Bayern 2 - Zündfunk

"Geheimnis" Isolation Berlin bleiben die rotzigen Zweifler, die in jeder Melancholie eine Symphonie hören

Die Berliner Band ist einer der Aufsteiger im deutsch-sprachigen Indie-Rock. Auch auf ihrem neuen Album "Geheimnis" gibt die Truppe um Lead-Sänger Tobias Bamborschke sehr intime Einblicke in Krisen von Menschen. Warum Bamborschke ein Ventil für solch "schwere Dinge" braucht, erzählt er im Interview.

Von: Ralf Summer

Stand: 11.10.2021

“Ich werde mich ändern". Ein Versprechen, das einem ja sonst niemand so schnell gibt – schon gar nicht auf Platte. Doch Tobias Bamborschke tut es. Immer wieder. Im Refrain der Single “Enfant Terrible”. Aber gut, es ist halt nur ein Lied. Und der Sänger von Isolation Berlin ein guter Rollenspieler. Muss also nichts heißen.

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Isolation Berlin - Enfant terrible (Lyric Video) | Bild: Isolation Berlin (via YouTube)

Isolation Berlin - Enfant terrible (Lyric Video)

Dann der nächste Song, "Geheimnis": "Ich werde von Gedanken angegriffen, mein größter Feind ist mein Gehirn", singt er darin. Es ist das Titelstück der neuen Platte. Ist das echt ein Geheimnis? Ist es gar sein Geheimnis? Oder schnappt er das alles auf in Berlin? Sowohl als auch. Im Interview erzählt er: „Ich habe Figuren erschaffen, die sehr intime Geheimnisse preisgeben. Informationen, die man nicht unbedingt bespricht, die nicht unbedingt was Schönes sind. Die geben sehr intime Einblicke in Krisen von Menschen. Ich beschreibe meine eigenen Krisen, indem ich Figuren erschaffe, die ähnliche Krisen und Ängste haben. Es sind eher symbolartige, traumhafte Wesen.”

Das Schlechte der Welt auch in sich selbst entdecken

Isolation Berlin sehen sich nicht als politische Band. "Politisches Denken muss immer allgemein sein, das ist mir zu ungenau", sagt Tobias Bamborschke dazu. Heißt: Da kann er dann nichts Berührendes schreiben. Er versucht lieber "das Schlechte der Welt auch in sich zu entdecken". So landet er dann immer beim Privaten, wie er uns bestätigt: "Wir leben in einer Zeit, in der viele Leute das Gefühl haben, sie müssten alles preisgeben oder an den intimsten Momenten wildfremder Menschen teilnehmen. Durch die sozialen Medien. Das Lied "Private Probleme" ist eine Art Gegenentwurf: Es sagt, ja, ich habe 'private Probleme'. 'Ich schäme mich dafür', aber ich muss sie nicht die ganze Zeit preisgeben. Ich muss es nicht mit jedem besprechen.“

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Isolation Berlin - Ich hasse Fußballspielen | Bild: Isolation Berlin (via YouTube)

Isolation Berlin - Ich hasse Fußballspielen

Zu hundert Prozent selbsterlebt ist dagegen der Text zum Lied "Ich hasse Fußballspielen", das schon während der Fußball-EM im Juni erschien. Bamborschke thematisiert hier ein, sein Jugendtrauma: Sportunterricht an der Schule. Als die Fußballspieler immer die starken Jungs waren, die Bamborschke nie in ihre Mannschaft wählten. Er litt darunter und wurde gemobbt. Der Künstler hat kein Problem damit, Aussenseiter zu sein: Fußball zu hassen, sich ins Schneckenhaus zurückziehen ("Ich ziehe mich zurück") oder der notorischen Eso-Ufo-Nudel Nina Hagen eine Hymne zu widmen ("(Ich will so sein wie) Nina Hagen"). Corona hat dagegen kaum Spuren hinterlassen: Lediglich in "Enfant Perdu" verhandelt er die Pandemie-Fragen: Wann kann ich wieder auf die Bühne? Wann geht es wieder weiter?

Aus den negativen Dingen etwas Schönes schöpfen

Sowohl in seinem neuen Lyrikband "Schmetterling im Winter" als auch auf Platte taucht immer wieder ein Thema auf: Vergänglichkeit. Bamborschke beschäftigt sich viel mit Verlust, mit Entwicklung: "Um Dinge loslassen zu müssen, um zu wachsen und um Neues zu entdecken. Darum geht’s immer im Leben und auch in meinen Liedern. Ich finde es interessant, wie Menschen mit Verlust, Leid und Einsamkeit umgehen. Krisen, die durch Kunst erträglich werden. Ich habe große Verlustängste und Angst vor Abschieden. Ich versuche immer aus den negativen Dingen etwas Schönes zu schöpfen. Die fröhlichen Dinge muss ich nicht verdauen. Ich brauche ein Ventil für die schweren Dinge."

Wem die Platte mit dem Track "Enfant Perdu", dem "verlorenen Kind", zu schwer endet, der hat noch die Bonus-Aufnahmen: Das Live-Konzert aus Ho-Chi-Minh-Stadt – aufgenommen in Vietnam, entstanden nach einer Einladung des Goethe Instituts. Im Deutsch-Unterricht wurden dort Lieder der Band angehört und die Schüler und Schülerinnen haben die Texte übersetzt. Isolation Berlin bleiben die rotzigen Zweifler, die in jeder Melancholie eine Symphonie hören. Oder wie heißt es nochmal am Ende des neuen Buches von Bamborschke? "Der Regen ist mein Freund...jeder Tropfen ein Ton in B-Moll."