Bayern 2 - Zündfunk


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Interview über Sex im Alter und ihren neuen Podcast Ist Charlotte Roche die Doktor Sommer unserer Tage?

Charlotte Roche war mal: Moderatorin bei Viva, dann Skandalautorin, dann Late-Night-Talkerin. Nun startet ihr Podcast "Paardialoge". Es sprechen: Charlotte Roche und Ehemann. Ist sie jetzt also die Aufklärerin der Generation 30+? Sammy Khamis hat sie in Köln getroffen.

Von: Sammy Khamis

Stand: 22.07.2019

Zündfunk: Wie fühlt es sich an als eine neue Dr. Sommer für die Generation 30+ aufzutreten?

Charlotte Roche: Dr. Sommer beinhaltet doch, dass man Sachen gefragt wird und auch antwortet. Das mache ich ja nicht. Das wäre ein bisschen größenwahnsinnig, weil ich auch glaube, dass hinter Dr. Sommer ein Ärzteteam steckt – und ich habe ja noch nicht mal Abitur. Ich rede zwar in dem Podcast über etwas, mit dem ich mich auskenne – und zwar die Beziehung zu meinem Mann. Aber – und das ist wichtig zu sagen – nur als Konsument. Es kann sein, dass Leute etwas lernen, weil wir darüber reden, was wir gelernt haben. Aber ich würde mir nie anmaßen anderen Tipps zu geben. Ich hoffe aber, es ist gute Werbung für Paar-Therapie.

Es gab zwei Sachen, die ich sehr witzig fand. Zum einen, dass du Eichen- oder Wurzelholztische hochheben kannst, um sie nach deinem Mann zu werfen und zum anderen, dass ihr euch beide High Fives gegeben habt, wenn ihr öffentlich Streit von deren Paaren mitbekommen habt. Macht ihr das immer noch?

Ich werfe schon viele Jahre nichts mehr nach meinem Mann. Das ist ein Ausdruck, dass irgendwas im Argen liegt, wenn man Gegenstände nach Leuten wirft. Ich bin kein Verfechter davon, wie es in romantischen Filmen dargestellt wird. Das es ein Ausdruck von Leidenschaft ist. Ich bin eher der Meinung, das ist ein Ausdruck von Geistesgestörtheit an der man arbeiten muss, und das habe ich gemacht.

Ich war früher unglaublich wütend, ängstlich und komplexbeladen. Deswegen hat er ab und zu einen Gegenstand bekommen. Das hat er wirklich seit Jahren nicht mehr, ich schwöre. Das High Five ist nicht, wenn Paare sich streiten, sondern bei bekannten Leuten oder bei befreudeten Paaren, wenn wir hören: Das Paar hat sich getrennt. Dann schlagen wir ein, weil wir als Paar noch leben.

Was willst du erreichen mit dem Podcast? Willst du weg von dem Image als Tabu-Brecherin, als expressive, fast voyeuristische Person? Hin zu diesem: Ich färbe meine Haare nicht mehr, ich habe Sachen gelernt und das erzähle ich euch jetzt?

Ich habe Sachen gelernt und ich werde älter. Vieles, was ich früher gemacht habe, würde ich heute nicht mehr machen. Nicht, dass ich mich davon distanziere. Ich bin einfach eine andere Person geworden und ich interessiere mich für andere Sachen. Die sind dann vielleicht auch etwas leiser, kann sein. Mich langweilt es sexuell schockierende Sachen zu sagen. Über Sexualität in einer langen Beziehung zu reden finde ich wieder okay, aber mehr mit leisen Tönen.

In der fünften Folge geht es ums Fremdgehen. Und sofort war der Boulevard wieder da: Die Skandalautorin erzählt von ihrer Affäre während ihrer Ehe. Da frage ich mich: Ist das, was Charlotte Roche macht, eigentlich Boulevard, nur grammatikalisch richtig?

Das war von Anfang an klar – ich bin ja nicht doof – wenn man so ins Innerste geht, dass ist das wonach ein Boulevardblatt immer lechzt. Die würden ja da wahrscheinlich sehr viel Geld dafür bezahlen, dass jemand Bekanntes zugibt, seinen Partner betrogen zu haben. Und wir reden im Podcast offen darüber und die kriegen alle Infos auf dem Silbertablett serviert. Ich finde es ehrenwert, schön und heilig, was mein Mann und ich da machen - über Beziehung reden und übers Fremdgehen, weil das vielen passiert und es alle verheimlichen. Alles worüber der Boulevard schreibt, ist dreckig: Wenn die über eine Hochzeit schreiben ist es ekelhaft, wenn die über eine Geburt eines Kindes von einem Promi schreiben, ist das auch dreckig. Die schaffen es, alles in den Dreck zu ziehen. Weil es auf so plumpe, eklige Weise dargestellt wird.

Eine kurze letzte Frage: Muss man über alles reden?

In einer Beziehung finde ich überhaupt nicht. Viele sagen: Charlotte, IHHHHHH, seid ihr jetzt so ein Paar, das alles totredet? Gar nicht. Wir reden im Podcast viel mehr über Sachen, als normalerweise; weil wir dort die Sachen auf den Tisch packen. Wir sind keine „Zer-Reder“. In einer Beziehung finde ich das Totreden schlimm.


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