Bayern 2 - Zündfunk


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Isabel Schayani in Moria "Die spüren genau, wie entwürdigend das ist. Und das geht an Kindern auch nicht spurlos vorbei.'"

Ein Feuer hat das größte Flüchtlingslager Europas zerstört. In der Sendung "Anne Will" am Sonntag zeigt die WDR-Journalistin Isabel Schayani Live-Bilder aus Lesbos und gibt damit dem Elend vor Ort ein Gesicht. Uns erzählt sie, was ihr die Leute vor Ort gesagt haben.

Von: Bärbel Wossagk

Stand: 14.09.2020

Ein Geflüchteter im niedergebrannten Flüchtlings-Camp Moria | Bild: picture alliance/NUR photos

Die WDR-Journalistin Isabel Schayani berichtet seit einiger Zeit immer wieder aus Lesbos. Dort spricht sie mit Flüchtlingen und deren Familien. Wir haben mit ihr telefoniert.

Zündfunk: Was waren die Reaktionen in Moria auf Ihre Berichterstattung?

Isabel Schayani: Es gab sehr viele Reaktionen. Die unmittelbare Reaktion waren die 40 oder 50 Menschen, die um uns herum standen. Denen haben wir das übersetzt, was ich gesagt hatte, weil die natürlich wissen wollen, was in Deutschland diskutiert wird. Dann waren sie danach empört, weil es ja keine Lösung für sie gibt. Und dann habe ich sehr viel positives Feedback bekommen: Danke, dass ihr da seid. Und die Menschen liegen dort rechts und links auf der Straße und in der Mitte laufen wir dann durch. Das ist schon auch eine asbsurde Situation, aber so ist es eben gerade.

Haben Sie auch Reaktion aus Deutschland bekommen?

Ja, das waren ganz viele Reaktionen aus Deutschland, schon direkt im Anschluss an die Sendung. Das schönste Feedback, dass ich gelesen habe, war eigentlich von einer Kollegin. Du hast den Menschen ein Gesicht gegeben, du hast sie vermenschlicht. Weil in dieser nachrichtlichen Lage reden wir über "die Flüchtlinge" oder wir reden über "die Menschen im Lager". Aber das hinter jedem von denen eine verdammt harte Geschichte steckt, das versteht man erst, wenn dann eben eine Frau dort völlig erschöpft sitzt und sagt, „Ich kann nicht mehr.“ Das macht vielleicht den Unterschied.  

Die Familie, die in dem Video zu sehen war, die begleiten Sie ja schon seit einer Weile. Die Familie stammt aus Afghanistan. Was für eine Perspektive haben die denn?

Das fragen die mich auch ständig. Es ist im Moment die Frage, die sie seit gestern und heute beschäftigt und völlig umtreibt und eigentlich lähmt. Bleiben wir hier auf der Straße und sind illegal aber dafür frei, ohne Wasser, ohne Essen, ohne Toilette, ohne Strom, ohne gar nichts oder gehen wir in ein Lager, von dem wir nicht wissen ob es wieder geschlossen wird. Denn das ist ja, was sie die letzten sechs Monate erlebt haben und die haben deswegen überhaupt kein Vertrauen, wenn die Griechen sagen, das ist ein offenes Lager. Das ist die Frage: Gehst du freiwillig wieder in das Gefängnis, weil du da ein Dach über dem Kopf hast und Essen und Trinken und du hast drei Kinder oder bleibst du auf der Straße, weil du das nicht noch mal machen willst.

Wie geht es den Kindern dieser Familie? Das Mädchen hat man ja auch gesehen und gehört.

Die ist eigentlich sehr selbstbewusst. Das ist eine selbstbewusste Biene. Wenn man der die falsche Frage gestellt hat, dann sagt die auf Persisch auch direkt, was ist denn das für eine Frage? Dabei war sie bis jetzt in ihrem Leben nur zwei Jahre auf der Schule und das hat ihr sehr gut gefallen. Jetzt sitzen sie hier in diesen Zelten und die ganze Zeit sagen sie, unsere Kinder sollen noch zur Schule gehen und die Zeit vergeht. Die Tochter hat sich jetzt für mich schon sehr verändert. Das Feuer steckt den Kindern in den Knochen. Und denen steckt aber natürlich auch der Hunger und der Durst in den Knochen. Und dieses ständige irgendwo auf der verdreckten Wiese einen Platz zu finden, wo man sich noch entleeren kann. Ich meine, die spüren genau, wie entwürdigend das ist. Und das geht an Kindern auch nicht spurlos vorbei. Die spielen zwar zwischendurch wie ganz normale Kinder, aber die schleppen das schon mit sich rum.  

Haben Sie denn Informationen, ob das neue Lager wieder so zugesperrt sein wird, oder könnte es auch offen sein?

Wir durften gestern das Lager besichtigen. Da gab es eine Presseführung und wir haben sowohl den Leiter aller griechischen Lager als auch die Chefin von UNHCR zu Lesbos gefragt, ob das offen oder geschlossen bleiben wird. Und wir haben keine klare Antwort bekommen.  


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