Bayern 2 - Zündfunk


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Jetzt im Kino: "Wackersdorf" "In Wackersdorf sind Risse durch Familien und politische Freundschaften gegangen"

Die Proteste gegen die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf sind lange nicht verfilmt worden. Oliver Haffner hat das Drama am Bauzaun jetzt in einen Kinofilm gegossen. Der Film hat den Publikumspreis beim Münchner Filmfest gewonnen.

Von: Roderich Fabian

Stand: 29.06.2018

Das Politdrama "Wackersdorf" von Regisseur Oliver Haffner handelt vom Widerstand gegen die atomare Wiederaufarbeitungsanlage 1986 in Wackersdorf. Er hat die Koproduktion von BR und Arte größtenteils vor Ort in der Oberpfalz gedreht. Der Zündfunk zeigt den Film in einer exklusiven Preview in Regensburg. Beim Filmfest München sprach Oliver Haffner mit Roderich Fabian über die Verantwortung diesen Film zu drehen, die Proteste und das Erbe von Wackersdorf.

Zündfunk: Gab es bei dir eine persönliche Motivation, einen Film über Wackersdorf zu machen?

Oliver Haffner: Es war eine Mischung. Der ursprüngliche Gedanke kam nach dem Atomunfall in Fukushima und dem anschließenden Atomausstieg. Das brachte mich zum Nachdenken und ich dachte mir, dass das in meiner Jugend damals doch auch ein großes Thema in meiner Familie war. Meine Schwester ist zum Demonstrieren nach Wackersdorf gefahren, ich war noch zu jung. Aber das war einfach so ein wichtiges Thema für das Nachkriegsbayern und es ist noch nicht fiktional behandelt worden. Das Glück war dann, dass der Produzent Ingo Fliess aus der Region kommt und zu mir gesagt hat, dass es da doch diesen Landrat, Hans Schuierer, gegeben hat, den ich selbst damals noch gar nicht gekannt habe.

Warum habt ihr den Landrat Hans Schuierer als Protagonisten ausgewählt?

Filmszene: Landrat Hans Schuierer hält eine Rede vor dem Stacheldrahtzaun in Wackersdorf

Ich finde bei Hans Schuierer so interessant, dass er erst ein Befürworter der Wiederaufarbeitungsanlage war. Dann aber die Größe oder die Bereitschaft hatte, zu erkennen, dass es vielleicht ein Holzweg ist, auf dem er sich gerade befindet. Trotz aller Repressionen und Widerstände hat er sich nicht einschüchtern lassen, den anderen Weg zu gehen. Er hat seine Meinung geändert und sich eingestanden, dass er sich geirrt hat. Das finde ich einen interessanten Twist für einen Filmhelden. Er musste auch neue Verbündete finden. Er war damals ja schon Mitte 50 und musste sich nochmal sozial und mit seinen politischen Verbündeten ganz neu aufstellen.

Der bekannte Schauspieler Fabian Hinrichs spielt den Vertreter der Wirtschaft, der den Landrat um den Finger wickelt und eiskalte Profitinteressen vertritt. Der Film vermittelt ein klares Gut und Böse. Es gibt die Guten – das sind die Anwohner und Gegner der Wiederaufarbeitungsanlage. Und es gibt die Bösen – das sind Vertreter der Landesregierung und der Wirtschaft. Kann man das so klar trennen?

Wer dafür war und wer dagegen war, kann man klar trennen. Das glaube ich schon. Und ich möchte überhaupt nicht abstreiten, dass der Film tendenziös ist. Das ist auch meine ganz persönliche politische Haltung, die als Autor natürlich auch in den Film hineingeht. Aber viel interessanter ist ja, wie es zu Brüchen innerhalb sozialer, gefestigter Strukturen kam  - also innerhalb von Freundschaften und Familien. Das Heilsversprechen des wirtschaftlichen Aufschwungs hat dort das soziale Gefüge erodieren lassen. Da sind Risse durch Familien und politische Freundschaften gegangen. Hans Schuierer war ja Sozialdemokrat und die SPD war am Anfang für die WAA. Als er sich dagegen gestellt hat, haben sie es ihm sehr schwer gemacht. Man darf nicht vergessen, dass der ganze Wackersdorfer SPD-Gemeinderat ausgetreten ist, weil sie eben dieses Projekt haben wollten.

Wegen der Arbeitsplätze?

Und wegen des Geldes, das gezahlt wurde. Die Gewerbesteuer wurde ja schon im Vorfeld auf viele Jahre gezahlt, bevor die Anlage überhaupt errichtet wurde. Da wurde natürlich mit dem Köder des Geldes, des wirtschaftlichen Aufschwungs und der Arbeitsplätze gearbeitet.

Regisseur Oliver Haffner im Zündfunk-Studio

Welche Gefühle haben denn die Zeitzeugen zum Ausdruck gebracht, an die ihr für den Film herangetreten seid?

Das Interessante war: Es war, als wäre man sofort wieder in der Zeit gewesen.  Es war gar nicht sentimental oder von wegen "Es ist so lange her", sondern die Leute haben erzählt und Sachen mitgebracht aus der Zeit: Demonstrationsmaterial, Aufkleber und sie waren sofort wieder in der Zeit. Man hatte das Gefühl, dass diese Geschichte keinen Abschluss gefunden hat. Das war für mich das Interessanteste und gleichzeitig die größte Bürde, den Film zu machen. Die Anlage wurde zwar nicht gebaut und die Gegner haben irgendwie Recht bekommen, aber es hat sich weder jemand von der Staatsregierung entschuldigt, was damals passiert ist, noch hat jemand zum Ausdruck gebracht, dass das ja doch ganz gut ist, dass wir heute in Bayern keine solche Atomfabrik stehen haben. Das ist nicht getan worden, deswegen gibt es dort immer noch eine Form von Nicht-Erlösung.


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