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Neu im Kino In seinem neuen Film "Bildbuch" verlangt uns "Nouvelle Vague"-Legende Jean-Luc Godard alles ab

Politisch, oft unverständlich, faszinierend. Der neue Film von "Nouvelle-Vague"-Vertreter Jean-Luc Godard ist eine aufwendige Collage von Ausschnitten, Musik, Verfremdungen und Texten, die der 88-Jährige Meister selbst spricht. In "Bildbuch" lässt er 80 Jahre der assoziativen Kunst einfließen.

Von: Roderich Fabian

Stand: 20.03.2019

Eine Szene aus Jean-Luc Godards Film "Bildbuch" | Bild: International/Everett Collection

Jean-Luc Godard hat bereits 1968 damit aufgehört, "normale" Spielfilme zu drehen, mit seinem Film "One plus One", der einerseits die Rolling Stones bei den Aufnahmen zu "Sympathy for the Devil" zeigt, andererseits Sprechern der Black-Panther-Party ein Forum für ihre Thesen bot zu. Godard lehnt also das ganze kommerzielle Film-„Business“ bereits seit mehr als 50 Jahren ab. Seine Werke versteht er seitdem als künstlerische Agitationen. In "Bildbuch" liest Godard selbst mit der Stimme eines hörbar fast 90jährigen diverse Zwischentexte. Da er Untertitel ablehnt, weil man beim Lesen dann die Bilder eines Films vernachlässigt, hat er sich die beträchtliche Mühe gemacht, seine Texte auf Deutsch einzulesen. Anfangs erläutert er die Grundidee seines neuen Films.

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Bildbuch von Godard (deutscher Teaser) | Bild: GRANDFILM (via YouTube)

Bildbuch von Godard (deutscher Teaser)

"Bildbuch" ist eine unfassbar aufwendige Collage von jüngeren oder älteren Filmausschnitten, von Dokumentarmaterial aus diversen Jahrzehnten, aus experimentell verfremdeten Bildern, aus Musik, literarischen Zitaten und Off-Texten. Kaum eine Passage dauert länger als ein paar Sekunden. Manchmal reißen die einzelnen Elemente unvermittelt ab oder überlagern sich. Es ist also ein totaler Mindfuck, fast wie das richtige Leben. Godard geht von der wohl richtigen These aus, dass die Welt permanent zu komplex ist, um sie wirklich erfassen zu können. So zitiert er im Film Berthold Brecht: "Ich brauche einen ganzen Tag, um eine Sekunde zu erzählen. Ich brauche eine Jahr, um eine Minute zu erzählen. Ich brauche ein Leben, um eine Stunde zu erzählen. Ich brauche eine Ewigkeit, um einen Tag zu erzählen." Das bedeutet aber nicht, dass "Bildbuch" keinen Sinn machen würde. Godard bestätigt nur Brechts These und sinniert: "In der Wirklichkeit trägt nur ein Fragment den Stempel der Echtheit".

Gewalt vs. Poesie

Das soll nun keineswegs heißen, dass "Bildbuch" auf etwas so Plattes wie den "Fake News"-Diskurs der Gegenwart abzielt. Es geht um viel mehr. In fünf Kapiteln wird - sagen wir mal grob: die Geschichte der letzten hundert Jahre reflektiert . Da geht es um das Politische im Privaten, verschiedene Liebesszenen sind eingebaut mit Danielle Darrieux, mit Rita Hayworth oder Gérard Depardieu. Die zeigen aber nicht die zarte Umarmung, sondern die jeweiligen Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern. Es geht im weiteren Sinne nämlich immer um Gewalt und wie damit letztendlich Konflikte aufgelöst werden. Dem wird, z.B. in Gestalt von Isabelle Adjani die Schönheit und Bestimmtheit der Poesie gegenübergestellt.

Komplexe Montage von Film-Samples, Musik und Text

Eine Passage beschäftigt sich mit der Eisenbahn als Mittel der komfortablen Beförderung oder eben als Mittel des Transports von Menschen. Ein anderer Teil mit dem Verhältnis von Europäern zu Arabien, von den Kreuzzügen bis heute – und wie Bilder aus rassistischen Motiven eingesetzt werden. Jean-Luc Godard bleibt der höchstgebildete Intellektuelle, der zu viel erlebt hat, um darüber schweigen zu können, und der es einem verdammt schwer macht, ihm zu folgen, so komplex ist das alles hier montiert. Godard weiß aus welcher Zeit er kommt, wenn er die Gegenwart betrachtet.

"Bildbuch“ verlangt einem alles ab, aber dieser Reigen von Bildern und Tönen bleibt bis zum Ende aufregend und zugleich mysteriös. Man müsste und kann den Film mehrfach anschauen, um Stück für Stück vielleicht immer mehr zu begreifen.


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