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Jens Balzer über kulturelle Aneignung „Ohne kulturelle Aneignung würde es nichts von dem geben, was uns popkulturell begeistert und voranbringt“

Jede Kultur beruht auf Aneignung. Und so ist die Frage nicht, ob kulturelle Aneignung erlaubt sein sollte, sondern in welcher Form – sagt Kulturjournalist Jens Balzer. Er schlägt eine Ethik der Appropriation vor.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 17.08.2022

Portrait von Kulturjournalist Jens Balzer | Bild: Roland Owsnitzki

Wer darf was? Es ist eines der aktuell interessantesten und brisantesten Streitthemen in der Popkultur: kulturelle Aneignung. Während die einen „Cultural Appropriation“ rufen, schreien die anderen schnell „Cancel Culture“. Kulturelle Aneignung polarisiert und ist ein Reizthema, das auch den Kulturjournalisten Jens Balzer beschäftigt. Gerade ist sein Buch „Ethik der Appropriation“ erschienen. Ein Gespräch über Reggae, Rastalocken und Redfacing – und über hyperventilierende Konservative und linke Heißsporne.

Zündfunk: Die Debatte um das Thema „kulturelle Aneignung“ ist sehr aufgeheizt, das beschreiben Sie auch in Ihrem Buch direkt zu Beginn. Warum haben Sie sich ausgerechnet dieses Thema für ein Buch ausgesucht?

Jens Balzer: Weil mich sowohl die Aneignung anderer Kulturen interessiert als auch die Frage, was heißt eigentlich „andere Kultur“. Denn damit stellt sich auch die Frage, was eigentlich die eigene Kultur ist: Wie unterscheiden wir zwischen dem Eigenen und dem Fremden? Kann man überhaupt dazwischen unterscheiden? Und welche politischen Konsequenzen hat das? Das hat mich schon seit langem interessiert, sowohl was die Geschichte der Popkultur angeht, als auch mit Blick auf die Debatten der Gegenwart, die extrem polarisiert geführt werden. Und zwar von Fraktionen, bei denen man das Gefühl hat, dass sie von vornherein kein Interesse daran haben, einander zuzuhören.

So zum Beispiel zuletzt im Fall einer Reggae-Band in Bern, die nach der Pause nicht weiterspielen durfte, weil sich Teile des Publikums unwohl gefühlt hatten, weil Bandmitglieder als Weiße Dreadlocks tragen und Reggae spielen. Daraufhin ist sofort die gesamte konservative Presse der Schweiz und von Deutschland darauf eingestiegen, als sei das, was da vor drei Dutzend Leuten in einer alternativen Brasserie passiert ist, eine Staatsaffäre. Das hätte die natürlich sonst nie interessiert!

"Es gibt von rechts ein sehr großes Interesse daran, Debatten um kulturelle Aneignung als Verirrung der völlig durchdrehenden Linken darzustellen. Dagegen müssen diese Debatten unbedingt verteidigt werden!"

Jens Balzer, Kulturjournalist

Es gibt von rechts ein sehr großes Interesse daran, diese Debatten um kulturelle Aneignung als Verirrung der völlig durchdrehenden Linken darzustellen. Dagegen müssen diese Debatten unbedingt verteidigt werden! Das ist auch der Sinn dieses Buches, zu zeigen, dass diese Debatten ihr Recht haben und dass sie interessant sind, durchaus auch in moralphilosophischer Hinsicht. Man muss sie aber auch gegen den Heißsporn linker Aktivist*innen verteidigen, die glauben, man müsse jetzt unbedingt anderen Leuten erzählen, welche Musik sie spielen dürfen und welche Frisuren sie tragen dürfen.

Sie schreiben, gerade weil die Debatte so vermint ist, brauchen wir klare Spielregeln. Deswegen heißt das Buch auch „Ethik der Appropriation“. Wie sehen diese Spielregeln aus?

Ich schlage vor, die Perspektive umzudrehen. Also nicht zu sagen, man dürfe dieses oder jenes nicht. Zuallererst und zuletzt ist kulturelle Aneignung der Motor aller Kulturen. Ohne kulturelle Aneignung würde es nichts von dem geben, was uns insbesondere auch popkulturell fasziniert, begeistert und voranbringt. Und so ist es für mich geradezu ein Gebot der kulturellen Schaffenskraft, sich andere Sachen anzueignen. Dabei sollte man aber gleichzeitig darüber nachdenken, was man da eigentlich macht: Was bedeutet das politisch, wenn ich bestimmte Arten der Musik spiele oder mich mit bestimmten Fashion-Accessoires kleide?

"Wo kommt die Leidenschaft weißer Musiker*innen für die Reggae-Kultur her? Welches Bild der jamaikanischen Kultur entsteht, wenn weiße Menschen mit Rastalocken durch die Gegend hüpfen?"

Jens Balzer, Kulturjournalist

Man kann etwa durchaus fragen, wo die Leidenschaft weißer Musiker*innen für die Reggae-Kultur herkommt. Ist das nicht auch verbunden mit problematischen politischen Projektionen auf eine als irgendwie „ursprünglich“ empfundene Kultur? Sollte man sich diese dann wirklich aneignen? Welches Bild der jamaikanischen Kultur entsteht, wenn weiße Menschen mit Rastalocken durch die Gegend hüpfen? Das kann man positiv finden oder negativ – ich würde einfach dafür plädieren, darüber nachzudenken. Denn wenn man die Geschichte und die politischen Verhältnisse reflektiert, aus denen das kommt, was man sich aneignet, wäre schon eine Menge gewonnen.  

Und was geht wirklich gar nicht?

Ich hoffe, wir werden uns sofort darüber einig, dass alle Arten der kulturellen Aneignung, die marginalisierte Kulturen verhöhnen oder verspotten, absolut indiskutabel sind. Klassisches Beispiel, das bis in die USA des 19. Jahrhunderts zurückgeht: das Blackfacing. Weiße Performer beschmieren sich das Gesicht mit Ruß, um so Schwarze Performer als geistig minderbemittelte Trottel verächtlich zu machen – und sich zugleich eine goldene Nase zu verdienen.

Blackfacing geht gar nicht. Und Redfacing? Szene aus dem Winnetou-Film „Der Schatz im Silbersee“.

Schwieriger wird es beim Redfacing, also bei der Frage, wie „Indianer“ dargestellt werden. Das ist ja auch als Hommage an eine erst einmal bewunderte indigene Gruppe gedacht. Auf der anderen Seite ist auch das eine kolonialistische Praxis. Insofern, als es ja „die“ Indianer mit „dem“ roten Gesicht in Wirklichkeit nie gegeben hat. Hier müsste man genauer darüber nachdenken, welche Art von kolonialistischen Projektionen da drinstecken. Dann wird man, glaube ich, letztlich zu dem Schluss kommen: Lass es lieber bleiben!

Unser Zündfunk-Musikchef Michael Bartle hat kürzlich einen Kommentar geschrieben, in dem er meint: Die Popkultur bräuchte eigentlich mehr von dem, was heute als kulturelle Aneignung diskreditiert wird. Was sagen Sie zu dieser These?

Gerade im Vergleich zu Debatten auf Twitter und in den sozialen Netzwerken, wo Leute darüber diskutieren, was wem verboten werden soll, ist die Popkultur in der Praxis eigentlich viel weiter und geht völlig selbstverständlich mit kultureller Aneignung um. Einer der wichtigsten Trends gerade ist der südkoreanische Pop, der K-Pop. Da wird angeeignet, was das Zeug hält aus allen Teilen und Ecken der Welt. Das ist geradezu das Kennzeichen dieser hyperglobalisierten Popkultur. Oder auch das neue Album von Beyoncé, in dem sie sich 50 Jahre schwarzer und queerer Clubmusik und Clubkultur aneignet. Das ist auch eine Form der Cultural Appropriation. Denn das sind Kulturen, zu denen Beyoncé erstmal nicht dazugehört, sondern die sie sich aneignet – auf respektvolle Art und Weise.

Stehen Beyoncé oder K-Pop wirklich für eine emanzipatorische Form der kulturellen Aneignung, wie Sie sie in Ihrem Buch fordern? Greifen sie Machtstrukturen an – oder zementieren sie diese eher?

Ausbeutung oder Anerkennung? Beyoncés neues Album „Renaissance“.

Es ist ambivalent. Man kann in Beyoncé einerseits einen Superstar sehen, der eine musikalische Tradition in den Mainstream hebt, die für die allermeisten Menschen einerseits unsichtbar war, aber andererseits auch kulturell prägend: Ganz viele Einflüsse der Popmusik der letzten Jahrzehnte kamen aus der Schwulendisco der 70er Jahre, ohne dass das vielen Menschen bewusst wäre. Man kann das aber andererseits auch als Ausbeutung von Subkulturen durch einen milliardenschweren Kulturindustrie-Star verstehen.

Wir hatten schon einmal einen ähnlichen Fall bei Madonna, die 1990 mit dem Song „Vogue“ die queere Ballroom- und Drag-Szene einem breiten Publikum erschlossen hat, was auch damals gleichzeitig als Ausbeutung dieser Subkulturen kritisiert wurde.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Aneignung oder Appropriation vor allem dann gut ist, wenn sie die Ambivalenz von kultureller Identität zum Vorschein bringt. Warum ist das so ein wichtiger Punkt?

Weil er mir in den aktuellen Debatten zu kurz kommt. Es gibt eine lange Tradition der Debatte über Aneignung. Die kommt aus den frühen Gender Studies. Judith Butler hat zum Beispiel die Theorie aufgestellt, dass alle Arten der sexuellen Identität in Wirklichkeit nur angeeignet sind. Denn wie ein Junge oder ein Mädchen, ein Mann oder eine Frau auszusehen hat, folgt kulturellen Vorstellungen. Wir eignen uns Geschlechterrollen an.

"Es gibt so etwas wie ‘ursprüngliche’, ‘authentische’ Kulturen gar nicht, sondern es ist alles immer schon angeeignet."

Jens Balzer, Kulturjournalist

Das Beispiel von Butler ist die Drag-Kultur der 80er und 90er Jahre. Denn Drag Queens und Drag Kings eignen sich entgegengesetzte Rollen an und zeigen dadurch: Was wir für natürlich halten, das biologische Geschlecht, ist eigentlich gar nicht natürlich, sondern eine kulturelle Konstruktion. Geschlecht wird hier also dekonstruiert. Es wird gezeigt, dass etwas, was man eigentlich für natürlich hält, in Wirklichkeit kulturell hergestellt ist. Und das wäre eine Praxis der Aneignung, die man, so mein Vorschlag, auch auf kulturelle Aneignung übertragen könnte, indem man sagt: Es gibt so etwas wie „ursprüngliche“, „authentische“ Kulturen gar nicht, sondern es ist alles immer schon angeeignet. Damit hätte man zumindest mal eine Grundlage, um diese Debatten anders zu führen.

Der Trend scheint genau in die umgekehrte Richtung zu gehen: Wir geben uns eine feste kulturelle Identität und schreiben die in unsere Social-Media-Profile.

Tatsächlich schlägt das Pendel mal in die eine, mal in die andere Richtung. Zwei Arten des emanzipatorischen Denkens sind aktuell miteinander in Konflikt geraten. Das macht die Sache so schwierig. Einerseits muss man marginalisierte Kulturen gegen ausbeuterische Kulturen verteidigen, also immer dann, wenn Aneignung in Enteignung umschlägt. Dagegen vorzugehen, finde ich absolut richtig und verteidigenswert. Dabei geht es um die Sichtbarkeit von marginalisierten Gruppen.

Auf der anderen Seite müsste ein emanzipatorisches Verhältnis zur Identität in meinen Augen auch immer heißen: Man lässt sich nicht auf eine bestimmte Identität festlegen, sondern genießt die Freiheiten der Transformation und Transgression. Es ist ganz schwierig in der Debatte um kulturelle Aneignung aus diesem Widerspruch rauszukommen.

Wenn man versucht, universelle Prinzipien des Verhältnisses zwischen Kulturen abzuleiten, wird man immer wieder an einen Punkt kommen, wo man sagen muss: „Einerseits …“, „andererseits…“. Und allein sich dieser Tatsache bewusst zu werden, dass man die Debatte um kulturelle Aneignung auf immer schwankendem Grund führt und gar nicht anders führen kann, finde ich zentral. Wenn sich das beide Seiten dieser polarisierten Debatte bewusst machen würden, wäre es für alle Beteiligten einfacher, miteinander ins Gespräch zu kommen.

„Ethik der Appropriation“ von Jens Balzer ist bei Matthes & Seitz Berlin erschienen (100 Seiten, 10 Euro).