Bayern 2 - Zündfunk


13

Buch: "Kill 'em all" In seinem Roman rechnet John Niven mit dem Kult um Michael Jackson ab - ohne den King Of Pop zu nennen

Ein durchgeknallter Popstar, der sich an kleinen Jungs vergeht, die Welt "heilen" will und verdächtig an Michael Jackson erinnert. In seinem neuen Roman "Kill 'em all" beschreibt John Niven das Musikbusiness der Gegenwart mit gnadenlosem Sarkasmus.

Von: Roderich Fabian

Stand: 28.01.2019

John Niven  | Bild: Erik Weiss

Dieses Buch handelt nicht von Michael Jackson. Zwar geht es um den größten Popstar des Universums, der in einem Märchenland mit eigenem Zirkus und Vergnügungspark lebt, ein körperliches Verlangen nach kleinen Jungs hat und schwer abhängig von Drogen ist. Aber es ist nicht Michael Jackson. Der Popstar hier ist der fiktive Lucius du Pre, ein durchgeknallter Weißer, der mit jedem Jahr mehr wie ein Afro-Amerikaner aussieht. John Niven liefert in „Kill `em all“ eine Abrechnung mit dem Kult um einen Superstar, der ihn immer schwer genervt hatte. Schon 2011 - zwei Jahre nach Jacksons Tod - hatte er in einem Artikel für den „Independent“ den Sänger als gefährlichen Kinderschänder dargestellt.

"Der King of Pop liegt auf einem Riesenbett, durch Opiate ruhiggestellt, die er mit Wein oder Bourbon runtergespült hat, und ist umgeben von halbnackten, prä-pubertären Jungs."

aus dem Independent

Kill `em all“ ist also zunächst mal eine Abrechnung, aber nicht nur mit dem „King of Pop“, sondern auch mit dem Musik-Business ganz allgemein. Dazu tritt als Protagonist mal wieder der abgebrühte Musik-Manager Steven Stelfox auf. Der hat - inzwischen 47jährig - den vorübergehenden Niedergang der Musikindustrie um die Jahrtausendwende überlebt und in der Zwischenzeit eine Casting-Show moderiert. Nun soll er - nach dem vermeintlichen Tod des Lucius du Pre - die Vermarktung des verbliebenen Oeuvres des Popstars von Los Angeles aus managen. Die Musikindustrie hat sich bekanntlich erholt und verdient den Löwenanteil ihres Umsatzes inzwischen durch Streaming. John Niven beschreibt das in „Kill `em all“ folgendermaßen:

"In den späten Achtzigern haben wir den Künstlern für eine CD-Single, die wir für vier Pfund verhökert haben, eine Zeitlang dieselben Tantiemen gezahlt wie für eine Vinyl-Single, die für die Hälfte des Preises verkauft wurde. Wenn ein Songschreiber einen Hit bei Spotify landet, ist diese Klausel der Grund dafür, dass er bald darauf entsetzt feststellen wird: Seine Millionen Plays bringen ihm lächerliche fünf Dollar ein. Aber wohin geht denn dann der Rest des verfickten Geldes? Na, was glaubt ihr wohl?"

Kill 'em all, John Niven

Kurz gesagt: Die Deals der großen Plattenfirmen mit den Streaming-Anbietern haben dafür gesorgt, dass der eigentliche Künstler von den beachtlichen Umsätzen der Plattformen fast nichts mehr abbekommt. Das stützt natürlich John Nivens enormen Sarkasmus, den er in „Kill `em all“ an den Tag legt. Allerdings haben sich bekanntlich die gesellschaftlichen Verhältnisse in den vergangenen elf Jahren seit „Kill your Friends“ entscheidend verändert. Mit Donald Trump ist in den USA ein Präsident an der Macht, der der Phantasie eines John Niven entsprungen sein könnte. Im Roman ist Trump schon im Amt, und Niven nutzt das, um der - in seinen Augen - naiven Welt der Trump-Gegner eine „alternative“ Wirklichkeit entgegenzustellen.

"Wie sich herausstellte, war Trump nur in der winzigen, müslifressenden, den Guardian lesenden Ecke der Welt unten durch. Aber der ganze Rest des verfickten Planeten ist der Ort, wo die normalen Menschen leben. Das sind Menschen, die sich auf der Webseite der Daily Mail informieren, die beim Musikhören die beschissenen Texte verstehen wollen und die Platten von Ed Sheeran kaufen. Und von diesen dämlichen Arschlöchern gibt es Milliarden."

Kill 'em all, John Niven

Ja, wie immer bei John Niven strotzt der Text vor Kraftausdrücken, die seine Thesen leider nicht stärker, sondern nur reißerischer machen. Und Hauptfigur Steven Stelfox - der zu großen Teilen schon als Alter Ego des Autors gesehen werden kann - erweist sich dieser neuen Wirklichkeit gegenüber ähnlich hilflos wie so viele andere. Die Figur ist - anders als noch in „Kill your Friends“ - nicht mehr eiskalt und bösartig, sondern wirkt ernsthaft erschrocken darüber, dass die Welt tatsächlich so geworden, wie er sie früher nur überzeichnet hatte.

Der Plot von „Kill `em all“ ist dann vor allem eine grelle und heftige Aneinanderreihung dessen, was man mit einem untoten Päderasten im Musikmarkt alles so anstellen kann. Es ist eine schrille Satire; die alle Zwischentöne vermissen lässt. Wer wissen möchte, wie die Zeit auf schlaue und sarkastische Menschen einwirkt und sie zu Melancholikern macht, sollte doch besser „Serotonin“ von Michel Houellebecq lesen.


13