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"Bohemian Rhapsody", "X-Men" und Co. Straightwashing im Kino - wenn aus einer schwulen Figur plötzlich ein Hetero wird

"Bohemian Rhapsody", "Black Panther" und "X-Men" - was diese Filme eint: Sie verraten ihre queeren Charaktere: Sie werden kurzerhand heterosexuell. Straightwashing nennt sich das.

Von: Maria Fedorova

Stand: 22.11.2018

Bohemian Rhapsody - Filmstill | Bild: 20th Century Fox

Es war der Kino-Shitstorm des Jahres, noch bevor überhaupt jemand den Film gesehen hatte: „Bohemian Rhapsody“, das Biopic über die Queer-Ikone schlechthin, Freddie Mercury, spielt die Homosexualität des Sängers runter. Der Trailer versucht „Bohemian Rhapsody“ als eine Frau-Mann-Liebesgeschichte zu verkaufen. Und auch im Film selbst, sagen Kritiker, wird Mercurys Sexualität gewertet: Es gibt die dämonisch-böse Seite, die schwule und die gute heteronormative. Kurz gesagt: „Bohemian Rhapsody“ betreibt „Straightwashing“.

Die Mehrheit der Zuschauer ist ja heterosexuell

„Straightwashing klingt erstmal sehr chic, bezeichnet aber etwas sehr Einfaches. Sie nehmen eine Figur in einem Film, die in der Vorlage schwul oder lesbisch ist und machen daraus einen heterosexuellen Charakter“, erklärt Michaela Krützen, Professorin für Filmwissenschaft an der Hochschule für Film- und Fernsehen in München. Und: Straightwashing hat Tradition in Hollywood: „Möglichst viele Leute sollen in den Film gehen. Statistisch gesehen, ist die Mehrheit der Zuschauer heterosexuell. Also, versucht man diese Gruppe besonders anzusprechen. Bei 'Troja' wurde beispielsweise gesagt, machen wir die Charaktere besser heterosexuell, damit sich erst gar keiner daran stören kann. Natürlich spielen auch andere Marktüberlegungen eine Rolle. Das heißt für Länder, in denen Homosexualität verboten ist, betreibt man auch Straightwashing.“

Mystique aus "X-Men" ist in der Comic-Vorlage bisexuell - im Kino nicht mehr

So wurde in „X-Men“ die bisexuelle Figur Mystique heterosexualisiert. Auch der große Afrofuturismus-Wurf „Black Panther“ hätte inklusiver werden können – aber die lesbische Beziehung aus dem Comic wurde in der Verfilmung dann doch wegradiert. Dass die Blockbuster-Macher Angst vor zu viel Gender-und-Race haben, beweist auch Roland Emmerich: Der Mann bleibt stets lustvoll-kreativ bei der Zerstörung der Welt, ist aber ziemlich unkreativ bei der Zerstörung der queeren Stereotypen in seinem Film „Stonewall“.

Roland Emmerichs Publikumstests

"Stonewall“ zeigt die Geschichte der Christopher Street Bewegung - also die Hochglanz-Version davon... Wie man es schafft, diese Geschichte straightzuwaschen? In der Wirklichkeit war das Marsha P. Larson, die den ersten Stein bei dem Protest geworfen hat, eine queere Transgender-Frau und Person of Color. Im Film übernimmt das der weiße schwule Mann Danny. Eine Geste der kreativen Freiheit? Emmerichs Antwort im Buzzfeed-Interview ist entlarvend:

“Ich habe diesen Film nicht nur für schwule Menschen gemacht, ich habe ihn auch für ein straightes Publikum gedreht. Beim Ausprobieren habe ich festgestellt, dass Danny straighte Leute leichter in die Geschichte reinführt. Sein Verhalten ist oft hetero. Heterosexuelle Zuschauer können sich da besser hineinversetzen.“

Der Serienmarkt zieht einmal mehr am alten Hollywood vorbei

Ist das Publikum nicht so weit? Oder Hollywood? Natürlich, wir leben immer noch in einer hetero-normativen Gesellschaft. Aber: Der boomende Serienmarkt hat es geschafft, starke und widersprüchliche, queere, transgender und multikulturelle Charaktere in die Storys einzuführen. Und „Orange is the New Black“, „Games of Thrones“, „Gossip Girl“ oder „Mr. Robot“ sind zu Mainstreamerfolgen geworden! Mit seinem immer neuen Varianten von Straightwashing zeigt die Blockbuster-Industrie nur einmal mehr, dass es zum alten Eisen gehört.


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