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Album der Woche: "Lost & Found" Jorja Smith befolgt alle Regeln des R'n'B und klingt trotzdem unfassbar modern

Jorja Smith ist erst 21 und schon ein Star. Zusammen mit Kelela, SZA oder FKA Twigs erfindet sie den R'n'B neu. Auf ihrem Debütalbum „Lost & Found“ erzählt sie von Ängsten, Zweifeln, gescheiterten Beziehungen. Und sendet im gleichen Atemzug einen Appell für "Black Lives Matter".

Von: Maria Fedorova

Stand: 12.06.2018

„Wenn du die Sirene hörst“, warnt Jorja Smith mit ihrer Samtstimme,  „lauf besser nicht weg. Weil sie nicht hinter dir her sind. Was hast du schon getan? Du bist einfach nur zur Schule gegangen“. Besser kann man Racial Profiling nicht in eine Zeile pressen. Jorja Smith ist die neue R’n‘B-Durchstarterin – ihre erste Single „Blue Lights“ hat sie vor zwei Jahren auf Soundcloud gestellt, jetzt folgt das Debütalbum „Lost & Found“. „Als ich ‚Blue Lights‘ geschrieben habe war ich erst 17. Ich habe damals eine Hausarbeit über „Post-Kolonialismus in der Grime-Szene“ gemacht und dokumentiert, wie die Polizei gegen Grime vorgeht. Ich habe meine Mitschüler interviewt, es waren überwiegend Jungs, People of colour. Ein Elfjähriger sagte mir: Ich hasse die Polizei, sie sind immerzu hinter uns her. Mein Vater meinte irgendwann, ich solle mal abschalten und eine Pause  einlegen. Das habe ich beherzigt und mir in meinem Kinderzimmer Beats für diesen Track zusammengesucht.“

Slow-Soul ohne Pose

Auf den ersten Blick ist Jorja Smiths Debütalbum nicht so kämpferisch geworden wie die Single „Blue Lights“ vermuten lässt: Es geht um Liebesbeziehungen, Trennungen und Bindungsängste. Alles scheinbar unpolitisch. Und fast streberhaft perfekt! Der R’n‘B von Jorja Smith befolgt lupenrein alle Regeln und Rituale des Genres. Sie hat aber auch lange genug geübt. Mit elf hat sie angefangen Texte zu schreiben. Jorja Smiths sanft-verrauchte Stimme wird man so schnell nicht los: Slow-Soul ohne Pose. Lovers-Rock, wie die langsameren Stücke von Amy Winehouse, Erykah Badu oder Lauryn Hill: “Amy Winehouse, Damian Marley und Mos Def. Mit 16 bin ich nach London gezogen und habe diese Musik exzessiv studiert“, erklärt Smith. „Ich schätze diese Ehrlichkeit. Die Tatsache, dass du allem glauben kannst, was diese Musiker sagen. Viele Musiker versuchen das heute gar nicht mehr. Sie singen über einfache, manchmal banale Dinge, aber es ist keine Regung zu spüren – null Emotion. Ja, es macht manchmal Angst, sich selbst so zu entblößen. Aber im Endeffekt ist es das, was andere bewegt.“

Nach oben geschleudert

Jorja Smith braucht keinen Promigast auf ihrem Debütalbum - dabei hätte sie alle haben können

Diese melancholische Lässigkeit ist auch eine bewusste Entschleunigung, die Jorja Smith dem Entertainment-Business-Strudel entgegensetzen will. Und der sie selbst gepackt und nach oben geschleudert hat. Mit Bruno Mars war sie auf Tour, mit Drake und Stormzy hat sie schon gearbeitet. Und Kendrick Lamar hat Smith in den Soundtrack des „Black Panther“-Films gehievt. Und dann standen plötzlich mehrere tausend Zuschauer vor ihrer Bühne beim Coachella-Festival. Aber Jorja Smith kann mit dem plötzlichen Ruhm umgehen. Für ihr Debütalbum hat sie sich keinen einzigen Promi als Flankenschutz geholt. Und sie hätte vermutlich alle haben können.  

Der neue R'n'B: Jorja Smith, Kelela und FKA Twigs

Jorja Smith schlägt einen Weg ein, den auch Kelela, SZA und FKA Twigs gegangen sind – alles begnadete Texterinnen, die diskret in ihren Schlafzimmern die ersten Songs komponiert haben. Der nächste Karriereschritt war dann oft ein Upload auf Soundcloud oder Youtube. Und sie zusammen haben damit ganz behutsam den R’n‘B erneuert. Sie sind Stimmen des Empowerment, sie haben eine politische Agenda: Themen wie Gendergerechtigkeit und „Black Lives Matter“ fließen ganz selbstverständlich in die Songs mit ein: Traditionell und trotzdem unfassbar modern. Jorja Smith ist dafür das beste Beispiel.


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