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Album der Woche: "Crushing" Julia Jacklin fordert auf "Crushing" die Hoheit über ihren Körper zurück

Die australische Songwriterin Julia Jacklin nimmt uns auf „Crushing“ durch alle Phasen ihrer Trennung mit. Sie schafft es dabei, ihre persönlichen Erfahrungen in einen gesellschaftlichen Kontext zu stellen: Die Herrschaft über den eigenen Körper zu erlangen, ist für viele Frauen immer noch und immer wieder ein Kampf.

Von: Ann-Kathrin Mittelstraß

Stand: 25.02.2019

„Crushing“, niederschmetternd. So heißt das neue Album der Singer/Songwriterin Julia Jacklin. Und genauso niederschmetternd beginnt es: mit einer Trennung. „Body“ heißt der erste Song dieser Break-up Platte und nach einer langen Beziehung muss sich Julia Jacklin den eigenen Körper erstmal zurückerobern. Ihr Körper taucht als Schlüsselelement immer wieder auf dem Album auf und steht für viel mehr: es geht auch um „Body Politics“ - das Private ist politisch. Und nichts ist schließlich privater und damit politischer als der eigene Körper. Das bekommen gerade Frauen immer wieder zu spüren.

Für ungefragt versendete Dick-Pics schämt sich selten der Mann.

„Kann ich dir vertrauen?“ fragt sich Julia Jacklin im Song „Body“ und meint damit die Nacktbilder von sich, die ihr Ex-Freund während der Beziehung geschossen hat. Revenge Porn heißt das, wenn solche Bilder vom Ex-Partner veröffentlich werden. Und meist werden dafür immer noch die Frauen verantwortlich gemacht. „Selbst schuld, schäm dich!“ heißt es dann. Für ungefragt versendete Dick-Pics schämt sich selten der Mann.

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Julia Jacklin - Body (Official Music Video) | Bild: julia jacklin (via YouTube)

Julia Jacklin - Body (Official Music Video)

Julia Jacklin nimmt uns auf „Crushing“ mit durch die verschiedenen Phasen ihrer Trennung. Nach dem intimen, verletzlichen Album-Opener spürt man auf dem nächsten Song förmlich, wie eine gesunde Wut und Kraft in ihr aufwallt: „Head Alone“ baut sich auf zum Song gewordenen Befreiungsschlag: Ich will nicht immer angefasst werden, singt sie.

Als sie ihn geschrieben hat, hat sie sich vorgestellt, mit offenen Armen auf eine freies Feld zu laufen. Hier brechen all die angestauten Emotionen aus ihr raus: Ja, es ist ok, Freiraum für sich einzufordern und anderen Grenzen zu setzen. Das gilt für den Partner genauso wie für Fans, die einen nach dem Konzert am Merch-Stand mit Küssen überfallen. Das klingt immer so selbstverständlich, aber wer dazu erzogen wurde, zu gefallen, muss auch das erstmal lernen.

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Julia Jacklin - Head Alone (Official Video) | Bild: julia jacklin (via YouTube)

Julia Jacklin - Head Alone (Official Video)

Nach den ersten drei Songs, der ersten Euphorie nach der Trennung, der Phase, wenn einen die Freunde drängen, wieder unter Leute zu gehen und zu feiern: nach diesen drei Songs wird das Album ruhiger und introvertierter. Dann kommen die Momente, in denen man alles wieder eintauschen möchte für die Person, die man in und auswendig kannte – und immer noch liebt.

Es ist tröstlich, wie individuell und gleichzeitig universell Liebeskummer ist.

Es gibt unzählige Songs über Herzschmerz. Fast immer nehmen sie die Perspektive des oder der Verlassenen ein. In “Don’t Know How To Keep Loving You” schreibt Julia Jacklin aber über ihre Trauer als Schlussmachende, schließlich hat auch sie eine geliebte Person verloren. Es ist tröstlich, wie individuell und gleichzeitig universell Liebeskummer ist. Und es ist sehr berührend, wie verletzlich sich Julia Jacklin macht.

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Julia Jacklin at Paste Studio NYC live from The Manhattan Center | Bild: Paste Magazine (via YouTube)

Julia Jacklin at Paste Studio NYC live from The Manhattan Center

Man hat an vielen Stellen des Albums das Gefühl, man sitzt gerade mit ihr im Auto und hört alles aus erster Hand. Was auch an der Produktion dieses Singer/Songwriter/Indie-Rock Albums lag: Hier wurde nichts poliert, man hört alles in der Stimme, jeden Atemzug. Und sogar die Stille: In „Turn Me Down“ fleht sie ihren Partner an, sie fallen zu lassen, ihr die Entscheidung leichter zu machen. Aber sie weiß, dass die Entscheidung am Ende richtig war.

„Crushing“ ist ein intimes, intensives, großartiges Album von einer Songwriterin, die sich bei ihrem Debütalbum vor zwei Jahren noch nicht mal wirklich als Musikerin gesehen hat. Gott sei Dank hat sich das inzwischen geändert.


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