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Karolin Schwarz über Rechtsextreme "Die Gruppe S will einen Bürgerkrieg herbeiführen - die wähnen sich im Krieg"

Rechtsextremismus, Fake-News, Hass im Netz. Karolin Schwarz ist Expertin bei diesen Themen. Wir haben sie zum Interview getroffen und mit ihr über ihr neues Buch "Hasskrieger - Der neue globale Rechtsextremismus" gesprochen.

Von: Oliver Buschek

Stand: 19.02.2020

Buch-Autorin und Jpurnalistin | Bild: picture alliance / Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

Rechtsextremismus passiert heutzutage nicht mehr nur in geheimen Treffen und bei Nazi-Stammtischen, sondern auch im Internet. Die Journalistin Karolin Schwarz hat darüber ein Buch geschrieben - mit dem Titel "Hasskrieger - Der neue globale Rechtsextremismus". Darin beschreibt sie, wie sich Rechte auf der ganzen Welt im Netz zusammenschließen und dort ihre Ideologie und Verschwörungstheorien verbeiten. Über ihr Buch haben wir mit Karolin Schwarz gesprochen.

Oliver Buschek: Du hast das Buch im letzten März begonnen, ungefähr zur Zeit des Attentäters in Christchurch und es gab seitdem weitere Anschläge, die deine Arbeit begleitet haben. El Paso, Walter Lübcke, die Synagoge in Halle. Und nun, da das Buch gerade erschienen ist, fliegt eine rechte Terrorzelle in Deutschland auf. Haben diese Einblicke deinen Blick auf das Buch nochmal verändert?

Karolin Schwarz: Klar hat das was verändert, dass es weitere Anschläge nach dem Modell von Christchurch gab. Das war schon nochmal eine Herausforderung, das in seiner Kontinuität zu beschreiben. Dass jetzt noch einmal eine Terrorzelle auffliegt, die auch vorherigen Zellen sehr ähnlich ist, ist aber nicht so ungewöhnlich. Es wird tatsächlich auch noch weitere geben. Wir hatten "Revolution Chemnitz", die "Gruppe Freital"… in der Sphäre bewegen die sich ja alle ideologisch.

Kommt es einem nur so vor, oder nimmt rechter Terror tatsächlich zu?

Es ist enthemmter geworden in den letzten Jahren. Es vernetzt sich international, zumindest, wenn wir auch gerade auf Halle schauen im letzten Oktober. Da ist ganz klar eine internationale Vernetzung und eine ideologische Bezugnahme auch auf Christchurch aber auch Anders Breivik und andere Rechtsterroristen.

Dein Buch heißt Hasskrieger. Wenn ich dich richtig verstehe, geht es aber nicht nur um die Terroristen, oder?

Nein, tatsächlich bedeutet Krieg in gewissem Maße auch ideologische Kriegsführung, die ja durchaus passiert. Zudem ist es so, wenn wir jetzt die Gruppe S uns anschauen, die ja gerade erst aufgeflogen ist, die wollen auch einen Bürgerkrieg herbeiführen. Die wähnen sich im Krieg. Und das, was sie online herbeiführen, ist ein Puzzle-Teil in diesem ganzen ideologischen rechtsextremen Raum.

Für wie „aussichtsreich“ hältst du eigentlich diese Pläne? Ist das überhaupt möglich, mit Terror einen Bürgerkrieg herbeiführen zu können?

Das ist schwierig zu sagen, aber zumindest eine ideologische Denke, die sich über viele Gruppen schlägt. Offensichtlich verfolgt man eine Strategie des Akzelerationismus, das benennen viele so. Und die Idee dahinter ist, einen Umbruch oder einen Zerfall der Gesellschaft herbeizuführen durch Krieg und dann im nächsten Schritt den Aufbau einer neuen Gesellschaft nach Vorbild der Rechtsextremen. Darauf hat sich auch Franco A. bezogen, der Bundeswehrsoldat, der festgenommen wurde als mutmaßlicher Rechtsterrorist, der eben Anschläge Syrern unterschieben wollte.

Wo hast du recherchiert für dein Buch?

Ich war sehr viel auf Telegram unterwegs, weil es eines der wichtigsten Tools für Rechtsextreme heute ist. Ein Messenger-Dienst ähnlich wie WhatsApp, außer, dass man kaum Begrenzungen hat, was die Gruppen und Kanäle betrifft und deshalb sehr viel mehr Leute erreichen kann. Und auch Islamisten haben vor Jahren angefangen, Telegram zu nutzen, weil dort sehr wenige Inhalte gesperrt werden.

Was hast du da erlebt?

Man fühlt sich da schon sehr unter sich, teilweise. Auch, wenn immer wieder darauf hingewiesen wird, dass Leute mitlesen könnten. Aber es ist schon so, dass es durch diese Nähe, die man hat und wo man auch ständig Notifications bekommt, sehr viel Gewaltverherrlichung gibt und sehr viel Antisemitismus. Es gibt auch die Gruppierungen, die Terror-affin sind und Terrorverherrlichung dort eben in die Breite tragen.

Da wird einem anders, wenn man das liest.

Da wird einem anders. Und wenn man das so den ganzen Tag, sogar wochenlang macht, hat man auch das Gefühl, es gibt nur noch böse Menschen. Aber, wenn man dann vor die Tür geht, geht es meistens wieder.

Du selbst hast ja vor allem einen Blick auf Falschmeldungen und Fake-News im Internet. Du hast das Projekt „Hoaxmap“ gegründet, das vor allem Fakes klarstellt, gegenrecherchiert, aufdeckt, die mit Flüchtlingen zu tun haben. 2016 ist das losgegangen. Wie ist das heute, sind Fake-News noch etwas, das ähnlich relevant ist wie vor vier Jahren?

Karolin Schwarz und Oliver Buschek

Abseits des Rechtsextremismus ist es ganz klar jetzt mit dem Corona-Virus wahnsinnig relevant, das sehen wir gerade weltweit. Das ist unglaublich. Es ist anders geworden, was die Falschmeldungen im Deutschsprachigen Internet betrifft. Das heißt, es gibt mehr verschwörungsideologische Anleihen, die so ein bisschen raunend daherkommen. Geheime Einwanderungspläne, zum Beispiel. Nicht mehr so sehr die lokalisierten Falschmeldungen von Geflüchteten, die Straftaten begehen. Das hat sich ausdifferenziert. Dazu kommt aber auch noch der Klimawandel, der sehr bearbeitet wird. Auch gerade aus dem rechten Spektrum mit Falschmeldungen und Verschwörungsmythen.

Kommt man da noch hinterher mit Aufklärung?

Muss man. Teilweise ist es auch einfach gefährlich. In Bezug auf das Corona Virus, wo es auch wieder antisemitische Bezüge gibt zum Ursprung, da muss man aufklären. Es gibt Falschmeldungen dazu, dass man Bleichmittel trinken soll, da muss man Dinge tun, ganz klar. Und auch um eine weitere Spaltung in der Gesellschaft vorzubeugen, muss man was tun und diese Narrative, die dahinterstecken aufzeigen. Das ist wichtig. Man kommt nicht hinter jede einzelne Falschmeldung. Aber man kann sehr viele Mechanismen dahinter aufzeigen.


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