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Problematische Filmklassiker James Bond ist aus der Zeit gefallene Polizei- und Geheimdienst-Propaganda

James Bond soll dieses Jahr nicht nur die Welt retten, sondern auch das Kino. Das ist schade, denn die Filme sind astreine Polizei und Geheimdienst-Propaganda, kommentiert Ferdinand Meyen.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 22.09.2021

Daniel Craig als James Bond in "Skyfall" | Bild: picture alliance / Everett Collection | ©Columbia Pictures/Courtesy Everett Collection

Es ist meistens der Sexismus, der im Vorfeld eines neuen James Bond-Films durchs Feuilleton geistert. Ist so eine Männerfigur heute noch zeitgemäß? Brauchen wir nicht mal andere Debatten als die Fragen, mit welchen Bondgirls sich 007 dieses Mal einlässt oder ob er wieder Aston Martin, BMW oder vielleicht sogar Lotus Esprit fährt? Und wäre es nicht dringend an der Zeit für einen feministischen Bond?

Klar sind die meisten 007-Filme sexistisch – nicht umsonst nannte Filmreggisseur Cary Fukunaga Sean Connerys 007 einen "Vergewaltiger". Klar täte der ein oder andere Bondboy nicht schlecht, klar wäre es cool, wenn der Geheimagent statt dem Aston Martin mal das Fahrrad nehmen würde – und die Kontrahenten in ihren Sportwägen auf überfüllten Staatsstraßen im Stau stünden. Aber einen feministischen Bond würde wahrscheinlich niemand im Kino sehen wollen. Und ich finde, dass das ohnehin nicht die Hauptgründe sind, warum die Geheimdienst-Reihe heute so aus der Zeit gefallen ist. Mich nervt ein Aspekt, der nur selten besprochen wird: Die Bond-Filme sind eigentlich Propaganda für Polizei und Geheimdienst.

Das wohlige Gefühl des Status Quo

Vorne weg: Natürlich sollte man die politische Bedeutung der Filme nicht überhöhen. Sie sind gute Unterhaltung, dafür gemacht, uns mit Action-Sequenzen den Atem zu rauben. Trotzdem schwingt auch immer ein gewisser Subtext mit. Und der lautet, dass alles schon so passt, wie es ist. Wen wundert’s – sowohl die Bücher, als auch die Filme sind im Kalten Krieg entstanden. Sie mussten das westliche System zwangsläufig als guten und richtigen Status Quo verkaufen. Bond als Agent des britischen Geheimdienstes kämpft für uns, für die Guten! Die Bösen dagegen wollen meistens nicht weniger, als die Welt auslöschen. Da ist jedes Mittel recht, sogar die Lizenz zum Töten. Perfekte Propaganda für eine Seite einer bipolaren Welt.

Nach dem Wegfall des Ostblocks musste sich der Style ändern. Mit Pierce Brosnan war’s fast Geheimdienst-Satire, Daniel Craig gelang dann die Wandlung hin zum modernen, ernsteren Bond sagen viele. Der Subtext und das Schwarz-Weiß aber sind geblieben: Wir wissen immer, wer der Feind ist und dass wir uns mit 007 identifizieren können. Oder halt mit Q, M und Moneypenny. Alles passt, wie es ist, solange wir solche Agenten haben. Leinwand an, Vorhang auf, Gehirn aus.

Geheimdienst in der Krise

Und da sind wir beim Hauptproblem der Reihe heute. Ich finde es absurd, den Geheimdienst so zu idealisieren, wie es die Figur James Bond immer noch tut. Ein Beispiel: Im letzten Bond-Film „Spectre“ wird der MI6 zwar von einer bösen Organisation unterwandert, die ihn für Totalüberwachung instrumentalisieren will. Zum Glück retten uns Bond, M, Q und Moneypenny aber vor dem Schlimmsten. Die Botschaft: Solange wir solche Leute haben, können wir uns auf unseren Geheimdienst verlassen. Solange es noch Richtige im Falschen gibt, geht’s am Ende gut aus! Paradox, dass „Spectre“ von vielen als Reaktion auf den NSA-Skandal gefeiert wurde. Und dann sind da auch noch Julian Assange und WikiLeaks, die offenlegen, dass Drohnenangriffe keinesfalls immer die Bösen, sondern schon auch Zivilisten töten. Nicht zu vergessen auch Katherine Gunn. Dank ihr wissen wir heute, dass der US-Geheimdienst seine Macht missbraucht hat, um eine UN-Resolution und damit Zustimmung für einen Angriffskrieg auf den Irak zu erzwingen.

Klar, alles USA und nicht MI6. Aber diese Unterscheidung kommt ja auch in den Bond-Filmen so gut wie gar nicht vor. Schließlich müssen die in Amerika genauso funktionieren wie in Großbritannien. Und so hat die Lizenz zum Töten, die selbst in „Spectre“ noch als Maß aller Dinge idealisiert wird, dann doch einen ziemlich faden Beigeschmack. Der alte Status Quo als Lösung der Probleme des neuen wie in „Spectre“ und „Skyfall“ angedeutet? Das ist an Plattheit kaum zu überbieten.

James Bond und der Kapitalismus

Vermutlich hat der Spionageautor John Le Carré Bond deshalb schon im Jahr 1966 einen „neofaschistischen Gangster“ genannt. Die Fleming-Figur sei ein pures Fantasieprodukt, meinte er damals. Sie habe nichts mit der echten Geheimdienstwelt zu tun. Und noch dazu ist Bond – auch keine neue Kritik – noch immer die Verkörperung des Kapitals. Omega und Rolex, Aston Martin und BMW, schicke Anzüge, Wodka-Martini – geschüttelt, nicht gerührt! Ein Plädoyer für den Konsum. Im Grunde ist es der gelebte Kapitalismus, der da Film um Film mit coolen Gadgets für uns die Welt rettet. Eigentlich ein Wunder, dass James Bond noch nicht in die FDP eingetreten ist und noch keine Maschine erfunden hat, die den Klimawandel aufhält.

Agentenfiguren müssen heute anders aussehen

Kate Winslet in der Serie „Mare of Easttown“

Dabei könnten die Drehbuchautoren und Autorinnen dieser Welt heute eigentlich andere Agentenfiguren entwerfen. Sie müssten komplexer sein, es müsste ihnen viel schwerer fallen, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Wie zum Beispiel Kate Winslet in der Serie „Mare of Easttown“. Eine Detektivin, geplagt von Selbstzweifeln, von den eigenen Schwächen und Fehlern als Polizistin. Sie leidet an dem, was der Job aus ihr gemacht hat: Zu wenig Zeit für die Familie, zu viel Alkohol. Agenten oder Cops von heute brauchen einfach viele Grautöne, nicht das öde Geballere auf ein paar Bad Guys. Selbst Jason Bourne, einer keinesfalls fehlerfreien amerikanischen Version von James Bond, gelingt das besser. Der Titelheld ist ambivalenter, genauso wie sein Verhältnis zum Geheimdienst. Und Actionsequenzen, die Spaß machen, gibt’s da auch.