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Biografie „Dilla Time“ Wie Beatmacher J Dilla den Hip-Hop revolutionierte

J Dilla war der „größte Beatmaker aller Zeiten“, der „Coltrane seiner Generation“ – so beschreiben ihn seine Kollege Questlove und Common. Kurz ein Genie. Er starb 2006 mit nur 32 Jahren. Nun ist die Biografie „Dilla Time“ erschienen.

Von: Ralf Summer

Stand: 02.05.2022

J Dilla: The Diary (Albumcover) | Bild: Mass Appeal

1994: Die noch unbekannte Hip-Hop-Band The Roots tourt im Vorprogramm der kalifornischen Rap-Crew The Pharcyde. Nach dem Auftritt steigt Roots-Schlagzeuger Ahmir Thompson, den wir heute als Questlove bzw: Tausendsassa im amerikanischen Pop-Business kennen, ins Taxi. Aus der Ferne hört er noch den Konzertauftakt der Hauptband. Er bittet den Fahrer, zu warten: da stimmt doch was mit dem Schlagzeug nicht, der Beat hängt!

Questlove kann nicht glauben, was er da hört: Die Claps, das Klatschen, kommt zur falschen Zeit: Zu spät, wenn auch nur leicht. Und dann die Kickdrum: Die Eins stimmt zwar, aber der nächste Schlag kommt nicht auf der Drei. So etwas hat er noch nie gehört. Er steigt wieder aus dem Taxi und läuft zur Bühne zurück. Nach der Show erzählen ihm Pharcyde, dass das einer der Beats war, die sie von Jay Dee bekommen hätten. Und dass sie sich wegen der krummen Beats bandintern tatsächlich schon geprügelt haben.

Jay Dee from Detroit

Wer war dieser „Jay Dee from Detroit“, wegen dem sich Beatmaker in die Haare kriegen? Jay Dee ist der Künstlername von James Dewitt Yancey. Später nennt er sich J Dilla. In seiner Heimatstadt hat er ein eigenes Hip-Hop-Projekt am Laufen: Slum Village. Aber noch keinen Vertrag für ihre LP „Fan-tas-tic Volume 1“ in der Tasche. Kein Wunder: Viele Labels sind verwirrt, als sie seine Beats hören – die irgendwie hinken, verschleppt daherkommen, einen komischen Swing haben.

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J Dilla - Much More (Instrumental) | Bild: Seth Grace (via YouTube)

J Dilla - Much More (Instrumental)

Unglaubliche acht Jahre werden Slum Village brauchen, bis sich jemand traut, ihr Debüt rauszubringen. Dillas Solo-Karriere zündet schneller: In New York. Sein Vorbild, der Hip-Hop-Produzent Pete Rock, hat ihn dort weiterempfohlen: Nach ganz oben.

Die Genialität Dillas

Q-Tip wird sein Mentor und lädt Dilla ein, das „Beats, Rhymes & Life“-Album von A Tribe Called Quest zu produzieren. In Windeseile bekommt die East Coast von seinen Qualitäten mit: Von nun an gibt es „Dilla time“. Das gleichnamige Buch hat schöne Rhythmus-Grafiken, die zeigen, worin die Genialität Dillas besteht: Er versetzt auf seinem Sampler Takt-Elemente so fein, dass sie zum Teil zwar kaum hörbar, aber fühlbar sind. Wenn er mit dem Timing noch nicht vollends zufrieden ist, heißt sein Motto: „Move a baby hair backwards.“

Sein Markenzeichen sind die nur so über die Tasten seines MPC-Samplers fliegenden Fingerspitzen, die er manchmal mit Pflastern abkleben muss, so stark werden sie beansprucht. Er macht nun Songs mit Busta Rhymes und Erykah Badu und wohnt fast in den legendären Electric Lady Studios in New York: Dilla produziert zur gleichen Zeit “Like Water For Chocolate“ – das Durchbruchsalbum von Rapper Common – und „Voodoo“ von D‘Angelo – heute ein Meilenstein des Neo Soul“.

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D'angelo - Feel Like Makin Love (prod. by J Dilla) | Bild: J DILLA - Archive of the Genius (via YouTube)

D'angelo - Feel Like Makin Love (prod. by J Dilla)

Erfolg und Stress

Der Stress und der Erfolg verändern Dilla. Er unterschreibt mehrere Deals gleichzeitig, gibt mehr als die Vorschüsse aus für sein Studio. Er verlässt die beiden Produzenten-Supergroups „Ummah“ und „Soulquarians“, weil sein Name auch alleine zu lesen sein soll. Und weil er Q-Tip für den Janet Jackson-Hit „Got ‘Til It‘s Gone“ mitverantwortlich macht. Dilla behauptet, dass sie den federnden Beat bei ihm geklaut hätten. Und dann reißt er alle Zelte in New York ab.

Im Rollstuhl auf Europa-Tour

J Dillas Lieblingsessen und drittes Album: Donuts

Seine Stimmungsschwankungen bleiben auch in Detroit rätselhaft. Eines Tages bricht er im Bad zusammen – eine seltene Blutkrankheit wird festgestellt. Zwei Frauen erwarten Babys von ihm – Dilla kehrt nun auch Detroit den Rücken und zieht nach L.A. - in eine Wohnung mit Kumpel Common. Dazu beginnt er Solo-Alben. Wenn früher gesagt wurde, dass Dillas Sound „sick“ war, jetzt wird es richtig „ill“. Die Stücke werden wilder, kürzer, hörspieliger. Doch sein Blutbild verschlechtert sich, seine Mutter Maureen hat inzwischen seine Geschäfte übernommen. Immer öfter kann Dilla seine Hände und Beine nicht mehr bewegen. Im Rollstuhl bricht er zu einer auf Europa-Tour auf. Was er aufgibt, ist sein Lieblingsessen: „Donuts“.

Nachdem bei Dilla noch die Autoimmunkrankheit Lupus diagnostiziert wird, bricht er bei einer Reise in Sao Paulo erneut zusammen. Immer wieder muss Dilla ins Krankenhaus. An seinem 32. Geburtstag erscheint „Donuts“ – sein erstes Solo-Werk. Im Krankenbett hat er eine Atemmaske auf und den Sampler an. Drei Tage später, am 10. Februar 2006 stirbt Jay Dilla.

Dilla stirbt am 10. Februar 2006

Im Trauergottesdienst spielt James Poyser „Fall In Love“ von Slum Village, den Sarg tragen u.a. Common, Questlove und Drummer Karriem Riggins. Auf Wunsch Dillas und seiner Mutter. Ma Dukes, wie sie von allen genannt wird, hat die beiden Ex-Frauen, die mit Dilla Töchter haben, zum Begräbnis eingeladen. Erst am Grab erfahren beide voneinander. Und vom unerwarteten Erbe. Dilla hinterlässt nicht nur unzählige, oft unfertige Beats, sondern auch 500.000 Dollar Steuerschulden. Die vielen posthumen Platten und Wiederveröffentlichungen dienen dazu, Geld einzuspielen, sagt Ma Dukes, die die Dilla Stiftung leitet und sein musikalisches Erbe verwaltet.

Dan Charnas: Dilla Time ist bei Swift Press erschienen

Der US-Journalist und Musikdozent Dan Charnas hat knapp 200 Leute aus Dillas Umfeld interviewt und daraus eine aufschlussreiche Biographie zusammen gesampelt. Wenn das Buch ein Erfolg und als Drehbuch verkauft wird, kommt bestimmt bald der Kinofilm und eine Serie über J Dilla. Der Nerd, der als Kind stotterte und dessen Beats so schräg flatterten - aber dessen Colas im Kühlschrank immer streng mit dem Logo nach vorn aufgereiht waren.

Posthumer Kult

Heute ist Hip-Hop das größte Genre der Popmusik, und J Dilla wurde posthum Kult. Spät aber zu recht. Sein Sampler ist im Museum of African-American Heritage & Culture in Washington ausgestellt und an Musikschulen gibt es Dilla-Kurse. Für seinen ehemaligen Mitbewohner Common ist er der „Coltrane seiner Generation“. Und Super-Drummer Questlove sagt: „Dilla ist der größte Beatmaker aller Zeiten“. Wer ihn bisher überhört hat: It‘s never too late for „Dilla time“.