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Interview mit Internetlegende Jimmy Wales Wie es Wikipedia durch den Fake News-Sturm schafft

Vor zwanzig Jahren hat Jimmy Wales einen der Eckpfeiler des Internets gegründet: Wikipedia. Wir haben ihn gefragt, wie Wikipedia in der Ära der Falschinformationen überleben kann - und was er davon hält, dass eine deutsche Bildungsministerin ein paar Millionen Euro in eine Schul-Lizenz des Brockhaus investiert hat.

Von: Gregor Schmalzried

Stand: 23.02.2021

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales auf der DLD Munich 2020 | Bild: Picture Alliance for DLD / Hubert Burda Media

Zündfunk: Sie haben Wikipedia 2001 gegründet, sind bis heute eines der Gesichter des Internets. In einer Zeit, in der wir immer mehr das Gefühl haben, dass das Internet uns über Algorithmen und Datensammlungen manipulieren möchte, und destruktive Ideologien wie QAnon fördert - glauben Sie noch an das Gute im Netz?

Jimmy Wales: Ja. Ich meine, ich bin ein großer Fan des Internets. Natürlich haben wir in den letzten Jahren einige beunruhigende Entwicklungen gesehen. Aber ich glaube, wir sollten immer im Kopf behalten, was für einen positiven Einfluss das Internet auch hat. Allein beim Coronavirus und dem Lockdown kann ich mir nicht vorstellen, wie wir ohne das Internet überhaupt funktionieren könnten.

Sie bauen gerade eine neue Social Media-Plattform, WT Social. Wie kam es dazu?

Ich mache mir seit einigen Jahren Sorgen über die Probleme, die durch schlechte Informationen im Netz entstehen. So kam es zu der Nachrichten-Plattform Wiki Tribune, und schließlich zu WT Social. Wir glauben, der Kern des Problems ist, dass Social Media auf eine Weise monetarisiert wird, die Empörung, Abhängigkeit und schlechte Informationen fördert - denn das sind die Inhalte, die Menschen dazu bringen, mehr Zeit auf den Seiten zu verbringen. Bei uns gibt es ein anderes Geschäftsmodell, keine Paywall, keine Werbung. Wir sind auf freiwillige Unterstützung von Menschen angewiesen, die zu unserer Idee beitragen wollen. Wir wollen herausfinden: Wie können wir eine neue Form von Social Media erfinden, die die Community im Blick hat, die mehr Spaß macht und insgesamt einfach aufrichtiger ist?

Wie sieht es mit Wikipedia aus? Glauben Sie, Wikipedia schlägt sich gut in der Fake News- und Informationskrise, in der wir leben?

Ich finde, ja. Wikipedia ist nicht von Werbung abhängig, sondern von Spenden, insbesondere kleinen Spenden. Deshalb haben wir als Organisation kein Interesse daran, Clickbait-Content zu produzieren. Bei uns gibt es keine Artikel mit der Überschrift “Hier sind 17 unverschämte Dinge, die Donald Trump letzte Woche gemacht hat”. Es ist nicht unser Stil. Wikipedia kann ziemlich langweilig sein, aber auf eine sehr interessante Weise. Und das mögen die Leute auch daran. Denn während es immer mehr schlecht gemachte Presse und Falschinformationen gibt, haben wir uns in Sachen Qualität immer weiter verbessert.

Wir hatten in Deutschland letzte Woche eine kleinen politische Kontroverse, als das Land Nordrhein-Westfalen mehrere Millionen Euro für Schülerinnen und Schüler investierte - und zwar in eine Drei-Jahres-Lizenz für die Online-Version des Brockhaus, inklusive Kinder- und Jugendlexikon, um sie Schülerinnen und Schülern zur Verfügung zu stellen. Dabei gab schon vor Jahren Studien, die mehr Fehler im Brockhaus finden konnten als in Wikipedia. Was halten sie von der Geschichte?

Also, das klingt erstmal nach einer schlechten Idee. Aber natürlich muss ich das sagen. Auf der anderen Seite... Als ich aufgewachsen bin, hatten wir die “World Book Encyclopedia” - eine Ausgabe speziell für Kinder. Und ich hatte immer das Gefühl, dass Wikipedia kein perfekter Ersatz für eine Kinder-Enzyklopädie ist. Ich war einmal auf einem arrangierten Besuch in einer Schule in Südafrika, und dort lasen die Kinder den Wikipedia-Eintrag zu “Kohle”. Sie wollten mir zeigen: “Schau, die Kids benutzen Wikipedia, ist das nicht super?” Und ich nahm mir eines der ausgedruckten Blätter und sah: Schon der erste Satz des Artikels enthält einen sehr technischen Begriff, es war nicht wirklich zugänglich für Kinder. Wenn es also so etwas wie eine Brockhaus Kinder-Edition gibt, könnte das interessant sein. Aber wenn es um den kompletten Brockhaus geht... Ich meine, Wikipedia ist gratis.

Wikipedia ist auch kein einfaches Nachschlagewerk - man muss hin und her klicken, sich mit den Inhalten beschäftigen.

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales auf der DLD Munich 2020.

Ja, absolut. Gerade was die Bildung von jungen Menschen angeht, finde ich es wahnsinnig wichtig, dass Medienkompetenz gefördert wird. Und dabei kann Wikipedia helfen. Wenn ich eine Klasse von 13-jährigen unterrichte, kann ich einen Wikipedia-Artikel mitbringen und sagen: Wir schauen uns das jetzt gemeinsam an und überlegen, ob wir dem Artikel trauen können. Und dann steht zum Beispiel dabei, dass in einem Abschnitt Quellen fehlen oder dass die Neutralität des Texts umstritten ist, wir haben auf Wikipedia jede Menge Disclaimer dieser Art. Also beschäftigen wir uns damit: Warum steht das da? Wer hat das geschrieben? Genauso wenn eine Schauspielerin einen Tweet verfasst hat, dass sie nicht an Impfungen glaubt. Was halten wir davon? Wie analysieren wir das? So können wir helfen, mit umherschwirrenden Falschinformationen besser umzugehen.

Die vielen Falschinformationen im Netz führen auch dazu, dass einfache Sätze zu politischen Statements werden. Allein die ersten paar Absätze des englischen Wikipedia-Eintrags von Donald Trump enthalten einige Fakten, die er und seine Fans bestreiten würden, zum Beispiel dass er im Wahlkampf oft gelogen und die Wahl gegen Joe Biden verloren hat. Wie geht man damit um?

Ich sage, Wikipedia sollte immer neutral sein. Und das bedeutet, die besten verfügbaren Informationen widerspiegeln. Wenn es legitime Meinungsverschiedenheiten gibt, dann schreiben wir das dazu. Aber wenn man neutral über den Mond schreibt, sollte man auch nicht schreiben: “Manche sagen, der Mond ist aus Gestein, andere sagen, der Mond ist aus Käse.” Weil es nicht wahr ist. Aber oft sind diese Sachen knifflig. Es braucht gutwillige, sorgfältige Menschen, um die Beweise auszuwerten und richtig zu bewerten. Im Wikipedia-Eintrag über US-Wahl 2020 steht natürlich, dass Joe Biden die Wahl gewonnen hat. Es steht aber auch darin, dass Donald Trump dem widersprochen hat. Und wenn man das liest und zu dem Schluss kommt, dass Donald Trump ein Lügner ist, dann stimmt das auch. Das ist kein politisches Statement, es fühlt sich nur für manche Menschen leider wie eines an.

Gerade in den letzten Jahren gibt es immer wieder Kritik, die Autorenschaft auf Wikipedia sei überdurchschnittlich von weißen Männern geprägt, und daraus würden sich Probleme der Neutralität ergeben. Gibt es etwas, das man in den vergangenen zwanzig Jahren hätte anders machen können, um das zu verhindern? Und wie blicken Sie heute darauf?

Wenn Leute das sagen, mache ich gerne den Witz, dass sie noch nie die Wikipedia-Community in Japan oder China getroffen haben, denn die passen kaum in diese Demographie. Aber das zeigt natürlich nur, dass das Problem nicht unbedingt “weiß” ist, sondern dem Ganzen eine tiefere Frage über die Beteiligung an Wikipedia zugrunde liegt. Ich bin mir nicht sicher, was wir hätten anders machen können. Aber ich weiß, worauf wir in Zukunft hinarbeiten. Wir wollen offen und inklusiv sein. In der Vergangenheit war es zum Beispiel aus technischer Sicht sehr schwer, Artikel zu bearbeiten. Wir haben es viel einfacher gemacht. Und wir müssen uns auch um unsere interne Kultur kümmern: Heißen wir wirklich alle willkommen? Wir haben erst kürzlich neue Verhaltensregeln verabschiedet, auf Betreiben der Community hin, um sicherzustellen, dass schlechtes Verhalten in der Community nicht geduldet wird. Es ist ein fortlaufender Prozess.

Das Interview wurde am Rand der DLD All Stars-Konferenz von Hubert Burda Media geführt.


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