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Jule Wasabi über ihren KOHL-KIDS-Podcast „Wir hatten den Konsens, dass wir Bananen- und Trabi-Witze Leid sind“

Im Podcast „KOHL KIDS“ kommen Nachwendekinder zu Wort – und zwar Jule Wasabi und Friederike Schicht. Aus Ost- und Westdeutscher Perspektive blicken sie auf die Gräben, die sich noch immer durch Deutschland ziehen. Wir haben mit Jule über ihre eindrücklichsten Erfahrungen gesprochen.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 06.10.2020

Jule Wasabi vom "Schacht & Wasabi" Podcast | Bild: BR

Warum haben so viele Menschen in Deutschland noch immer die „Mauer im Kopf“? Dieser Frage gehen Jule Wasabi und Friederike im neuen Podcast „KOHL KIDS“ nach. Wir haben mit Jule Wasabi in Berlin telefoniert. Und sie hat uns erzählt, warum er ihre Sicht auf Ost- und Westdeutschland für immer verändert hat.

Zündfunk: Vor ein paar Tagen war Tag der Deutschen Einheit. Wie hast du den verbracht?

Jule Wasabi: Ich bin pünktlich zum Tag der Deutschen Einheit richtig krank geworden. Wir hatten ja unseren Podcast gestartet, und im Team wirklich alle Energie da reingesteckt. Und am Tag der Deutschen Einheit sollten alle feiern, gut drauf sein und genau da bin ich krank geworden.

Ihr habt den Podcast „KOHL KIDS“ gemacht – hast du den Tag da vor dem Podcast überhaupt so wahrgenommen und gefeiert?

Hier in Berlin ist es anders als in meiner Heimatstadt Crailsheim. Man merkt nämlich, dass die Leute hier einen Grund zum Feiern haben. Da steckt einen einfach so eine festive Stimmung an. Man ist draußen unterwegs und sieht: Da ist irgendwas, da spielen Bands. Das fühlt sich einfach mehr nach Feiertag an als bei mir in Westdeutschland, wo ich aufgewachsen bin.

Hat sich für dich mit dem Umzug die Sichtbarkeit der ehemaligen deutschen Teilung mehr manifestiert?

Ich muss ehrlich sagen, das war im Alltag oder in der Familie nicht so Thema. Aber dann zieht man nach Berlin und das Ost- und West-Ding ist total Thema. Und da ist total oft auch so eine Diskriminierung dahinter, die kann man sich nicht vorstellen, wenn man nicht aus Ostdeutschland kommt. Und inzwischen habe ich das Ost-West-Ding so stark verinnerlicht, dass ich den imaginären Grenzverlauf komplett durch Berlin zeichnen kann.

Du machst den Podcast zusammen mit Friederike Schicht. Und da redet ihr vor allem über eure persönlichen Erfahrungen, obwohl ihr klassische Nachwendekinder seid. Wie könnt ihr denn dann genau darüber sprechen?

Wir sprechen ja nicht über den Mauerfall und was wir 1989 gemacht haben. Das meint ja das „Kohl Kids“, dass wir Nachwendekinder sind in dieser Lebensrealität. Also genau das, was man sich von der Zukunft versprochen hat, haben wir in unserer Kindheit vielleicht teilweise miterlebt und vielleicht auch überhaupt nicht. Wir dachten uns eben: Wenn das alles vor unserer Geburt war, wieso ist es dann im Alltag die ganze Zeit Thema? Selbst jetzt bei den Corona-Infektionszahlen.

Wie genau sieht man das an der Corona-Karte?

Ich meine eher, wenn die Statistiken besprochen werden. Dann sagt man: Wer hat die wenigsten Infektionen und es ist fast ein Wettbewerb. Das ist soziologisch, politisch und historisch. Und ich verstehe nicht, warum man diese Unterscheidungen die ganze Zeit machen muss. Und darüber sprechen wir in dem Podcast. Wo sind die doofen Vorurteile noch da? Und wie kann man die aus dem Weg räumen?

Was war für dich die größte Überraschung bei den Aufzeichnungen der Podcast-Folgen?

Ich dachte nicht, dass es Vorurteile gegenüber Westdeutschen gibt. Ich dachte immer, wir sprechen bei Klischees nur über Ostdeutschland. Viele Leute aus Ostdeutschland sagen ja aber oft, dass wir Besserwessis sind. Und dann ist mir halt aufgefallen, dass dieser Fakt schon stimmt, dass jeder fünfte Westdeutsche nach der Wiedervereinigung noch nicht die neuen Bundesländer besucht hat, während 95 Prozent der Ostdeutschen schon im Westen waren.  

Gab es auch Dinge, wo ihr gesagt habt: Das wollen wir auf jeden Fall vermeiden?

Wir hatten beide den Konsens, dass wir Bananen- und Trabi-Witze Leid sind. Und wir wollten auch den Osten nicht überrollen und ihm zeigen, wo es langgeht. Aber es hat sich dann eben gezeigt, dass es doch viel tiefer in uns beiden drin ist, als ich dachte. Wir wollten den Podcast ursprünglich zum Beispiel 0049 nennen. Aber dann haben wir gemerkt, dass das die West-Vorwahl war, auf die der Osten angeglichen wurde. Und dann eben auch, dass das bei ganz vielen Dingen so ist.

Ich fühle beim Hören immer total mit Friederike ist, weil ich selbst aus Ost-Berlin komme. Für mich zeichnet den Podcast aus, dass Verständnis aber kein Mitleid für den Osten bei euch mitschwingt. Hast du auch manchmal gemerkt, dass du mal was gesagt hast, was für Friederike nicht so cool war?

Ich bemühe mich immer, Sachen möglichst ehrlich auszusprechen. Ich glaube, die sind in ganz vielen Köpfen drin und bei mir ehrlich gesagt manchmal auch. Deswegen hatten wir den Pakt, dass wir über alles sprechen dürfen müssen. Es ist uns aber trotzdem wichtig, uns weiterzuentwickeln und eine modernere Sicht auf die Dinge zu zeigen. Wir merken aber gerade auch, dass alle Themen mit allem zu tun haben. In vierzig Minuten Deutschland zu erklären ist eben sehr schwer.

Seit wann beschäftigst du dich wirklich bewusst mit dem Thema? Bei mir hat zum Beispiel meine Geschichtslehrerin früher immer gesagt, es ist gut, dass Rotkäppchen Henkel aufgekauft hat – und ich habe total lange nicht realisiert, was damit gemeint war.

Bei mir war es auch so, dass in der Schule oft eigenartig über den Soli gesprochen wurde. Ich kann mich noch erinnern an die Stunde, als Elfjährige. Und ich dachte damals stolz: Ja, da habe ich auch was zu beigetragen. Aber ich hab’s mit elf Jahren natürlich einfach aufgesaugt dieses Böse/Gut-Schema. Ich bin da auch sauer auf meine schulische Ausbildung in dem Bereich. Das war ein abstraktes Thema, das nur mit Zündstoff und Stichelmaterial gespickt war.

Wie ist das Feedback bisher auf euren Podcast? Wie ist es zum Beispiel auch für eure Familien?

Es ist schon etwas, was die ganze Familie mitnimmt. Bei Friederike noch mehr, aber auch bei meinen Eltern. Was ich aber auch total merke ist, dass sich Menschen aus Ost- und Westdeutschland melden, denen es ein Bedürfnis ist, auch ihre Geschichte zu erzählen. Die sagen, sie haben da vorher nie darüber nachgedacht. Aber plötzlich wollen die Leute für ihre Geschichte und ihre Herkunft einstehen. Das finde ich total toll, weil es ein Sprachrohr unserer Generation ist und kein Sprachrohr, das versucht, den Mauerfall historisch aufzuarbeiten.


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