Bayern 2 - Zündfunk


8

Joe Talbot von den Idles im Interview "Musik ist für mich ein Weg zu überleben, etwas zu bewegen, menschlich zu sein"

Die Post-Punk-Band Idles aus Bristol sind ein einziger Aufschrei gegen Ausbeutung und Unterdrückung. Ein Energieschub, der dich auch persönliche Krisen leichter bewältigen lässt. Am Freitag erscheint ihr drittes Album “Ultra Mono”. Wir haben mit Sänger Joe Talbot telefoniert.

Von: Noe Noack

Stand: 24.09.2020

Joe Talbot, Frontman der Idles | Bild: picture-alliance/dpa

Zündfunk: Die Idles sind als politische Band bekannt. Wie empfindest Du die aktuelle Lage in Großbritannien, welche Protestbewegungen siehst Du?

Joe Talbot: Mit Corona und all den Beschränkungen ist es gerade schwer, politische Bewegungen zu verfolgen. Die Medien berichten auch nicht über den Zulauf bei den Linken. Aber tatsächlich sind viele Junge bei den letzten Wahlen und auch danach politisch aktiv geworden. Sie sind zur Linken gewechselt - aus Verzweiflung, aus Antirassismus und aus einem Anti-Nationalismus heraus. Es war sehr schön, die Black Lives Matter-Bewegung zu verfolgen, aber es ist schwer, das aufrechtzuerhalten. Aber du musst organisiert bleiben, aktiv bleiben, darfst jetzt nichts abbrechen lassen.

Das neue Album greift die Missstände von Turbokapitalismus, wahnsinnige Präsidenten in Demokratien, Rassismus, Nationalismus und Sexismus auf. Du forderst zum Widerstand auf - aber ist die junge Generation überhaupt noch über Musik zu erreichen?

Doch, da passiert gerade viel, viel Aufbruch und Befreiung. Das war schon im Techno so. Und auch Grime ist ja eine starke Bewegung gegen Unterdrückung. Aber auch andere Stilrichtungen. Es gibt grad ganz viel Aufbruch und Empowerment. Wir als Idles sind nur ein Teil davon. Bei uns können sich die Leute ausdrücken. Musik ist ja Kommunikation. Wir tauschen uns aus, bilden uns, organisieren uns. Eigentlich geht es ja immer weiter. Nur machen halt Teile der Welt außenrum gerade einen Backlash, die Wirtschaft bricht zusammen und es wird alles immer schlimmer. Es wird immer schlimmer.

Ihr habt auf einem Song wie „Grounds“ irre harrsche Sounds verarbeitet, auch einen Hip-Hop-Oldschool-Beat gemacht. Wie habt Ihr das gemacht?

Wir haben Songs geschrieben, die Raum lassen. Wir hatten beim Schreiben schon die Produktion im Kopf. Wir wollten weniger spielen, um lauter zu sein. Weniger Krach, für mehr Impact. Wir haben Techniken aus dem Techno und Hip-Hop verwendet: Wagner, Kanye Wests Yeesuz-Phase, Rick Rubin Produktionen. Rick sah sich als Reducer. Auch wir wollten Lautstärke reduzieren, dass mehr rauskommt dabei. Um uns ganz darin wiederzufinden. Als ob die Luft in Bewegung ist, während du uns hörst, als ob du auf einem Konzert wärst.

Der Begriff „Community“ spielt eine große Rolle bei Euch. Zieht Ihr daraus Eure Hoffnung?

Das Album soll Hoffnung machen. Wir können ja unterschiedlich auf die Welt gucken, aber ganz offensichtlich verlieren die Armen gerade den Klassenkampf, der Kapitalismus funktioniert nicht, die Gewalt wird mehr. Aber wir können Unterdrückung und Faschismus schlagen: mit Empathie und Kommunikation und einem progressiven Denken, indem wir uns bilden und organisieren. Musik ist Trost, ist Mittel, ist Ausdrucksform, ist alles, was Du möchtest und wozu Du sie machst. Musik ist Kunst. Für mich ist sie ein Weg zu überleben, weiterzukommen. Nicht immer wieder die gleichen Fehler zu machen, sondern etwas zu bewegen, menschlich zu sein. Mit Empathie und Liebe.


8