Bayern 2 - Zündfunk


6

"I Think I`m Good" Kassa Overall steigt mit seinem neuen Album in die Jazz-Oberliga auf

Auf seinem Album „I think I’m good“ überschreitet Kassa Overall mühelos die Grenzen zwischen Pop, R&B und Jazz, verarbeitet die Folgen seiner bipolaren Störung und engagiert sich für eine Fortsetzung der amerikanischen Bürgerrechtsbwegung.

Von: Roderich Fabian

Stand: 02.03.2020

Musiker steht an der Wand | Bild: Kassa Overall/Roughtrade

„The Best Of Life Is Truly Free“ singt Kassa Overall und meint das durchaus politisch: Die Freiheit, die Kreativität, die Schönheit der Natur kann man für Geld nicht kaufen. Überhaupt dominiert hier eine positive Grundhaltung, heißt das Album doch: „I Think I’m Good“. Der 40-jährige Kassa Overall sieht sich dabei vor allem als jemand, der Krisen überwunden hat. Mehrfach musste er in den vergangenen Jahren wegen einer bipolaren Störung unfreiwillig Zeit in einer geschlossenen, psychiatrischen Anstalt verbringen. Ergebnis ist der Song „Show Me a Prison“.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Kassa Overall - Show Me a Prison (Feat. J Hoard & Angela Davis) | Bild: Brownswood Recordings (via YouTube)

Kassa Overall - Show Me a Prison (Feat. J Hoard & Angela Davis)

Kassa Overall - kein Künstlername, er heißt wirklich so! - arbeitet sich am Gefühl der Unfreiheit ab. Am Ende des Songs hören wir dann eine kurze Grußbotschaft von seinem Anrufbeantworter: Angela Davis, Ikone der Bürgerrechtsbewegung aus den Sechziger Jahren, spricht dem Musiker Mut zu. „Be good. I just wanted you to know that we are totally supporting you. Stay strong, my brother!“

Vom "Hype Man" zum Jazzer

Ja, Kassa Overall ist gut vernetzt - und zwar gleich in mehreren Szenen. Der in Seattle geborene Musiker hat in New York Jazz studiert, dort mit diversen Jazz-Größen live gespielt und Platten aufgenommen, aber auch das Hip-Hop-Projekt „Kool and Kass“ gegründet, mit dem Polit-Rapper Kool A.D. von der Band „Das Racist“. Außerdem ist er Mitglied der Combo des Pianisten Jon Batiste, die die Hausband von Late-Night-Talker Steve Colbert ist. Aber hier fungiert er nicht als Drummer , sondern als DJ und Geräuschemacher: als sogenannter „Hype Man“.

Die Musik auf „I Think I’m Good“ ist nur schwer zu klassifizieren. Manches hier klingt wirklich nach modernem Jazz mit Harfen, Vibraphonen und Flöten, dann kommen wieder gesampelte Breakbeats ins Spiel oder lyrische Piano-Balladen, manchmal auch alles in einem einzigen Track. Kassa Overall hat die Zeichen der Zeit erkannt: Anything goes, scheiß auf Abgrenzungen! Er bedient sich einfach aus dem großen, weiten Fundus moderner Musik und bekämpft damit seine inneren Dämonen.

Kassa Overall ist einer für die Jazz-Oberliga

Kassa Overall ist auch als Produzent auf dem Stand der Technik. Er hat immer sein Laptop dabei und mischt seine Tracks mit Kopfhörern auf der Bettkante ab oder im Wartesaal eines Bahnhofs oder in der Garderobe des Fernsehstudios. Das alles widerspricht den traditionellen Vorstellungen von Jazz, wo eine Band kollektiv improvisiert und möglichst authentisch daherkommen soll. Kassa Overall sieht sich jedoch als Individualist im Sinne aktueller Electro-Produzenten.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Kassa Overall - "My Friend ft. Arto Lindsay" (Official Video) | Bild: KASSA OVERALL (via YouTube)

Kassa Overall - "My Friend ft. Arto Lindsay" (Official Video)

Spätestens mit „I Think I’m Good“ steigt Kassa Overall in die Oberliga des wirklich modernen Jazz auf, was nicht heißen soll, dass nicht demnächst wieder ein Hip-Hop-Track von ihm kommen könnte oder ein straighter Popsong. Der Mann genießt die Vorzüge der Freiheit in vollen Zügen, einfach weil er weiß, wie sich Unfreiheit anfühlt.


6