Bayern 2 - Zündfunk

Marc Almond von Soft Cell „Dass wir im Streit auseinandergegangen sind, hat sich immer schrecklich angefühlt“

Kleine Sensation: 20 Jahre nach dem letzten Album meldet sich das britische Duo Soft Cell mit „Happiness Not Included“ zurück. Ein Gespräch mit Sänger Marc Almond über Covid, den Brexit und seine jahrzehntelang zerstrittene Band.

Von: Marcel Anders

Stand: 11.05.2022

Soft Cell: Marc Almond (links) und Kollege Dave Ball stehen wiedervereint für ihr neues Album vor einer pinken Wand | Bild: Andrew Whitton

Sie haben 1981 Popgeschichte geschrieben mit ihrer Version von „Tainted Love“: Soft Cell. Die katapultierte sie an die Spitze einer neuen Welle, denn New Wave und Synth-Pop waren damals das große Ding in England –  und Marc Almond und sein Kollege Dave Ball gaben dem ein Gesicht. Doch dann waren die beiden jahrzehntelang verkracht. Nun ist das britische Duo zurück: Am Freitag ist ihr neues Album „Happiness Not Included“ erschienen – 20 Jahre nach ihrem letzten. Der Zündfunk hat den heute 64-jährigen Marc Almond in London getroffen und mit ihm über Pop und die Welt gesprochen.

Zündfunk: Herr Almond, wie kommt es, dass Sie wieder mit Dave Ball arbeiten? Hatten Sie sich nach dem letzten Album 2002 nicht völlig verkracht?

Marc Almond: Das ist eine lange Geschichte – voller Interna, über die ich nicht reden kann. Aber es hat sich für mich immer schrecklich angefühlt, dass wir im Streit auseinandergegangen sind. Als wir uns 2002 zusammengerauft haben, um nach 17 Jahren Trennung „Cruelty Without Beauty“ aufzunehmen, ist so viel schiefgelaufen, dass es eine ziemliche Enttäuschung für mich war. Also meinte ich diesmal: „Lass uns wieder old-school-mäßig vorgehen und zu analoger elektronischer Musik zurückkehren, die weiträumig ist und nicht so steril klingt. Es sollte die Essenz von all dem sein, was uns beeinflusst hat.“ Ich selbst habe mir unser Debüt „Non-Stop Erotic Cabaret“ angehört, um mich in diese Gefühlswelt zurückzuversetzen. Ich dachte: „Das habe ich schon lange nicht mehr gehört, und es gefällt mir wirklich gut.“ Dann hat mir Dave Songs geschickt, die in genau diese Richtung gingen; die dieses unverfälschte Soft-Cell-Feeling hatten, das auf „Cruelty Without Beauty“ fehlte.

Inhaltlich geht es auf dem neuen Album „Happiness Not Included“ um Zukunftsvisionen aus Ihrer Jugend: um die schöne heile Welt, die man sich in den 70ern erträumt hat, und die sich nun als Dystopie erweist. Warum dieser Retro-Futurismus – wie enttäuscht ist Marc Almond von der modernen Welt?

Als ich in den 50ern und 60ern ein kleiner Junge war, habe ich TV-Serien wie „Star Trek“ oder „Die Jetsons“ geschaut – und hatte dieses Gefühl von einer utopischen Zukunft. Nämlich, dass wir alle nur noch dauerlächeln und in fliegenden Autos unterwegs sein werden. Doch daraus ist eine Dystopie geworden. Wir leben in diesem merkwürdigen Post-Pandemie-Szenario, in dem nichts wirklich zu funktionieren scheint: Wir haben Krieg in Europa, wir haben Umweltprobleme, wir haben die Flüchtlingssituation und vieles mehr. Wir fragen uns: „Wohin geht die Reise? Wo finden wir unser neues Eden – diesen Ort, an dem wir glücklich sein können?“ Wir leben in einer wirklich seltsamen Zeit.

Im Stück „Heart Like Chernobyl“ heißt es, wir würden durch die Medien desensibilisiert. Warum, weil wir die tägliche Informationsflut, die geballten Schreckensmeldungen, gar nicht verarbeiten können?

Als wir im Lockdown waren, haben wir die Nachrichten in der Hoffnung auf positive Signale verfolgt. Nach dem Motto: „Vielleicht gibt es bald einen Impfstoff, vielleicht gehen die Inzidenzzahlen wieder runter und vielleicht kehren wir bald zu unseren alten Leben zurück.“ Das war es, wonach wir uns gesehnt haben. Stattdessen bekamen wir Todeszahlen und Bilder von Krankenhäusern und Menschen, die an Maschinen hängen. Ich selbst hatte drei Mal Covid. Am heftigsten ganz am Anfang der Pandemie, was mich fast ein Jahr außer Gefecht gesetzt hat.

"Unsere Herzen haben sich in nukleares Brachland verwandelt."

Marc Almond

Dann werden wir auch noch mit Umweltkatastrophen, Flüchtlingen und dem Brexit konfrontiert. Damit hat man uns in Großbritannien zwei Jahre lang terrorisiert – bis es alle verrückt gemacht hat. Und wenn man sich die heutige Welt anschaut, kann man nur denken: „Was für eine schlechte Idee war das denn?“ Man hat uns so lange damit bombardiert, bis sich unsere Herzen in nukleares Brachland verwandelt haben. Jetzt sitzen wir mit unserem morgendlichen Kaffee vor dem Fernseher, schauen zu, wie Flüchtlinge in ihren Booten untergehen, und denken: „Ach, wie schrecklich.“ Aber wir fragen uns nicht mehr, was wir daran ändern könnten. Ich habe mich oft dabei erwischt, dass ich denke: „Ich werde zu dieser abgestumpften Person.“

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Soft Cell - Heart Like Chernobyl at Tate Britain | Bild: Soft Cell (via YouTube)

Soft Cell - Heart Like Chernobyl at Tate Britain

Wir verwandeln uns also in Psychopathen, wie Sie es im Songtext formulieren?

Das ist es, was gerade passiert: Wir werden zu einer Nation von Psychopathen. Wir haben keine Empathie mehr, sondern entwickeln dieses neue Psychopathen-Gen für zukünftige Generationen. Aber wir haben ja auch Psychopathen, die die Geschicke unseres Landes lenken und vielleicht niemanden persönlich töten, aber das durch ihre Erfüllungsgehilfen erledigen lassen. Und wir sind die Soziopathen, die ihnen folgen. Wir sind noch nicht ganz im Psychopathen-Endstadium, aber nicht weit weg davon, was unsere Entwicklung als Menschen betrifft.

Gleichzeitig hat „Happiness Not Included“ auch humorvolle Momente, die wie ein Gegenpol zur Gesellschaftskritik der meisten Stücke anmuten. Etwa „Polaroid“ über ihre Begegnung mit Andy Warhol. Welche Erinnerung haben Sie daran?

Jeder, den ich kenne, hat in der Pandemie ausgemistet und sich von Sachen getrennt. Ich selbst habe jede Menge alter Fotos durchgeschaut und dabei die von meinem Treffen mit Andy Warhol gefunden – für mich eine Riesensache, weil ich ein ehemaliger Kunststudent bin und Andy geliebt habe. Doch unsere Begegnung in New York war ziemlich merkwürdig. Wir haben völlig banalen Smalltalk betrieben. Ich habe ihm erzählt, was Dave und ich in der Stadt machen, und darauf er: „Das ist ja toll, wow, wunderbar.“ Also völlig nichtssagend. Dann hat er seine Kamera gezückt und angefangen, Fotos von mir zu machen. Da ich ebenfalls eine dabeihatte, habe ich Bilder von ihm gemacht, wie er mich geknipst hat. Als ich ihn anschließend in seiner Factory besucht habe, war das ebenfalls ganz anders, als ich es erwartet hätte: nämlich sehr firmenmäßig.

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Soft Cell & Pet Shop Boys - Purple Zone (Official Video) | Bild: Soft Cell (via YouTube)

Soft Cell & Pet Shop Boys - Purple Zone (Official Video)

Zu den musikalischen Highlights zählt „Purple Zone“ – im Remix der Pet Shop Boys. Was haben Neil Tennant und Chris Lowe dazu beigesteuert? Wofür haben Sie die beiden engagiert?

Ich habe sie nie gefragt, ob sie da mitmachen wollen – insofern kam ihr Remix völlig überraschend für mich. Mitgekriegt habe ich das erst, als ich im Januar im Urlaub war und mein Manager mir etwas auf dem Computer vorspielt hat. Er meinte: „Was hältst du davon?“ – und ich: „Klingt ein bisschen wie ‘Purple Zone’ und ein bisschen wie Pet Shop Boys.“ Als dann Neils Gesang einsetzte, bin ich vor Glück in Tränen ausgebrochen. Ich dachte: „Das ist fantastisch.“ Dabei wollte ich das Stück eigentlich schon vom Album streichen. Wir hatten 16 oder 17 Songs und mussten uns für zwölf entscheiden. Ich fand, dass in „Purple Zone“ etwas fehlte – ohne dass ich wusste, was es war. Als ich diese Fassung hörte, wurde mir klar, was gefehlt hatte: nämlich die Pet Shop Boys. Es klang davor wie eine schlechte Kopie von ihnen, aber sie haben das Ganze in einen fantastischen Pet-Shop-Boys-Song verwandelt.

Verraten Sie uns zum Schluss noch, wie es mit Soft Cell weitergeht? Schließlich haben Sie 2018 Ihr offizielles Abschiedskonzert in London gespielt – werden Sie da auch rückfällig?  

Nach der Pandemie ist alles möglich. Man überdenkt Dinge und bewertet sie neu. Und ich habe so oft gesagt, dass ich etwas nie wieder tun werde – was eine typische David-Bowie-Antwort ist. Er hat das ständig gesagt, dabei verbaut man sich damit nur den Weg. Für mich ist die Zukunft ein offenes Buch. Wir fliegen im August nach Amerika und geben ein paar Konzerte in Europa. Was danach kommt – keine Ahnung. Aber ich werde nie wieder „nie wieder“ sagen.