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Social Media Die übernächste Bundeskanzlerin postet heute vielleicht auf YouTube – und nichts daran ist peinlich

Ein Tanzvideo der US-Politikerin Ocasio-Cortez ist nur der Anfang. Die nächste Generation von Politikern wird ihre Jugend online verbracht haben – inklusive absurder Posts und Videos. Das heißt: Wir müssen anders mit "Skandalen" umgehen.

Von: Gregor Schmalzried

Stand: 08.01.2019

US-Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez tanzt in ihrer Studentenzeit | Bild: Alexandria Ocasio-Cortez | Bearbeitung: BR

Natürlich ist es kein Skandal, dass die US-Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez tanzen kann. Von der aktuellen Lieblingspolitikerin vieler junger Demokraten ist vor ein paar Tagen ein Video aufgetaucht – darin tanzt sie mit einigen Kommilitonen auf den Dächern der Universität Boston, sie ist gerade 21 Jahre alt. Der Clip ist aus dem Jahr 2010, als Videos dieser Art überall im Internet unterwegs waren – es war eine frühe Challenge-Aktion wie später „Planking“ und der Harlem Shake.  

Interessant an dem Video ist nicht der erbärmliche Versuch einer Handvoll rechter Twitter-Accounts, Ocasio-Cortez‘ Tanz-Moves zu einem Skandal aufzublasen. Viel spannender: Wir leben jetzt in einer Welt, in der viele zukünftige Politiker über Jahre hinweg ein Leben auf Social Media führen – und die ganze Zeit haben sie keine Ahnung, dass die Presse und politische Gegner sich eines Tages auf jedes Detail aus diesem Leben stürzen werden.

Nicht alles ist ein Skandal

Eine durchschnittliche Deutsche zwischen Mitte und Ende 20 hat heutzutage eine komplette Online-Identität aufgebaut, überall verstreut. Manche Spuren sind offensichtlich, wie das Facebook-Profil oder die alte Myspace-Seite. Aber dazu kommen Beiträge in Internet-Foren, Youtube-Videos von Freunden oder selbstgeschriebene Geschichten auf Fanfiction-Seiten… All diese Überbleibsel können natürlich friedlich bis zum Ende des Digitalzeitalters vor sich hin rosten – vorausgesetzt, ihre Urheberin strebt eine Karriere als Bankkauffrau oder Lehrerin an. Aber was, wenn sie in die Politik geht und professionelle Hacker werden auf ihre Vergangenheit losgelassen?

In zehn Jahren wäre diese Person so alt wie Jens Spahn heute - und auf einmal erinnert sich einer ihrer Klassenkameraden an eine lustige Geschichte von damals, die natürlich immer noch online ist. Wie sollten Medien und Gesellschaft darauf reagieren, wenn sie eines Tages erfahren, dass der bayerische Ministerpräsident als Teenager Youtube-Kommentare mit Schimpfwörtern zugemüllt hat? Oder dass die neue Innenministerin erotische Fanfictions über den Youtube-Star LeFloid geschrieben hat? (bitte nicht googlen)

Die Antwort sollte natürlich sein: Mit einem Schulterzucken und vielleicht zwei kleinen Gags in der Heute Show. Wenn unsere Leben immer transparenter werden, müssen wir uns auch daran gewöhnen, dass Dinge über uns ans Tageslicht kommen, die wir vielleicht lieber für uns behalten hätten. Und wir müssen lernen, zu differenzieren: Zwischen tatsächlichen Problemen und dem blöden Ausrutscher eines Teenagers. Denn auch wenn das Internet für immer ist, die Menschen, die es befüllen, werden sich verändern.

Ist Transparenz der Preis für ein freies Internet?

Also von Anfang an die Habeck-Methode? Am besten gar nichts mehr online machen? Klar, die sozialen Medien tragen Verantwortung für eine ganze Menge moderne Probleme. Aber sie sind auch immer noch verdammt cool. Für viele junge Menschen bietet das Internet die Möglichkeit, sich ohne Druck auszuleben und selbst zu entdecken – auch wenn dieser Weg vielleicht an einigen Punkten vorbeiführt, an die man später nicht unbedingt erinnert werden will. Wenn wir alle anfangen würden, uns online selbst zu zensieren, würde das Netz einiges an Farbe einbüßen – und vor dem Einheitslook der Facebook/Google-Herrschaft kapitulieren.

Der Preis für ein freies und fröhliches Internet: Wir werden wohl damit leben müssen, dass eine Politikerin, die Ende der 2030er-Jahre zur Bundeskanzlerin gewählt wird, die Ice Bucket Challenge mitgemacht hat. Vielleicht nackt. Vielleicht hat sie dabei politisch inkorrekte Schimpfwörter gebrüllt. Aber das macht sie nicht weniger qualifiziert. Es macht sie höchstens menschlicher.


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