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"The Solution Is Restless" Joan As Police Woman hat vor Tony Allens Tod ein großartiges Album mit ihm aufgenommen

Joan Wasser kennt man unter dem Namen Joan As Police Woman. „The Solution Is Restless“ heißt ihr neues Album, das sie mit dem verstorbenen Afro-Beat-Drummer Tony Allen aufgenommen hat. Und ein prominenter alter Freund ist auch wieder mit dabei.

Von: Amy Zayed

Stand: 04.11.2021

Joan Wasser alias Joan As Police Woman steht im Schatten | Bild: PIAS

März 2019. In einer Kirche in Leytonstone, einem abgelegenen Stadteil von London, geht es geschäftig zu. In jedem Raum der Kirche und in den Schuppen, die draußen zum Gebäude dazugehören, sind Studios und Instrumente aufgebaut. Damon Albarn, Paul Simonon, Michael Kiwanuka, African Boy Afro-Beat-Drummer Tony Allen und eben auch Joan Wasser alias Joan as Police Woman laufen rum und probieren sich in verschiedensten Konstellationen in Jam Sessions aus. Genau dort wird die Idee zu „The Solution Is Restless“ geboren.

"Ich bin von Drummern fasziniert, seit ich denken kann", erzählt Joan. "Als ich ganz klein war, habe ich Zeppelin und Hendrix gehört. Und ich habe mir immer gedacht: Das klingt super, aber hör dir mal die Drummer an! Ohne deren Energie, würde das ganze Ding nicht funktionieren! Als ich Tony dann traf, hat es zwischen uns sofort funktioniert. Und plötzlich hörte ich mich sagen: Hast du Bock, mit mir ein Album zu machen? Und ich hörte ihn sagen: Klar! Super gern! Ich war irgendwie selbst erschrocken, dass das gerade passierte. Aber dann habe ich ein Studio in Paris gebucht und plötzlich war er da, da haben wir losgelegt!"

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Joan As Police Woman x Tony Allen x Dave Okumu - Geometry Of You | Bild: Joan As Police Woman (via YouTube)

Joan As Police Woman x Tony Allen x Dave Okumu - Geometry Of You

Herausgekommen sind zehn Tracks, die ein bisschen an kleine Soundfilme erinnern. Manchmal getragen, manchmal verspielt, mit Soundschnippseln und Gesprächsfetzen aus irgendwelchen Studio-Konversationen und immer hörbar: Tony Allens Schlagzeug.

Textlich geht es um Liebe, Selbstakzeptanz und Selbstkritik. Der erste Track auf dem Album, „The Barbarian“, ist eine Diskussion zwischen Joan und einem Teil von sich selbst, den sie lernen musste zu akzeptieren, und mit ihm umzugehen, auch wenn sie ihn irgendwann nicht wirklich mochte.

Corona fordert Opfer im Freundeskreis

"Dieser Teil entwickelte sich, als ich andauernd nur mit Männern auf Tour war. Nichts gegen Männer, aber es ist einfach keine einzige Frau außer dir da. Ich habe 1990 mit Touren angefangen, und da gab's einfach keine Frauen! Und dann wird man auf eine Art agressiv, nach dem Motto: Ich kann Euch alle untern Tisch trinken! Ich kann meinen Bass oder meinen Verstärker ganz allein tragen und brauch keinen von Euch! Ich kann das alles - sogar besser als ihr! Mittlerweile bin ich - Gott sei dank - viel weicher geworden. Ich habe verstanden, dass viel davon mit Angst zu tun hat, und damit diese Angst zu akzeptieren. Lange habe ich aber dann wieder versucht, diesen Teil von mir zu ersticken. Was aber dann auch nicht richtig funktioniert. Und in diesem Song versuche ich mal nett zu diesem Teil von mir zu sein, denn für lange Zeit hat mich dieser Teil von mir am Leben gehalten."

Auch Corona spielt eine Rolle auf dem Album. Besonders als immer mehr Freundinnen und Freunde von Joan Wasser das Virus bekommen und daran sterben, lässt sie ihre Trauer in der Musik freien Lauf. Unter anderem auf dem Song „Get My Bearings", auf dem auch Damon Albarn mitsingt.

"Damons Stimme ist so speziell, man erkennt sie sofort! Ich war im Studio, als ich den Anruf bekam, dass Tony Allen gestorben war. Einige Wochen vorher war mein Mentor, der Produzent Hal Wilner, an Covid gestorben. Und dieser April war grauenvoll! Besonders, wenn man in New York gelebt hat. Damals hat Corona die Menschen nur so dahingerafft! Es war niemand auf den Straßen, außer den Krankenwagen und ein paar Pflegern und die waren in Plastik gehüllt. Und man sah diese Pflegerinnen, die Menschen in Bahren aus ihren Häusern geholt haben. Die Geräusche, die ich in Erinnerung habe, sind absolute Stille und Sirenen. Und da habe ich den Song geschrieben. Er fängt an mit der Zeile: Was machst Du mit dem Rest deines Tages? Du weißt nicht, ob die Sonne morgen wieder aufgeht."

Joan beobachtet ihre Umwelt

„The Solution is Restless“ knüpft an all die Vorgängeralben von Joan as Police Woman, vor allem das letzte Album „Joanthology“ an. Die gleiche Ruhe in den Instrumentalparts, die gleiche Verspieltheit, die gleiche Selbstkritik. Doch „The Solution Is Restless“ ist intensiver, mehr darauf bedacht, den Zeitgeist einer Zeit aufzufangen, in der Liebe Glück und Gesundheit nicht mehr selbstverständlich sind. Es geht weniger um Joans Probleme als Adoptivkind aufzuwachsen, wie auf ihren früheren Alben oder ihre Liebesbeziehung zu Jeff Buckley. Hier scheint Joan Wasser ihre Umwelt eher zu beobachten und zu beschreiben, wie diese auf sie wirkt.

„The Solution is Restless“ ist ein tolles Album, dass man sowohl nebenher zum Chillen hören kann, als auch zum über das Leben grübeln.