Bayern 2 - Zündfunk

Interview Jimmy Hartwig : "Ich werde so lange gegen Rassismus kämpfen, bis ich in die Kiste springe"

Rassistische Übergriffe wie jetzt nach der Europameisterschaft passieren immer wieder. Jimmy Hartwig kennt das aus eigener Erfahrung. Der ehemalige Profispieler von 1860 und dem HSV ist Sohn eines amerikanischen Besatzungssoldaten und einer deutschen Mutter. Heute ist er Integrationsbotschafter beim DFB.

Von: Ann-Kathrin Mittelstraß und Thomas Mehringer

Stand: 13.07.2021

Jimmy Hartwig im 60er-Stadion. | Bild: BR/Stefan Panzner

Zündfunk: Die EM ist vorbei und hat sehr viel Staub aufgewirbelt in den letzten Tagen. Als Sie die verschossenen Elfmeter gesehen haben von Rashford, Sancho und Saka, haben Sie vorausgesehen, was auf die Spieler zukommen würde an rassistischen Anfeindungen?

Jimmy Hartwig: Ich habe geahnt, dass die Rassisten einen Sündenbock brauchen. Ich finde, den ersten Fehler hat der Trainer gemacht: Du kannst doch keine 19-Jährigen die Elfmeter am Schluss bei so einer Veranstaltung schießen lassen. Das ist unverantwortlich gewesen. Das hätte ich nicht getan. Da hat er ja Tür und Tor geöffnet. Es ist sehr schade, dass so ein erfahrener Trainer drei so entscheidende Fehler macht.
Aber trotzdem hat kein Mensch das Recht, andere Menschen zu beleidigen, Menschen mit einer anderen Hautfarbe rassistisch zu demütigen. Das ist unterste Schublade. Da müsste die UEFA oder die FIFA mal knallhart Strafen rauslassen. Dass die englische Nationalmannschaft mal ein Jahr nicht Fußball spielen darf, dass die Fans wissen, so geht's nicht.

Heute hat sich Marcus Rashford entschuldigt für den Elfer. Er hat auf Twitter geschrieben: „Mein Elfmeter war nicht gut genug, der Ball hätte reingehen müssen, aber ich werde mich niemals dafür entschuldigen, wer ich bin und woher ich komme.“ Das ist für einen 24-Jährigen sehr reif und beeindruckend. Wie sehen Sie das?

Marcus Rashford bei der Euro 2020 im Spiel gegen Tschechien

Hervorragend, er hat nicht dieselbe Sprache gesprochen wie die Verrückten, sagen wir ruhig Nazis zu den Typen. Er hat sachlich geantwortet und hat viel Lob bekommen dafür im Netz. Ich weiß, was die fühlen – ich hatte ja einen Nazi im Elternhaus sitzen, meinen Großvater. Sie sagen, das tut nicht weh, wir gehen jetzt zur Tagesordnung über. Aber dieser Stachel sitzt ganz tief.

Zu Ihrer aktiven Zeit gab es das Internet ja noch nicht, dass das N-Wort auf Twitter trendet. Oder ein Hashtag wie #SayYesToRacism. Hat sich dieser Rassismus verändert im Vergleich zu den Erfahrungen, die sie gemacht haben?

Er hat eine größere Plattform bekommen, geändert hat sich nichts. Jeder kann ja jetzt seinen Frust und Schmutz loswerden. Dem muss nachgegangen werden und es muss gelöscht werden. Es geht ja los mit diesem unterschwelligen Rassismus. Bei mir sind die Leute immer gekommen und haben gesagt: „Ach, der sieht aber schön aus mit seinen Löckchen. So ein richtig schöner brauner Junge.“ Ich sage immer wieder, bei jedem Interview: Die schweigende Mehrheit muss aufstehen und muss dagegen vorgehen.
Ich bekomme viele Emails, in denen ich angegriffen werde. Die Leute sagen, sie können das mit dem Rassismus nicht mehr hören. Aber ich werde so lange gegen Rassismus kämpfen, bis ich in die Kiste springe. Und vielleicht ein paar von euch überzeugen kann. Solange werde ich mitmachen, solange müssen alle mitmachen! Ich habe Angst, dass wir in eine Zeit zurückfallen, die wir schon mal hatten und die wir verachtet haben.

Fußball ist er auf der einen Seite ein riesiger Integrationsmotor. Da wird auf dem Platz gemeinsam gekämpft und gefeiert und gelitten. Gleichzeitig ist der Sport für die Fans so emotional aufgeladen, dass bei manchen offenbar komplett der Verstand aussetzt. Wie passt das zusammen?

Diese Frage versuche ich auch immer zu beantworten. Ich will jetzt keine Reklame machen, aber: Deswegen bin ich ja – ausgerechnet ich – zum DFB gegangen. Die Leute haben mich immer gefragt, wie kannst Du, die haben dasselbe mit Dir gemacht wie mit allen Dunkelhäutigen, sie haben Dich nicht spielen lassen. Aber genau deswegen gehe ich da hin.

Sie kämpfen ja seit Jahrzehnten gegen Rassismus, sind jetzt DFB-Integrationsbotschafter. Was sind denn die Strategien, wie überzeugen Sie Leute, keine entsprechenden Äußerungen neben dem Spielfeld, auf dem Spielfeld zu machen?

Ich versuche auf Augenhöhe mit denen zu reden. Ich gehe in die Schulen, ich bin unterwegs. Ich weiß ja, wo meine Pappenheimer sitzen. Ich treffe mich auch mit Rechtsradikalen. Ich kann die nicht überzeugen, aber ich versuche, ein bisschen zum Nachdenken anzuregen.

Der Grünen-Politiker Cem Özdemir hat auch darauf aufmerksam gemacht, dass die rassistischen Anfeindungen kein Problem des Fußballs sind, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem. Und auch wir in Deutschland sind nicht frei davon. Was würden Sie tun, wenn Sie in politischer Verantwortung stehen würden?

Ich würde Menschen um mich herum scharen, die ihr Leben lang mit Rassismus zu tun haben, die betroffen sind. Und wir müssen sachlich fundiert diskutieren. Es ist ein harter Weg. Aber ich hoffe, vielleicht doch das Glück zu haben, jetzt wo der DFB umstrukturiert wird – weil mich viele Politiker anrufen und sagen, es wird Zeit, dass Typen wie du bis in die Spitze beim DFB kommen. Wenn das klappt, dann können Sie davon ausgehen, dass da einiges passieren würde!

Die Dokumentation "Schwarze Adler - Wie rassistisch ist der deutsche Fußball?" ist derzeit in der ZDF Mediathek zu sehen. Darin berichten unter anderem Jimmy Hartwig, Steffi Jones, Gerald Asamoah und Cacau davon, wie sie Rassismus in ihrer Karriere erlebten.