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„Die Mutter der Erfindung“ Katrine Marçal erzählt die weibliche Geschichte der Erfindung

Kann man sich heute kaum mehr vorstellen: E-Autos und Rollkoffer waren mal was fürs "schwache Geschlecht". Mann trug den Koffer lieber und betätigte die Handkurbel am Benziner. Die Autorin Katrine Marçal erzählt amüsant über das Weibliche am Fortschritt - und fordert eine neue Aufteilung der Welt.

Von: Barbara Streidl

Stand: 05.05.2022

Bertha Benz | Bild: picture alliance / akg-images | akg-images

Die ersten Elektroautos galten als „Weiberwagen“. Um die an den Mann zu bringen, brauchte es nicht nur Elon Musk, wie die schwedische Autorin Katrine Marçal sagt, sondern auch einen ganz schön langen Atem: „Leute wie Musk haben lange gebraucht, um diese Technologie wiederzuentdecken und dann auf eine männlichere Weise zu branden: Heute fahren mehr Männer als Frauen E-Autos. Unsere Wahrnehmung von Geschlecht verändert sich. Es war ein Irrtum zu sagen, diese Autos seien feminin, undenkbar für einen Mann so etwas zu fahren. Und heute ist es genau andersrum.“

"Im selben Jahr, als Ford sein revolutionäres Fahrzeug auf den Markt brachte, kaufte er für seine Frau Clara ein Elektroauto. Das erschien ihm passender für sie. Clara Fords Zweitwagen und den knatternden Ford Model T trennten Welten. Ihr Auto war wie ein stilvoller Salon auf Rädern, eine motorisierte Sitzgruppe, auf der sie sich mit Freundinnen zu einer gemütlichen Spritztour durch die Stadt zusammenfinden konnte."

aus: ‚Die Mutter der Erfindung‘ von Katrine Marçal

Pionierin Bertha Benz

Bertha Benz hält an einer Apotheke

Was nicht alle wissen: Frauen waren durchaus auch in der Benzin-Automobilindustrie Pionierinnen. Die erste weite Strecke mit einem Benziner ist eine Frau gefahren: Bertha Benz, verheiratet mit Carl Benz. Sie ist heimlich mit ihren zwei Söhnen ins Auto gestiegen und ohne Wissen ihres Mannes rund 100 km durch den Schwarzwald gefahren.

"Erst einmal verstopfte die Benzinleitung, und Bertha musste sie mit einer Hutnadel wieder gängig machen. Dann musste ein freiliegendes Zündkabel isoliert werden, wozu sie eins ihrer Strumpfbänder verwendete. Bei einem Zwischenhalt bat Bertha einen Schuster, die Bremse mit Leder zu bespannen. Schon hatten sie und ihre Söhne die Bremsbeläge erfunden."

aus: ‚Die Mutter der Erfindung‘ von Katrine Marçal

Geld ist immer noch vor allem in Männerhänden

Praktische Dinge, die uns heute selbstverständlich erscheinen, haben Menschen entwickelt, um unser aller Leben besser zu machen: Das sollte man meinen, vom Auto bis hin zum Rollator (den hat übrigens die Schwedin Aina Wifalk erfunden). Das ist aber dann doch nicht so, wie Katrine Marçal in ihrem Buch zeigt: Manche Dinge wie eben z. B. Autos sollten lange Zeit nur für die einen (zumeist: Männer) zugänglich sein. Unsere Welt ist heute immer noch zweigeteilt, auch wenn manche sagen, das Patriarchat wäre abgeschafft. Und Geld ist immer noch vor allem in Männerhänden, erklärt Marçal: „Beim Thema „Frauen und Innovationen“ tut sich einfach nichts. Ich bin Schwedin, wir sind berühmt für Geschlechtergerechtigkeit, doch selbst in Schweden verfügen Männer über 99 Prozent des gesamten Risikokapitals. Das ist überall so. Und darum geht es mir in meinem Buch: Frauen waren immer anwesend in der Geschichte der Erfindungen und sind für mehr Innovationen verantwortlich als die meisten denken. Trotzdem ist unsere Wirtschaft bis heute so, dass es für Frauen schwer ist, Unterstützung und Kapital für ihre Ideen zu erhalten. Dass wir Innovationen brauchen, haben wir in der Pandemie ja gesehen. Und wenn wir glauben, dass Frauen hier zumindest dasselbe Potential haben wie Männer, dann sollten wir das unterstützen. Das tun wir derzeit nicht.“

Was passiert nach der Digitalisierung?

„Die Mutter der Erfindung“ von Katrine Marçal ist im Rowohlt Verlag erschienen

Am Ende ihres Buches malt Katrine Marçal eine Zukunft, in der viele Bereiche unseres Lebens bedingt durch die Digitalisierung von Maschinen übernommen werden. Was passiert, wenn Tausende von LKW-Fahrern nicht mehr gebraucht werden, weil Waren mit selbstfahrenden Trucks automatisiert verschickt werden? Gehen sie dann in die Pflege, ein Bereich, den Maschinen nicht ohne Weiteres übernehmen können, aber indem nach wie vor Personal fehlt? Katrine Marçal: „Es sind ja schon ganz andere Sachen geschehen! Einst war es unvorstellbar für einen Mann, einen Koffer mit Rollen zu haben, deswegen wurde so etwas nicht hergestellt. Heute hat jeder Businessmann einen Rollkoffer. Elektroautos wurden als etwas gesehen, das nur für Frauen gemacht ist, und heute nutzen Männer sie. Das hat es immer wieder gegeben, zuerst steht etwas fest, und dann kommt doch eine Veränderung. Also ja, vielleicht ist das die Zukunft. Vielleicht war nicht der Fehler, dass wir Mädchen zu wenig ermuntert haben, zu programmieren, sondern dass wir Jungen zu wenig ermuntert haben, sich um Pflegearbeit zu kümmern. Das steht ja auch in meinem Buch, dass Frauen die ersten Programmiererinnen, also die Erfinderinnen von Software waren. Da gibt es also eine weibliche Geschichte – es ist nur viel komplizierter als wir denken.“

Bereit für eine neue Aufteilung der Welt

Katrine Marçal gibt uns in ihrem Buch „Die Mutter der Erfindung“ nicht nur jede Menge anekdotischen Stoff in Sachen „Frauen waren dabei, wenn es um die großen Erfindungen geht“, sie setzt auch souverän an einem wichtigen Thema an: Wollen wir, dass sich Geschichte wiederholt - oder sind wir bereit für eine neue Aufteilung der Welt?

„Die Mutter der Erfindung“ von Katrine Marçal ist am 4.3.2022 im Rowohlt Verlag erschienen. 299 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. Kostet 22,- EUR. Übersetzerin aus dem Englischen: Gesine Schröder