Bayern 2 - Zündfunk


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Sven Regener im Interview "Ich finde den Podcast von Jan Müller von Tocotronic sehr gut und interessant"

Früher war Sven Regener gegen Spotify und Streaming. Doch das war einmal. Inzwischen hat der Autor und Sänger sogar einen eigenen Podcast "Narzissen und Kakteen", in dem es vor allem um die Bandgeschichte von "Element of Crime" geht.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 19.01.2021

Sänger und Autor Sven Regener von der Band "Element of Crime" zeigt in Richtung der Kamera. | Bild: dpa-Bildfunk/Arne Dedert

Seit vielen Jahren macht Sven Regener Musik. Außerdem schreibt er Romane und Drehbücher und liest Hörspiele. Und jetzt ist er mit seiner Band Element Of Crime auch noch unter die Podcaster gegangen: "Narzissen und Kakteen" heißt er. Dabei hat er sich lange Zeit gegen Spotify und Co gesträubt. Was seine Meinung geändert hat, warum er kaum noch Freizeit hat und welchen Podcast er privat gerne hört, hat uns der 60-jährige Bremer im Interview verraten.

Als wir das letzte Mal im Zündfunk miteinander gesprochen haben, hatten wir eine kleine Diskussion über Spotify. Euer Song-Katalog war damals auch noch nicht auf Spotify, ist schon bisschen länger her. Sinngemäß war deine Haltung damals: Man muss nicht jeden Hype mitmachen. Mittlerweile sind fast alle Alben auf Spotify und ihr habt jetzt einen Podcast, der auch auf Spotify läuft. Was ist da passiert?

Sven Regener: Also ja nicht nur bei Spotify, auch bei allen anderen Streamingplattformen und auch die Platten natürlich. Das ist ganz einfach. Das hat sich so sehr durchgesetzt, dass es überhaupt keinen Sinn ergibt, dagegen anzustinken. Das ist einfach so, dass die normative Kraft des Faktischen, da muss man nicht lange drum herum reden. Es heißt, das Problem liegt darin, dass die Leute sagen, das wird sich auf jeden Fall durchsetzen. Das kann immer sein, aber das muss nicht so sein. Und ich wusste es damals nicht. Und ich war auch damals nicht so dafür. Ich bin nie ein Beta-Tester gewesen, jemand, der Sachen als Erster macht oder ganz früh. Und das finde ich auch ganz richtig. Ja, aber letztendlich ist es genauso: Da, wo die Leute sind, da geht man damit der Musik hin.

Beim Hören der bisherigen Folgen sind bei mir so Sätze hängengeblieben wie: “Wir waren nie in der Berliner Szene drin”, oder du sagst einmal “Wir waren immer Art Rocker gewesen”, also irgendwo zwischen Velvet Underground und Bob Dylan. War es für euch jetzt wichtig, eine Art Band-Vermächtnis mit dem Podcast festzuhalten?

Nein, weil das wäre mir jetzt dann zu sehr so, als wenn wir jetzt als Band aufhören würden. So ist es eigentlich nicht. Also, es ist nur so: Wir können im Augenblick nicht live spielen und gleichzeitig gibt es auch noch Streaming. Das muss ich auch mal sagen, weil ich es gut finde, dass du das angesprochen hast, dass ich das damals nicht so toll fand. Das lag ja auch daran, dass man solche Sachen nicht unbedingt so toll finden muss, aber trotzdem machen kann, weil es ja niemandem schadet. Und beim Streaming ist es aber so, dass man sehr wenig mitbekommt, bei den Platten, von den Credits. Also wenn ich eine John-Coltrane-Platte im Streaming höre, dann erfahre ich nicht, wer da noch mitgespielt hat, außer derjenige steht zufällig auf dem Frontcover drauf. Und deshalb habe ich neulich zum Beispiel angefangen, die ganze Diskographie bei uns auf der Webseite zu ergänzen, durch die ganzen Credits, damit man weiß, welche Musiker überall mitgemacht haben, wer wo was gespielt hat und so weiter. Das ist wichtig. Und das ist eben was, wo man dann feststellt, dass da natürlich so ein Podcast hilft, dass man die ganzen Geschichten drumherum, eigentlich nicht verloren sehen will. Aber Vermächtnis macht, wenn man tot ist. Und so sehe ich die Band nicht.

Also im Gegensatz zu Anderen mag ich ja Namedropping unglaublich gerne, weil immer neue Persönlichkeiten auf dem Radar erscheinen, von wo aus man neues, unbekanntes Land entdecken kann. Darum meine ich es auch als absolutes Kompliment, wenn ich sage, “Kakteen und Narzissen” ist für mich ein Namedropping-Podcast.

Ja, das ergibt sich nur so nebenbei. Ich habe auch nichts dagegen, aber ich fände es doof, wenn man es absichtlich machen würden. Nach dem Motto: Wir wollen uns damit schmücken. Doch so ist es nicht. Aber die Frage ist eben: Was willst du denn erzählen? Ich meine “Try To Be Mensch”, unsere zweite Platte, hat John Cale produziert. Was soll man sonst erzählen? Also werden wir von Roger Mutenu erzählen, oder von von den Uptown Horns und Peter Scherer und so weiter. Das ist ebenso gewesen. Uwe Bauer, unser erster Produzent, der Schlagzeuger bei Fehlfarben war, das sind Namen, ja, aber mein Gott, die gehören eben auch zu der Geschichte der Band dazu.

Aber was ihr dadurch eben macht, ist, dass ihr Popgeschichte der letzten 35 Jahre mitverhandelt. War das ein Anspruch am Anfang, als ihr das Podcast-Projekt gestartet habt?

Ja, jedenfalls insofern, als dass man das eigene Schaffen auch in diesen Kontext stellt. Dass man sich der Frage stellt, wie weit das eigentlich in die damalige Zeit reinpasste oder nicht. Dass man zum Beispiel sagt: Gut, als wir anfingen gab es eh keine Berliner Szene mehr. Die war tot, ab 1985, also ab genau da. Weil die Neue Deutsche Welle tot war und damit die ganze Aufmerksamkeit weg war von Westberlin. Aber es gab eben auch nicht sowas wie die Hamburger Schule oder so. Und es gab nicht Bands mit denen man befreundet war, weil alle wurschtelten so vor sich selber und für sich alleine rum. Das spielt dann zum Beispiel eine Rolle. Und deshalb muss man darüber reden, dass man eben auch feststellt, dass 1989/90 plötzlich so etwas Neues wieder irgendwie nach oben kam, dass man das Gefühl hatte, jetzt passiert hier irgendwie was.Tatsächlich vollzieht sich ja auch in der Popmusik die Sache immer in Sprüngen. Es gibt Zeiten, ich nenne das die Explosion der Arten, so heißt das bei Darwin, wo plötzlich in ganz kurzer Zeit ganz viel Neues entsteht. Das war zum Beispiel dann Anfang der Neunzigerjahre so. Und das ist richtig. Ich würde jedenfalls den Anspruch an uns erheben, dass wir uns bemühen sollten, die Sache in diesen Kontext zu stellen.

Was ist eigentlich dein persönlicher Lieblingspodcast?

Jetzt von den vier Folgen, die wir veröffentlicht haben?

Nein, in der ganzen Podcast-Szene. Hörst du überhaupt Podcasts?

Nee, wenig, weil ich zu wenig Zeit habe. Das ist ja das generelle Problem bei allen Audiosachen, wir haben ein Zwangs-Timing. Du kannst ja nicht wie beim Buch schneller oder langsamer lesen. Du musst sie ja im Grunde genommen durchhören und dazu komme ich ganz wenig. Ich habe einen neuen Roman geschrieben, eine Jazz-Platte aufgenommen. Ich habe viel Musik gehört. Ich bin da einfach nicht dazugekommen. Aber was ich interessant finde, ist der Podcast von Jan Müller von Tocotronic. Den finde ich sehr erwähnenswert und sehr hörenswert.

Warst du da schon zu Gast?

Nein.

Wirst du bald zu Gast sein?

Wenn er mich einladen würde, würde ich hingehen. Ich mag den Jan sehr gerne. Ich finde, der Podcast ist sehr, sehr gut und interessant. Den kann man nur empfehlen.


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