Bayern 2 - Zündfunk


79

Jugendrichter Müller "Wer heute noch sagt 'Cannabis ist eine Einstiegsdroge', muss ausgelacht werden"

Jugendrichter Andreas Müller wurde bekannt für seine harten Urteile gegen junge Straftäter*innen. Berüchtigt wurde sein Kampf für die Legalisierung von Cannabis. Jetzt startet er auch auf Twitter mit klarer Kante durch. Ein Porträt.

Von: Sandra Limoncini

Stand: 19.07.2021

Andreas Müller hält Bücher ins Bild, die er geschrieben hat | Bild: picture-alliance/dpa

Andreas Müller ist ein mittelgroßer freundlicher Mann mit kurzen rötlichen Haaren. Er ist 60 Jahre alt und seit 1997 Jugendrichter am Amtsgericht Bernau bei Berlin. Man sieht ihm sein Alter nicht an. Er hat schon eine Menge gesehen und viele Jugendliche Straftäter*innen verurteilt. Bekannt geworden ist er durch ungewöhnliche Urteile. Auch sehr harte. So hat er sich den Titel „Härtester Jugendrichter Deutschlands“ und „Querulant im Namen der Gerechtigkeit“ – erarbeitet. Müller sieht sich aber immer auf Seiten der Jugendlichen. Möchte etwas tun für sie, hat ein echten Anliegen, nennt es sogar einen Auftrag: "Ich hatte Jura studiert und wollte ursprünglich mal Rechtsanwalt für die kleinen Leute werden. Für mich kam dann die Möglichkeit Richter in Brandenburg zu werden. Ich hatte relativ gute Noten und bei meinem Vorstellungsgespräch fragte man mich, was ich denn für ein Dezernat machen wollte und dann sagte ich: 'Ich möchte Jugendrichter sein.' Warum? Weil ich irgendwie was besser machen wollte."

"Der hat mich fair behandelt"

Großgeworden ist Andreas Müller in Meppen, einer Stadt im Norden zwischen Münster und Papenburg. Nicht weit von der Grenze zu den Niederlanden. Dort ist der Konsum von Cannabis schon seit den Siebziger Jahren legal. Andreas Müllers Bruder kommt früh in Kontakt mit Hasch, wird später Heroinabhängig, verbringt viele Jahre im Gefängnis und findet nicht den Weg zurück in die Gesellschaft. Der Vater war Alkoholabhängig und stirbt an den Folgen seines Konsums. Das hat Andreas Müller geprägt, aus ihm einen überzeugten Kämpfer für seine Sache gemacht. Seit Jahrzehnten setzt er sich für ein besseres Jugendstrafrecht ein – und will Cannabis entkriminalisieren: "Ich glaube, ich mach gar nicht so viel anders. Ich glaube, ich habe einen anderen Blick. Ich hab einen anderen Blick auf die Menschen und auf das, was gemacht werden muss. Im Jugendstrafrecht ist es ja so, der Staat hat ihnen die Aufgabe gegeben zu erziehen, nicht zu bestrafen. Und in Folge war ich kreativer, die jungen Leute waren immer begeistert - sowohl im negativen als auch im positiven Sinne. Negativ so, dass sie oftmals gesagt haben: Zu dem will ich nicht. Im positiven Sinne: Der hat mich fair behandelt."

Tweet-Vorschau - es werden keine Daten von Twitter geladen.

Jugendrichter Müller Der Humor hier gefällt mir. Irgendwann mache ich einen Rap gegen die Prohibition #RichterMüller https://t.co/p6yQYp6DCW

"Wer das heute noch so ausspricht, soll sich dafür schämen"

Rund 600 Fälle muss er im Jahr verhandeln. Wird immer wieder mit Neonazis und rechtsradikalen Straftaten konfrontiert. Einmal terrorisieren vier Rechte einen jungen Mann türkischer Abstammung, schlagen linke Jugendliche brutal zusammen. Richter Müller hat die vier direkt vom Gerichtssaal aus ins Gefängnis geschickt. Auch einen 15jährigen. Der hatte noch gehofft mit Bewährung davonzukommen. Ein Urteil, das Signalwirkung hatte. Er verbietet Nazis ihre szenetypischen Kleidungsstücke wie Springerstiefel oder Bomberjacken. Er nimmt ihnen ihre Uniform. Und: Die Straftaten in seinem Bezirk sind seit Jahren rückläufig. Der Kampf gegen die Entkriminalisierung von Cannabis ist jedoch noch in vollem Gange. Müller will vor allem mit alten Vorurteilen aufräumen: "Es gibt weltweit keinen seriösen Wissenschaftler, der Cannabis noch als Einstiegsdroge einstuft. Das Bundesverfassungsgericht hat 1994 bereits festgestellt, dass diese These nicht vertretbar ist. Die ist irgendwann in den Siebziger Jahren mit Christiane F. so an den Start gegangen - hochgradiger Unsinn. Und wer das heute noch irgendwo so ausspricht, soll sich dafür schämen und er muss zeitgleich ausgelacht werden."

"Ich glaube, in Wirklichkeit ist Frau Ludwig schlauer"

Ausgelacht wurde in letzter Zeit nur die Drogenbeauftragte der Bundesrepublik, Daniela Ludwig (CSU), aber nicht für einen Kommentar zum Thema Einstiegsdroge, sondern für einen Satz, den sie auf einer Bundespresskonferenz raushaute und zwar auf die Frage, warum deutlich schädlichere Drogen wie Zigaretten und Alkohol legal seien, das deutlich weniger schädliche Cannabis aber nicht? Die pampige Antwort lautet: Nur weil Alkohol gefährlich ist – unbestritten - ist Cannabis kein Brokkoli. Es gab einen Shitstorm, Ludwig wurde in den Sozialen Medien in Form von Posts, Memes und kurzen Filmchen verarscht ohne Ende. Andreas Müller ist kein Fan der Drogenbeauftragten Daniela Ludwig, sieht sie letztlich aber als Beamtin, die nur ihren Job macht: "Frau Ludwig hat sich berühmt gemacht, weil das so lächerlich ist. Aber man muss Frau Ludwig ja insoweit nicht ernst nehmen. Sie ist ja nichts anderes als eine Pressesprecherin des Bundesgesundheitsministers. Was soll sie großartig machen? Sie sagt, dass Bundesgesundheitsministerium und die Regierung will einfach nicht, also muss sie das in irgendeiner Art vertreten. Ich glaube, in Wirklichkeit ist Frau Ludwig schlauer, aber das kann sie nicht machen. Vielleicht wird sie in 20 Jahren mal sagen: Ja, das war alles scheiße, was wir gemacht haben."

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

"Cannabis ist kein Brokkoli" - Bundesdrogenbeauftragte über Legalisierung & Entkriminalisierung | Bild: Jung & Naiv (via YouTube)

"Cannabis ist kein Brokkoli" - Bundesdrogenbeauftragte über Legalisierung & Entkriminalisierung

Andreas Müller hält alle Regelungen des Betäubungsmittelgesetzes für verfassungswidrig, die den unerlaubten Verkehr mit Cannabisprodukten strafbar machen. Im April 2020 hat er eine 140 seitige Vorlage an das Bundesverfassungsgericht geschickt, damit dieses die Verfassungsmäßigkeit überprüft. Er will, dass sich etwas ändert: "Die gesamte Drogenpolitik muss sich ändern. Die erste Änderung muss im Bereich von Cannabis gehen. Die wird gehen und die wird kommen. Entweder geht sie über das Bundesverfassungsgericht oder aber über politische Parteien, die sich zusammenschließen. Viele viele Gemeinschaften in unserer Gesellschaft sagen: Das ist Quatsch. Das geht von Kirchen bis zu Sozialträgern. Wenn wir Probleme haben mit jungen Leuten, die Cannabis übermäßig benutzen, müssen wir anders vorgehen."

Tweet-Vorschau - es werden keine Daten von Twitter geladen.

Jugendrichter Müller Martin Sonneborn, der Vorsitzende "Der Partei" hat angefragt, ob ich für seine Partei antrete. Habe abgelehnt, da ich den Legalisierungsparteien zur Zeit keine Stimmen nehmen möchte. Insbesondere Annalena wird zeigen müssen,ob sie die Verfolgung von Millionen beenden will. L.G

Die Gefahren von übermäßigem Konsum will Müller nicht kleinreden. Ihm geht es um den offenen und ehrlichen Umgang mit den Jugendlichen statt Kriminalisierung und Stigmatisierung. Denn nur so, haben Jugendliche Straftäter*innen noch eine reelle Chance. Mehr will Jugendrichter Müller gar nicht.


79