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Neuer Essay-Band Autorin Juliane Liebert zeigt in "Hurensöhne!", wie spaßig produktives Schimpfen sein kann

In ihrem neuen Essay-Band sinniert Autorin Juliane Liebert über das Schimpfen und erklärt, wo die der Unterschied zwischen produktivem und vernichtend langweiligem Schimpfen liegt. Dafür nennt sie auch viele Beispiele. Von Klaus Kinski über Georg Kreisler bis zu Rio Reiser. Wir haben reingelesen.

Von: Roderich Fabian

Stand: 25.05.2020 16:18 Uhr

Klaus Kinski | Bild: New World Releasing/Courtesy E

In diesem schmalen Essay-Band geht es nicht um deutschen Hip-Hop und auch nicht um die Beleidigungskultur im Internet. Gut. Der Titel „Hurensöhne!“ könnte etwas missverständlich sein. Aber Autorin Juliane Liebert geht es in ihrem neuesten Werk um das Schimpfen als literarischer, künstlerischer Ausdruck. Im Interview erzählt sie uns: „Es gibt ja z.B. Thomas Bernhard, der Städte beschimpft hat, wenn er irgendwo mal war. Oder auch Andy Strausz. Der ist einfach in Städte gefahren und hat Denkmäler beschimpft. Das ist natürlich ein anderes Schimpfen, als wenn ein rechter Troll eine feministische Autorin beschimpft."

Laut Liebert gibt es eben verschiedene Arten von Hass

Okay. Wir verstehen. Oder tun wir das? "Naja, ich mache ja in dem Buch auch den Unterschied auf, dass es so eine Art produktives Schimpfen gibt und ein Schimpfen, das vernichtend oder einfach nur langweilig ist", erzählt Liebert weiter. "Wenn man zum Beispiel Twitter aufmacht, dann geht es sehr viel darum, dass sich Leute gegenseitig ankacken und die Person die meisten Follows und Re-Tweets kriegt, die halt am Besten den anderen beschimpft. Und das wird dann so ein Meer von aufgebrachten Erstklässlern, die sich gegenseitig angreifen. Das hat mich halt nicht so interessiert“.

Das Cover des Buches Hurensöhne! von Juliane Liebert.

Als weiteres verdeutlichendes Beispiel für die befreiende Kraft des Schimpfens führt Juliane Liebert in ihrem Buch Klaus Kinski auf. Der Schauspieler und berüchtigte Wut-Bolzen las einmal "Die Lästerzungen", einen Text des genialen, ungehobelten Poeten Francois Villon aus dem 15. Jahrhundert. Villon schrieb: „In Wolfsmilch, Ochesengalle und Latrinenflut - in diesem Saft soll man die Lästerzugen schmoren“. Aaah. Wir verstehen. Laut Liebert gibt es eben verschiedene Arten von Hass. „Man kann jemanden beschimpfen und verfluchen und trotzdem den anderen Menschen weiterhin als Menschen sehen und respektieren", erklärt die Autorin. "Oder man kann halt versuchen, den anderen zu vernichten und bösartig zu sein. Und beides hat wahrscheinlich seinen Raum. Mir geht es um den Hass, der eben letztlich aus der Liebe entsteht“.

Lieberts Prototyp: der jüdische Satire-Autor Georg Kreisler

Das nächste Exempel für produktives Schimpfen ist von Georg Kreisler, jüdischer Autor und Sänger. Er hatte seine großen Zeiten in dern 50er Jahren und scheint heute fast vergessen. Mit seinen sarkastischen Texten hatte Kreisler es Juliane Liebert - Jahrgang 1989 - besonders angetan. Wie ist sie ausgerechnet auf ihn gekommen?

„Wenn man Helden haben kann, dann ist das einer meiner Helden. Und ich hab auch nichts Vergleichbares gefunden, jemals in aller Musik und allen Sachen, die ich gehört habe. Wie alle ursprünglich bin ich irgendwann vor Jahren über „Tauben vergiften im Park“ draufgekommen. Ja und dann kann man sich da hineingraben. Der hat so Zeilen, die einem immer und immer wieder einfallen und begleiten.“

Es geht um den Hass, der aus der Liebe entsteht

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Rauch-Haus-Song | Bild: Ton Steine Scherben - Topic (via YouTube)

Rauch-Haus-Song

Auch Ton Steine Scherben sind im Essay vertreten. Mit ihrem Rauch-Haus-Song: „Das ist unser Haus, schmeißt doch endlich Schmidt und Press und Mosch aus Kreuzberg raus“. Eine ungewöhnliche Wahl. War Sänger Rio Reiser zwar vielleicht als Provokateur, aber viel mehr noch als Romantiker bekannt. „Ich glaube, ich schreibe sogar, dass er nicht unbedingt ein großer Schimpfer an sich ist", meint Liebert. "Aber natürlich sind es Protest-Lieder, und gerade der 'Rauch-Haus-Song', die bis heute laut auf Demos gesungen werden. Da ich ja auch von positivem Zorn spreche, kann das da durchaus mit rein, meiner Meinung nach."

Tja. Und so dreht es sich bei Juliane Lieberts Essay „Hurensöhne!“ am Ende also eher ums Schimpfen mit besten Absichten und um Konfrontationen in der richtigen Richtung. Letztlich aber vor allem um den Spaß, den man als Leser haben kann, wenn jemand mal so richtig losledert.


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