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"Todesverachtung To Go" Warum wir den Wortakrobaten-Rap von Kinderzimmer Productions so vermisst haben

2011 erschien noch ein Livealbum des Ulmer Duos, dann war Schluss. Rapper Textor zog nach Berlin. Nun sind Kinderzimmer Productions überraschend zurück. Zum Glück! Noch nie fehlten Wortsportler dem Deutsch-Rap so wie heute, sagt Ralf Summer.

Von: Ralf Summer

Stand: 20.01.2020

„Ihr Freunde der gediegenen Erwachsenenunterhaltung, jetzt ist es wieder Zeit:“ Zeit für Henrik von Holtum und Sascha Klammt, seit Mitte der 90er eine verlässliche Größe im deutschen Hip-Hop. Ihre Songs hießen „Ulm Westend State of Mind“, „Das Gegenteil Von Gut Ist Gut Gemeint“ oder „Wir Sind Da Wo Oben Ist“. Kinderzimmer Productions ging es nie ums Posen: Wie hart? Wie kriminell? Wieviel gekifft? Sie haben immer Universums-Hopping betrieben, wollten uns mit Musik losschicken gen unendliche Weiten. Hip-Hop, so Henrik alias Textor, habe nach Public Enemy eine andere Ausfahrt genommen, ihn interessiere mehr, was passiert, wenn man weiterfährt.

Die Texte von Kinderzimmer Productions sind einzigartig. Textor beobachtet Dinge, schreibt sie auf, dann fällt ihm ein Satz ein, der nicht geplant war. Der das Lied von der Originalidee wegdreht und dem Text eine neue Bedeutung gibt. Ihn interessieren Dinge dann, wenn sie ihre eigene Brechung schon beinhalten. So erklärt Textor den Titel des Albums folgendermaßen: „‘Todesverachtung To Go‘ war mein Versuch, das englische Wort ‚Bravado‘ zu übersetzen: Man ist 10:1 in der Unterzahl, hat ein rostiges Taschenmesser und steht den Armeen der Finsternis gegenüber. Und anstatt sich ins Hemd zu machen, drückt man die Brust raus und sagt: ‚Dann kommt, ihr Schwachmaten‘. Das ist für mich ‚Todesverachtung‘”. Original stammt das „Bravado“ aus einem Zitat von Ice T., der wiederum sagen wollte, „dass Leute, die außerhalb der Kultur stehen, nicht verstehen, dass Hip-Hop eigentlich zu 99 Prozent straight up Black Bravado ist.“

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Boogie down | Bild: Kinderzimmer Productions - Topic (via YouTube)

Boogie down

Neben der Ice T-Anspielung spielen auch ander Old-School-Namen wie Run DMC und Boogie Down Productions eine Rolle auf der neuen Platte – „Boogie Down“ heißt gar ein neuer Song der KiZis.

Vom Pop zur Politik

Wenn man Textor, einen der Routiniers im Deutsch-Rap, nach dem Hip-Hop von heute fragt, wechselt er vom Pop zur Politik. Ihm fällt die Sprache des US-Präsidenten ein: „Die Art, wie Donald Trump redet, ist eigentlich totaler Shit Talk. Es gibt so Zitate, wo er sagt: ‘We’re gonna do so much winning, you’re gonna be tired of winning. You will come and ask: Please, Mr. President, can you please stop winning’. Das ist astreiner Hip-Hop-Jargon.“

Es wird nicht viele deutsche Rapper geben, die sich mit Sprache, Soziologie, mit Wahrnehmungspsychologie beschäftigen. Eigentlich ein Jammer, denn das Genre kann ja dank seiner Wortlastigkeit eigentlich viel verhandeln. Aber der männlich dominierte Deutsch-Rap von heute bzw. der, den wir mitkriegen, hat andere Prioritäten, so Textor: „Ich glaube, dass es DEN deutschen Hip-Hop auch nicht mehr gibt. Es gibt viele unterschiedliche Strömungen und ich glaube, die stehen sich untereinander auch nicht so auf den Füssen. Das Hauptkriterium ist: ‚Verdienst du Geld damit? Na, dann ist doch gut!‘“

Old School

Kinderzimmer Productions können nicht verstehen, dass der alte Künstlerkodex nicht mehr gilt: Das, was es schon mal gab, wird nicht nochmal so gemacht. Der Mangel an Originalität in ihrem Genre nervt die beiden. Cloud-Rap mit seinen ewigen Autotune-Stimmen findet Textor zwar soziologisch interessant, aber „nicht gut für seine Seele“. Er hört privat ohnehin lieber Sleaford Mods und Gil Scott-Heron.

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Kinderzimmer Productions - Es Kommt In Wellen | Bild: groenlandrecords (via YouTube)

Kinderzimmer Productions - Es Kommt In Wellen

Auf dem neuen Album von Kinderzimmer Productions sind nur auf einem Stück Gäste zu hören: Fettes Brot. Ansonsten ziehen sie ihr Ding allein durch. Gut so! Endlich gibt es wieder mal Rap aus der linken Hirnhälfte, dem Sitz des Sprachzentrums. Schön, dass sie mit ihrem Linguisten-Swing wieder da sind. Und mal sehen, ob Textor, der nun Papa geworden ist, auch ein bisschen Baby-Dada mit reinbringen wird. Kinderzimmer Productions eben.


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