Bayern 2 - Zündfunk


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Polina Lapkovskaja über die Lage in Belarus "Jetzt gibt es wirklich so etwas wie eine Einheit zwischen den Bürgern"

Polina Lapkovskaja kam mit 11 Jahren aus Belarus nach Deutschland. In München sang sie bei Pollyester. Jetzt will sie wegen der Proteste in ihr Geburtsland zurückkehren. Im Interview erzählt sie, wie sie die Situation dort wahrnimmt.

Von: Franziska Timmer

Stand: 15.09.2020

Die Sängerin Pollyester | Bild: picture alliance / Jan Haas

Polina Lapkovskaja ist Performance-Künstlern, Musikerin, Sängerin der Band „Pollyester“. 1993 kam sie mit ihrer Mutter aus Minsk, der Hauptstadt von Belarus, nach München; da war sie elf Jahre alt. Kurze Zeit später (1994) kam Präsident Lukaschenko an die Macht und ja, er ist es immer noch. “Wie lange noch?“, fragt sich Polina, kurz „Polly“. Sie hat ihren Lebensmittelpunkt in München, ist aber regelmäßig in Belarus, hat Freund*innen und Familie dort. Am liebsten wäre sie auch jetzt vor Ort, um mit zu demonstrieren. Wir haben Polly bei sich zu Hause in München besucht.

Zündfunk: Wir sitzen auf deiner Terrasse in München. Es ist sehr ruhig und friedlich hier. Kein Vergleich zu den Bildern, die man aus Minsk kennt. Wie geht es dir, wenn du die Proteste in den Medien siehst?

Polina Lapkovskaja: Ich bin aufgebracht und unruhig und gleichermaßen auch euphorisch auf eine Art, weil das ein historischer Augenblick ist für das Land. Und weil die Leute sehr lange darauf gewartet haben, dass ein Wandel passiert.

Du kennst viele Menschen dort, viele Künstler*innen, aber auch andere Menschen. Was erzählen dir diejenigen von der Stimmung dort?

Sie erzählen, dass das Volk eigentlich zum ersten Mal wirklich geeint ist. Die Leute waren in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten vor allem damit beschäftigt, ihre privaten Sorgen zu bewältigen und irgendwie zurechtzukommen in diesem Land, wo man nicht mehr weiß, was ist Gesetz, was ist Willkür, wie funktioniert das Leben, wie bringt man seine Kinder durch und, wie lebt man halbwegs glücklich. Und jetzt gibt es wirklich so etwas wie eine Einheit zwischen den Bürgern. Leute erzählen, dass sie sich vor den Häusern, in denen sie leben, unterhalten, wo früher die Nachbarn nie miteinander gesprochen haben oder keinen Kontakt hatten und auch kein großes Interesse. Aber jetzt gibt es eben ein ganz übergreifendes, geeintes Interesse.

Die Leute gehen gerade jeden Tag auf die Straße. Am vergangenen Wochenende waren es auch wieder Zehntausende. Es hat rund 400 Festnahmen allein in Minsk gegeben. Neben diesen positiven Dingen, die du hier beschreibst, haben die Leute auch Angst?

Ja total. Aber dadurch, dass mit jedem Tag der Druck auf Lukaschenko wächst und die Leute immer mehr Vertrauen haben, dass die Militärs und die Sicherheitsleute früher oder später zum Volk überlaufen werden - weil es einfach keinen Grund mehr gibt, den Präsidenten zu stützen - denke ich, dass der Mut immer mehr wächst.

Du bist selbst Performance-Künstlerin und Musikerin. Deswegen lass uns über die Künstler*innen im Land sprechen. Welche Aktionen sind dir denn besonders aufgefallen? Da gab es ja wahnsinnig viel.

Also es wird gesungen auf der Straße und es gibt auch ein paar Lieder, die jetzt zu den Protestliedern geworden sind. Wenn man sich die Videoaufnahmen von den Demonstrationen und Protesten ansieht, hört man immer wieder in verschiedensten Versionen bestimmte Lieder. Sämtliche Orchesterchöre gehen vor ihre Institutionen, singen und spielen. Dann gibt es viele öffentliche Aktionen, bei denen Musiker zum Beispiel ihre staatlichen Auszeichnungen zurückgeben - als Zeichen des Protests.

Also eine Form von Streik quasi?

Genau. Die Preise sind ja teilweise auch mit Geldprämien verbunden. Die Musiker zeigen, dass sie einfach damit nichts zu tun haben wollen und sich dafür schämen, vom Staat belohnt zu werden für ihre Kunst.

Sind die Proteste auch eine Chance für die Künstler*innen, endlich ihre Kunst zeigen zu können?

Es ist einerseits eine Chance, das, was es gibt, endlich zeigen zu können. Aber es ist auch eine Türöffner-Situation, wo man nicht mehr wenig selbstbewusst nach dem Westen schielen muss oder sich verleitet fühlen muss, irgendetwas zu kopieren oder nachzuahmen, um vielleicht einen Fuß in den Westen setzen zu können.

Passiert das häufig?

Es gibt einfach einen großen Nachahmungsdrang, weil diese Sehnsucht nach dem Westen einfach wahnsinnig groß ist. Dadurch, dass alles blockiert ist und die Türen so viele Jahre lang zu waren, hat das natürlich auch in einer illusorischen Welt stattgefunden. Jetzt gibt es einen Augenblick, wo es vielleicht so etwas wie ein kleines Selbstbewusstsein gibt, in diesem Land zu leben. Weil die Menschen sich zum ersten Mal selbst empfinden können. So fühle ich, so geht es mir auch auf Distanz als Weißrussin. Das ist eben ein Land, das eigentlich niemanden interessiert.

Es fällt einem schon fast schwer, das so zu sagen, wenn man die Bilder sieht, wie brutal teilweise gegen die Demonstrierenden vorgegangen wird. Aber trotzdem: Könnte im Großen und Ganzen aus den Protesten etwas Positives entstehen?

Unbedingt. Ich wünsche es mir sehr. Und ich wünsche mir auch sehr, dass die EU da rechtzeitig ein Signal sendet, wie sie eigentlich zu dem Land steht. Abgesehen von den Wahlen, die sie nicht anerkennt. Ob es vielleicht auch eine proaktive Geste in Richtung Belarus gibt, ob es Ideen dazu gibt, wie Belarus in Richtung EU geöffnet werden könnte.

Inwiefern planst du denn an diesen Protesten teilzunehmen oder die Demonstrierenden vor Ort zu unterstützen?

Das ist gerade in Planung. Ich möchte eigentlich längst schon dort gewesen sein.

Viele Konjunktive.

Ja. Ich wäre gerne schon längst dort. Aber das ist aus diversen Gründen noch nicht möglich gewesen. Ich plane, so schnell wie möglich dort zu sein und auch mit meinem Körper zu demonstrieren.


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