Bayern 2 - Zündfunk


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Album der Woche Jamila Woods bringt soulfullen Geschichtsunterricht und ein fantastisches Album

Jede Note von Jamilas Gesang sitzt perfekt, die Keyboards flirren direkt aus dem Mothership... „LEGACY! LEGACY!“ ist jetzt schon eines der besten Soul-Alben des Jahres.

Von: Michael Bartle

Stand: 13.05.2019

„Ihr konntet mich nie einsortieren, also lasst es. Ich schmeiß mit mehr Sounds um mich, als sich eine Schlange häutet“ singt Jamila Woods in Miles, einem ihrer neuen Songs, mit dem sie Miles Davis ein kleines Denkmal baut. Jeder der 12 Songs auf “LEGACY! LEGACY!” ist nach einem anderem afroamerikanischen Künstler benannt. Jamila Woods hat sich tief in die Biografien, Essays und Werke der von ihr verehrten MusikerInnen, Poeten und Maler versenkt.

"Giovanni" war einer der ersten Songs, die fertig waren. Inspiriert nicht vom italienischen Modeschöpfer, sondern von der afroamerikanischen Poetin Nikki Giovanni.

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Jamila Woods - GIOVANNI | Bild: JamilaWoodsVEVO (via YouTube)

Jamila Woods - GIOVANNI

In jedem Song schmeißt sich Jamila Woods in ein anderes Gewand, entrollt einen anderen Faden afroamerikanischer Kultur. In „Betty“ schlüpft sie in die Rolle der Funksängerin Betty Davis, die 1968 ein Jahr lang mit Miles Davis verheiratet war. Und die ihm immer wieder Sly Stone und Jimi Hendrix vorspielte. Einflüsse, ohne die Miles vermutlich nie sein epochales Fusion-Meisterwerk „Bitches Brew“ zustande gebracht hätte.

In einem anderen Song lässt sie Muddy Waters hochleben, den Gott des elektrischen Blues. „He can shake the fire out“ singt sie, mit der bloßen Hand bekommt er das Feuer in der Griff, kann es auswedeln. Um dann in Muddys Perspektive weiter zu singen: „They stole my name“ – die Weißen, sie haben dann leider unser Copyright geklaut und den Rhythm’n‘Blues kolonialisiert und monetarisiert. Und dabei ignoriert, dass diese Musik unsere Geschichte erzählt, unser Leid in die Welt schreit. Ja, „we’ve been in a war“, wir sind im Krieg, der Krieg gegen Rassismus – er ist noch lange nicht zu Ende.

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MUDDY | Bild: Jamila Woods - Topic (via YouTube)

MUDDY

Jamila Woods ist nicht nur Künstlerin, sondern auch Pädagogin. Im Nebenberuf unterrichtet sie an der Young Chicago’s Authors Schule junge Schriftsteller. Und auch wir sollten von ihr eine ganze Menge lernen an afroamerikanischer Geschichte und afroamerikanischen Empowerment. Das Album fordert einen auch immer wieder heraus, zwischen den Songs zu lesen. Ein Buch von James Baldwin aus dem Regal zu ziehen. Macht uns neugierig: Was war gleich nochmal die beste Platte von Eartha Kitt? Und auf welchen Maxis hat der Maler Jean-Michel Basquiat mitgerappt, dem Jamila ebenfalls einen Track widmet?

Aber das Album “LEGACY! LEGACY!” ist eben mehr als nur ein namenspralles und super-ambitioniertes Nachschlagewerk. Vermutlich werden wir in diesem Jahr kein besseres Soul-Album mehr bekommen. Jede Note von Jamilas Gesang sitzt perfekt, die Keyboards flirren direkt aus dem Mothership, das Schlagzeug hat genau die funky-vornehme Zurückhaltung, die es braucht. Und selbst der Bass bekommt immer wieder einen Schlag Trap auf die Saite geschmiert. Man kann das Album also lesen UND hören. Denn “LEGACY! LEGACY!” ist der soulfullste Geschichtsunterricht, den man sich vorstellen kann.


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