Bayern 2 - Zündfunk


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Kino-Betreiber Matthias Helwig „Man macht eine ganze Branche kaputt, wenn man die absurden Auflagen nicht aufhebt“

Kinos stehen in der Corona-Krise am Rande der Existenz. Erst kürzlich schloss in den USA und GB die Kette Cineworld 650 Lichtspielhäuser. Der bayerische Kinobetreiber Matthias Helwig hat uns erzählt, warum die Situation für Kinos gerade sehr bedrohlich ist.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 07.10.2020

Kinobetreiber im BR-Fernsehen | Bild: BR

Matthias Helwig betreibt drei Kinos in Starnberg, Gauting und Seefeld. Außerdem leitet er das Fünf-Seen-Film-Festival. Er hat uns erzählt, wie er die Corona-Situation für Kinobetreiber einschätzt, warum die Kino-Branche besonders bedroht ist und hat zudem einen flammenden Appell an die Politik.

Zündfunk: Herr Helwig, die Kino-Starts von James Bond und von Dune wurden bis ins nächste Jahr geschoben. Wie sehr trifft Sie das mit Ihren Kinos?

Matthias Helwig: Weil ich ein Arthouse-Kino betreibe, trifft es mich nicht voll. Aber trotzdem ist ein James Bond ja ein Film, den eigentlich die ganze Bevölkerung kennt. Das wäre also ein Zeichen gewesen, dass alle sehen: Kinos sind wieder offen und haben jetzt einen brandaktuellen Film. Deswegen ist das schon ein Schlag. Man hangelt sich ja derzeit nur von einem Film zum anderen, oder von einer Hoffnung in die andere. Und zu viele Hoffnungen sind schon zerschlagen worden. Und das ist halt jetzt wieder der Fall. Filme werden verschoben und das trifft uns schon sehr, würde ich sagen.

Mit "Tenet" von Christopher Nolan gab es im Sommer ja den Versuch, einen Blockbuster wieder in die Kinos zu bringen, um die Säle zu füllen. Das scheint ja nicht so gut funktioniert zu haben, wenn die neuen Blockbuster jetzt wieder verschoben werden.

Ich glaube, diese Filme müssten vor allem ein Zeichen setzen. Denn das Zeichen reicht im Moment nicht aus. Die gesellschaftliche Situation ist einfach so, dass die Leute nicht ins Kino gehen. Sie haben das Kino quasi vergessen und deswegen wäre ein James Bond sehr, sehr wichtig. Da sind natürlich auch sehr viele Fehler gemacht worden. Von gesellschaftlicher und politischer Seite, aber auch ein bisschen von unserer.

Welche Filme laufen denn gerade bei Ihnen?

Bei mir laufen letzlich reine Programmkinofilme. Ich zeige im Moment "Persischstunden", "Niemals Selten, Manchmal immer" und ich zeige "Enfant Terrible" und die neue Doku "Ökonomia" nächste Woche. Ich habe auch zwei Wochen "Tenet" gezeigt, aber das war ein bisschen zu spät. Ich habe davon eigentlich gar nichts mitgenommen. Was jetzt ein bisschen Erfolg gezeigt hat, war Jim Knopf. Das heißt, die Kinderfilme scheinen in geringem Maße noch am besten zu funktionieren.

Wie programmieren Sie das Ganze? Werten Sie das so aus, dass die Filme, die gut funktionieren, eventuell auch länger laufen?

Es starten ja immer noch sechs, sieben, acht Filme pro Woche. Das Problem bei diesen Filmen ist aber, dass sie nicht stark genug sind, um in die Aufmerksamkeit einer breiteren Masse zu kommen. Das ist das Problem des Kinos im Moment. Die Cineasten, die früher ins Kino gegangen sind, kommen zur Hälfte wieder, die andere Hälfte hat Angst. Da ist wie in der ganzen Gesellschaft eine Spaltung, wie man mit dieser Corona-Krise umgeht. Und die Masse letztendlich, die nur zwei bis dreimal ins Kino geht, hat noch keinen Film für sich gefunden. Also hat sie auch noch gar nicht wahrgenommen, dass es Kino wiedergibt. Das ist unser Hauptproblem: Es ist nicht in den Köpfen.

Was muss denn passieren, damit es wieder in die Köpfe kommt?

Dazu müsste unbedingt ein politisches Statement kommen, dass ein Kinobesuch völlig unbedenklich ist. Wie auch in Niedersachsen oder Berlin zum Beispiel. Und dass auch diese zwei Sitze Abstand, die wir jetzt haben, einfach viel zu viel sind für ein ganz normales Sehen im Kinosessel vor einer großen Leinwand. Das ist einfach völlig absurd gerade. Wir haben Fußballspiele, wo die Leute sich berühren und überhaupt keinen Abstand haben. Aber wir haben ein Kino mit hervorragender Lüftung, wo man ohne sich zu Umarmen dasitzt und einen Film anschaut. Und hier haben wir strengere Maßnahmen als auf dem Spielfeld. Es ist so vieles absurd, man macht eine ganze Branche einfach kaputt. Mit jeder Woche weiter, macht man sie kaputt, wenn man diese Absurden Auflagen nicht aufhebt. Das ist dringend nötig, dringend nötig, dringend nötig. Was soll ich noch sagen?

In den USA schließt ja mit Cineworld auch eine Kette, an die 650 Lichtspielhäuser, 37.000 Menschen bangen um ihre Jobs. Expert*innen gehen von einem weltweiten Domino-Effekt aus. Sehen Sie diese Bedrohung auch?

Auf alle Fälle. Die Bedrohung ist da, es gibt noch Förderungen, aber die halten auch nur einen Teil von den Verlusten auf. Je länger das mit diesen Bedingungen dauert, desto weniger werden wir überleben. Da tickt die Zeitbombe.

Sie sagen auch, Sie können nicht nachvollziehen, warum kein Bundesminister die Schirmherrschaft über die deutschen Kinos übernimmt. Was muss da passieren?

Ein richtiges Statement wäre, wenn ein Bundesminister oder ein bayerischer Minister ins Kino ginge, und sagen würde: „Es ist ein toller Abend gewesen.“ Dann würden die Bundesbürger das sehen, und sie würden sehen, dass es vollkommen unbedenklich ist.

Matthias Helwig war vor kurzem auch im BR-Fernsehen zu sehen. In der Münchner Runde diskutierte er mit Innenminister Joachim Herrmann über die Corona-Auflagen in den Kinos.


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