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Zündfunk Netzkongress Julia Kloiber: Warum wir realistische Utopien brauchen

Black Mirror, die Hunger Games, 1984. Wenn es um Visionen einer nicht allzu fernen Zukunft geht, dominiert die Dystopie. Geht es nach Gründerin Julia Kloiber, muss sich das schnell ändern. Sie kämpft für positive Utopien und wünschenswerte Szenarien der Zukunft. Das Zauberwort: Visionary Fiction.

Von: Gregor Schmalzried

Stand: 02.10.2019

Julia Kloiber kämpft für positive Utopien | Bild: Julia Kloiber

"Wir haben häufig so calls to action: Also wir müssen jetzt folgende Ziele erreichen, um einen schlimmeren Klimawandel zu verhindern. Aber uns fehlt dann oft eine Vision, auf die wir hinarbeiten. Oft geht es darum, den Status quo zu bewahren oder irgendwas abzuwenden. Aber sich dann wirklich auszumalen: Wie könnte denn die Welt in zwanzig Jahren aussehen? Das fehlt häufig noch." Das sagt Julia Kloiber. Sie ist Gründerin und fördert Projekte, die Technologien für das Gemeinwohl einsetzen. Und sie hat ein Problem - und zwar das selbe wie wir alle. Alle, die wir irgendwas kleines Gutes für unsere Welt tun wollen.

Black Mirror, Hunger Games, 1984 - Trostlose Zukunft!

Wie die Welt aussehen könnte, sehen wir im Kino und auf Netflix. Wir lesen es in Büchern. Die Zukunft ist in der Regel trostlos. Apokalyptisch. In „Die Tribute von Panem“ werden Kinder zum Töten geschickt, in „Black Mirror“ und „The Handmaid’s Tale“ wird unsere Zukunft zu einem finsteren Überwachungsstaat - in jedem zweiten Superheldenfilm geht die Welt unter. Überall: Zerstörung. Weltuntergang. Tödliche Maschinen. Und das nicht erst seit gestern.

"Ein Beispiel ist 1984: George Orwell haben ganz viele gelesen. Die düsteren Szenarien, die er da aufmacht, die einen eigentlich warnen könnten, die Unternehmen aber stattdessen ziemlich eins zu eins übernommen haben für ihre Terms of Service, also für ihre Nutzungsbedingungen", sagt Julia Kloiber. Sie nennt zum Beispiel den Samsung Smart Fernseher, der davor warnt, zu private Gespräche vor dem Fernseher zu führen. Es könne nämlich durchaus sein, dass Teile dieser Gespräche an Dritte weitervermittelt werden. Wenn wir für unsere Zukunft Inspiration suchen - vielleicht sollten wir also nicht immer nur fragen: Was kann in der Zukunft schieflaufen?

"Was sind denn wünschenswerte Zukünfte und Zukunftsszenarien? Und wie kriegt man vor allem auch mehr unterschiedliche Menschen dazu, die zu formulieren? Weil viele dieser Visionen oder Vorstellungen werden gar nicht gehört."

Julia Kloiber, Gründerin

Als Beispiel nennt Julia Kloiber die Schriftstellerin namens Adrienne Marie Brown, die sich mit Visionary Fiktion beschäftigt. Sie lebt in Detroit, ist selbst African American und arbeitet mit ihrer Community dran, narrative Storys zu entwickeln. Storys, die die Zukunft so beschreiben, wie sie es sich vorstellen. Das könne eine Zukunft ohne Armut sein oder eine Zukunft ohne Gefängnisse. Visionary Fiktion sei Julia Kloiber zufolge ein großartiges Tool, um unterschiedliche Zukünfte auszuprobieren und zu testen: Wie fühlen sich die an? Erst wenn man sich was vorstellen könne, könne man anfangen, so richtig drauf hinzuarbeiten, und Communities oder Gruppen zu organisieren rund um eine Vorstellung.

Positives Denken durch "Visionary Fiction"

Visionäre Fiction als Methode, um unser Denken zu verändern und positiver zu machen. Das will Julia Kloiber vorantreiben. Und es ist nicht schwer, sich eine bessere Welt vorzustellen: Eine Welt ohne Plastikmüll zum Beispiel oder eine Welt mit bezahlbaren Wohnungen für alle. Wenn wir dort hinwollen, müssen wir erstmal überlegen: Wie könnte das denn aussehen? Und dann den ersten Schritt machen. Auch Julia Kloiber hat eine persönliche Vision: "Dass Technologie uns dabei helfen wird, uns noch näher zueinander zu bringen und mehr Freiheit zu geben."

Das Gefühl, das wir gerade haben, sei aber: Online-Überwachung und die Einschränkung unserer Freiheit. Geht es nach Julia Kloiber, muss sich das Blatt drehen und wir die Oberhand zurückerobern. Wir müssen wieder das Gefühl haben, wir seien die Eigentümer unserer Daten, sagt sie. Im Kern will sie eine Zukunft kreiieren, in der "wir Tools haben, mit denen wir selbstbestimmt agieren können und unser Leben gestalten können."

Über realistische Utopien und Visionary Fiction spricht Julia Kloiber auf dem Zündfunk Netzkongress. Tickets für den Netzkongress am 8. und 9. November 2019 in München sind jetzt verfügbar!


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