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Marlen Haushofer-Verfilmung Der Film "Wir töten Stella" wirkt wie ein beklemmender Kommentar zur Metoo-Debatte

Eine Familie nimmt eine junge Studentin bei sich auf und richtet diese allmählich zugrunde. "Wir töten Stella" ist bereits die zweite Marlen Haushofer-Verfilmung mit Martina Gedeck: Eine Studie über Gewalt, Macht und Sex. Grandios.

Von: Roderich Fabian

Stand: 17.01.2018

Wir töten Stella (Filmstill) | Bild: Picture Tree International

Marlen Haushofers Erzählung „Wir töten Stella“ ist 1958 erschienen. Der österreichische Regisseur Julian Pölsler hat die Geschichte in die Gegenwart versetzt, was kein Problem war. Denn: Die Gedanken, die die Hausfrau Anna umtreiben, sind zeitlos. Martina Gedeck spielt Anna, die sich am Anfang des Films hinsetzt, um das aufzuschreiben, was sie mit der jungen Stella erlebt hat: „Ich muss über sie schreiben, ehe ich anfangen werde, sie zu vergessen. Denn ich werde sie vergessen müssen, wenn ich mein altes, ruhiges Leben wieder aufnehmen will. Denn das ist es, was ich wirklich möchte: In Ruhe leben können, ohne Furcht und ohne Erinnerung. Es wäre mir viel lieber, ich könnte mit ihr tauschen und müsste nicht hier sitzen und ihre jämmerliche Geschichte schreiben, die auch meine jämmerliche Geschichte ist. Viel lieber wäre ich tot - wie sie.“

Studie über Gewalt, Macht und Sex

Martina Gedeck spielt Anna

Ja, Stella ist tot. Sie hat sich vor einen Lastwagen geworfen. Wie es dazu kam, erzählt der Film dann in Rückblenden. Aber er kehrt immer wieder zur schreibenden Anna zurück. Und bei diesen Gelegenheiten wird jedes Mal aus dem Originaltext von Marlen Haushofer zitiert. „Wir töten Stella“ ist eben auch eine Hommage an eine große Autorin, die 1970 nur 49-jährig starb. Regisseur Julian Pölsler sieht sich eher als Interpret der Novelle: „Für mich ist diese Treue gegenüber meinen Autoren, die die Originalwerke schreiben, immer sehr groß. Weil ich eben glaube, dass man als Filmemacher zwar weiter sieht als die Schriftsteller, aber auch nur weil man ein Zwerg auf den Schultern von Riesen ist.“

Das Schöner-Wohnen wird zum Alptraum

Tatsächlich besteht ein Großteil des Films aus der Bebilderung von inneren Vorgängen, aus Alpträumen und Wahnvorstellungen, was immer eine große Herausforderung für einen Regisseur darstellt. Anna lebt in einer schönen und perfekt eingerichteten Villa in der Wiener Vorstadt. Ihr Mann ist erfolgreicher Scheidungsanwalt, die beiden Kinder sind wohlgeraten - es ist das perfekte großbürgerliche Idyll. Stella, die Tochter einer von Annas Freundinnen, zieht vorübergehend in der Villa ein, um in Wien zu studieren. Und es ist von Anfang an klar, dass Stella nicht hineinpasst in diesen Schöner-Wohnen-Traum. Die Familie begegnet ihr höflich, aber distanziert. Stella fragt jedes Mal zuerst „Störe ich?“, wenn sie die Familie anspricht. Anna macht halbherzige Versuche, die unsichere Stella auf ihr nobles Level zu heben, stößt aber auf die Abwehr ihres selbstherrlichen Mannes Richard, gespielt von Matthias Brandt.

Ein aktueller Beitrag zur #Metoo-Debatte

Hausherr Richard (Matthias Brandt) behandelt Frauen wie sein Eigentum

Richard wird Stella ins Unglück stürzen, wie er das zuvor schon bei seiner Frau getan hat, mit seiner kalten, patriarchalischen Art. Er lebt nach dem Motto „Wer zahlt, schafft an“ und behandelt sowohl seine Ehefrau als auch Stella wie sein persönliches Eigentum, über das er in jeder Hinsicht - also auch in sexueller Hinsicht - verfügen kann. Und ein unbestrittenes Machtgefüge verhindert Konsequenzen. Anna, die Wohlstand mit Glück verwechselt, wird schweigen und Stellas Untergang tatenlos mitansehen. Und auch der Teenagersohn wird seinen Anteil daran haben. Deswegen heißen Erzählung und Film „Wir töten Stella“.

Diese strenge und sehr ernste Literaturverfilmung ist - mit langen Einstellungen und unterlegter Cellomusik - eine Studie über Gewalt, Macht und Sex in einem Klima des Schweigens und Verdrängens. Der oft zitierte Originaltext aus den 50er Jahren wirkt hier wie ein aktueller Beitrag zur #Metoo-Debatte. Man darf auf weitere Marlen-Haushofer-Verfilmungen hoffen.


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