickeria unerwünscht ist. Die erste Parallele zur Klassengesellschaft heute: Denn immer weniger Menschen gelingt 2022 noch der soziale Aufstieg. Also muss Lucien die künstlerischen Ambitionen in der teuren Stadt schnell begraben. Er nutzt eine Zufallsbekanntschaft, um als Journalist bei einer Boulevardzeitung anzuheuern. Als Medienvertreter bei einem auflagenstarken Blatt gewinnt er allmählich an Einfluss. Und "Verlorene Illusionen" zeigt uns hier den allmählichen Verlust an Integrität und damit die Verrohung eines Charakters.

Die Redaktion von Luciens Arbeitgeber ist durchaus mit der der BILD-Zeitung zu Zeiten Julian Reichelts als Chef vergleichbar. Die nächste Parallele. Allmachtsgefühle und knallharter Sarkasmus breiten sich aus, unterfüttert durch die Einnahmen aus Werbung und gekauften, redaktionellen Artikeln. Man bemerkt: Der Kapitalismus beginnt bereits damit, die Verhältnisse zu ändern. Lucien bekommt die berühmten "Überflieger"-Gefühle, verprasst zu viel Geld und glaubt plötzlich daran, durch Gefälligkeiten gegenüber dem Adel vielleicht doch noch in die Oberschicht zu gelangen. Dadurch gerät er in immer größer werdende Konflikte mit seinem ebenfalls noch jungen Chef.

Schöner Scheitern in Paris

Aber es ist nicht nur die Hauptfigur aus diesem Film, die ihre Illusionen verliert. Es ist auch der Zuschauer, der gar nicht anders kann als Parallelen zur Gegenwart zu entdecken: Auch vor 200 Jahren gab es eben schon Fake News, mediale Rattenfänger und käufliche Influencer, die den Leuten sagten, was sie hören wollten und kaufen sollten.

Dass "Verlorene Illusionen" so authentisch wirkt, liegt aber auch am wohldosierten Einsatz von CGI -also computer-generierten Bildern. Wenn Lucien über eine breite, matschige Straße des Jahres 1822 geht und fast von einer Kutsche überfahren wird, meint man fast, das Paris dieser Zeit riechen zu können. Und das ist eine Illusion, die wir uns so schnell nicht nehmen lassen wollen.

Ab dem 22. Dezember 2022 im Kino. Hier geht's zum Trailer.