Bayern 2 - Zündfunk


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K.I.Z. im Interview "Jeder Witz braucht ein Opfer. Und heute gibt Friedrich Merz ein gutes Opfer ab"

"Rap über Hass" - so heißt das neue Album von K.I.Z. Ihrem geliebten Stilmittel der politischen Inkorrektheit bleibt die Rap-Crew treu. Sie wollen Leute progressiv beleidigen, aber wie genau funktioniert das?

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 27.05.2021 14:57 Uhr

K.I.Z - MEHR ALS NUR EIN FAN (OFFICIAL VIDEO) (prod. by Drunken Masters x Nico K.I.Z) | Bild: K.I.Z (via YouTube)

"Ich bin kein Sexist. Ich ficke euch alle", so eine Zeile aus dem neuen Album von K.I.Z., das sich "Rap über Hass" widmet. Im Vorfeld der Album-Veröffentlichung sagten sie: "Wir wollen progressiv Leute beleidigen!“ Wir haben die Band gefragt, ob sie uns dazu eine kleine Anleitung preisgeben können.

Zündfunk: Also progressiv beleidigen. In woke. Wie geht sowas?

Tarek: Die Anleitung ist unser Album. Das könnt ihr euch anhören.

Nico: Das ist unsere Kür!

Maxim: Das Album ist eigentlich ein Zwölf-Punkte-Programm, wie man dahinkommt, progressiv zu beleidigen. So einfach würde ich das ausdrücken. Man muss das erstmal selber erleben, um es wirklich verstehen zu können.

Nico: Und ich finde, mit 20 Euro ist es auf jeden Fall das preiswerteste Zwölf-Punkte-Programm da draußen.

Gibt es Richtlinien, an denen ihr euch orientiert habt, die ihr im Vorfeld vielleicht schon verraten wollt?

Nico: Eine große Richtlinie ist: Gab es diese Beleidigung so schon? Dann wird die nicht benutzt.

Maxim: Oder sie muss stark verbessert werden. Oder es wird dadurch lustig, dass man sie zum zehnten Mal macht. Das könnte vielleicht auch passieren. Das ist ein sehr organisches Prinzip.

Die Art der Beleidigung ist das eine. Das andere ist das Ziel der Beleidigung. Wer ist es denn überhaupt Wert, progressiv beleidigt zu werden? Im Album wird ja zum Beispiel gegen Heidi Klum oder Friedrich Merz ausgeteilt.

Maxim: Die Art, wie man die Leute angreift, ist ja erstmal sehr unterschiedlich. Meistens liegt es daran, weil sie halt gut herhalten für einen guten Spruch. Jeder Witz braucht ein Opfer und wir versuchen da in Sachen Opfer ein bisschen kreativer zu werden.

Nico: Früher war es nur der Whack-MC an sich. Und heute gibt Friedrich Merz auf jeden Fall auch ein gutes Opfer ab.

Ein Kommentar unter eurem neusten Musikvideo schreibt: Mit der Line "Ich bin kein Sexist. Ich ficke euch alle" hat K.I.Z mehr für Gleichberechtigung getan als das gesamte westliche Wertesystem. Würdet ihr dem zustimmen?

Tarek: Ja. Wir sind Aufklärer, Lehrer, Heiler. All das.

Maxim: Ich würde auch sagen. Kann man so stehen lassen. Die Woke-Boys.

Ich fand die Line sehr lustig: "Ich bin kein gefrorener See, doch ich mach dich nach dem Einbruch kalt." Wie kommt man auf sowas? Fällt einem das auf dem Klo ein oder macht man wirklich Brainstorming mit Zettel und Stift?

Tarek: Das ist alles genauso passiert, ja? Also habe ich einfach nur dokumentiert, was ich so treibe, wenn ich gerade mal nicht rappe. Ich habe immer einen Notizblock dabei und schreibe mir auf, was im Alltag so alles geschieht. Und dann wird das zu Texten verarbeitet. Weißt du, Rap ist auch ein Stückweit Therapie. Wenn du dann komplett gestresst von deinem letzten Einbruch nach Hause kommst, alles voll mit Blut, dann ist es eine Möglichkeit zu entspannen.

Maxim: Ja, es ist natürlich immer schwierig zu sagen, wie dieser Arbeitsprozess ist. Aber man kann es vielleicht daran verdeutlichen: Usain Bolt läuft vielleicht unter 10 Sekunden die 100 Meter, aber um das zu schaffen, hat er Jahrzehnte trainiert. So ähnlich kann man das jetzt bei der Zeile von Tarek auch sagen. Er musste erstmal dieses Leben leben, um dann diese Zeile einfach mal so zu schreiben.

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K.I.Z - RAP ÜBER HASS (OFFICIAL VIDEO) (prod. by Drunken Masters x Nico K.I.Z x Torky Tork) | Bild: K.I.Z (via YouTube)

K.I.Z - RAP ÜBER HASS (OFFICIAL VIDEO) (prod. by Drunken Masters x Nico K.I.Z x Torky Tork)

Der Titeltrack auf dem neuen Album startet mit dem AfD-Poltiker Bernd Baumann im Bundestag, der über K.I.Z schimpft und sich auf die BILD-Zeitung beruft. Warum habt ihr euch ausgerechnet für diese Rede entschieden?

Maxim: Wir haben kein anderes Shoutout bekommen, glaube ich.

Nico: Außerdem war es ein preiswertes Shoutout. Wenn man sonst irgendwie sagt: "Hey 50 Cent – kannst du hier mal meinen Namen sagen, dass ich voll cool bin", dann muss man immer Geld zahlen. Da konnte man es einfach von Phoenix oder so abzapfen.

Maxim: Ja bei prominenten Sprechern oder Ami-Rappern muss man immer viel Geld zahlen. Und der hat einfach umsonst dieses Intro gesprochen, und wir sind Sparer.

Hat er euch aber auch geschrieben und gesagt: "Hey, ich habe euch hier im Bundestag dieses Intro gesprochen?"

Tarek: Das hat er nicht gemacht, aber er hat sich auf jeden Fall bedankt, weil wir ihm natürlich die größte Bühne gegeben haben, die er jemals hatte. Davor war er halt so ein kleiner, unbekannter Wicht und jetzt grüßen ihn die Leute auf der Straße. Da ist er natürlich dankbar.

Maxim: Wir haben ihn zum Star gemacht. Und ich glaube, das ist generell beim Sampling im Hip-Hop immer etwas, das man nicht unterschätzen darf, dass viele ältere Leute dann schimpfen, wenn sie gesampelt werden. Andererseits würde halt kaum jemand alte Klassiker kennen, wenn nicht junge Hüpfer wie wir sie gesampelt hätten. Genauso ist das bei diesem alten Herrn.

"Rap über Hass" ist ein doppeldeutiger Titel. Aber wieso habt ihr euch für Hass entschieden als titelgebende Emotion?

Tarek: Das nächste Album heißt "Rap über Trauer". Aber mit irgendwas muss man ja anfangen. Und das übernächste "Rap über Humor". Das wird so ein Vierteiler.

Maxim: Ich denke, man muss sich immer etwas rauspicken. Immer das Augenmerk auf etwas Bestimmtes legen. So wie ein guter Regisseur auch eine ganze Geschichte nur erzählen könnte, indem er die Hände filmt. Genauso haben wir das gemacht.

Es gibt dieses Mal nicht den einen Mainstream-tauglichen Hit. Es gibt zum Beispiel auch kein Feature mit Henning May. War das Absicht?

Maxim: Ja, das war ganz bewusst. Der Hit mit dem Henning, dem lieben Henning, bei diesem Hit, der war ja auch keine Absicht. Das war ja nicht als Hit geplant. Für mich auch ziemlich absurd, dass es dann einer wurde.

Tarek: Wir wollen jetzt auch den Hit nicht entwerten durch einen anderen Hit.

Nico: Wir sind nicht so gierig. Wir haben unseren Hit in unserem Regal. Der ist richtig schön. Aber wollen wir mal nicht übertreiben.

Maxim: Das Problem mit Hits ist auch, dass die Musik dem Fan weggenommen wird. Weil alle sind dann so: "Hast du K.I.Z gehört?" Und der wahre K.I.Z-Fan denkt sich: "Hä? Ihr seid doch keine wirklichen Fans, ihr dürft das nicht hören." Deswegen ist das jetzt wirklich ein Album für den Fan.

Viele dieser Fans bezeichnen euch ja als die drei Väter, die sie nie hatten. Wie geht es euch mit dieser Verantwortung?

Tarek: Das ist eine große Verantwortung, aber wir tragen sie mit uns herum wie eine sehr leichte Plastiktüte.

Maxim: Und man muss sagen, dass Vatersein keine Einbahnstraße ist. Die sind ja dann auch verpflichtet, sich um uns materiell zu kümmern. Und das nehmen wir natürlich sehr dankend an. Danke, liebe Fans, dass ihr uns nicht ins Altersheim steckt, sondern bei euch wohnen lasst, wenn es mal nicht mehr läuft.

Es gibt viele Menschen, denen K.I.Z zu sehr unter die Gürtellinie geht. Die können mit den Texten nichts anfangen, weil sie ihnen zu hart und gewaltverherrlichend sind. Welche Eigenschaften muss man als K.I.Z-Fan mitbringen, um euch zu mögen?

Maxim: Eigentlich ist K.I.Z für jeden, der seinen Geist öffnet, zu haben. Ich glaube auch nicht, dass es diesen Menschen, den du da gerade beschreibst, wirklich gibt. Da will ich erstmal seriöse Studien zu sehen, dass es diesen Menschen gibt, der K.I.Z nicht mag. Daran glaube ich nicht wirklich. Ich würde sagen, wir sind die Konsens-Band in Deutschland schlechthin. Die Band, auf die sich wirklich jeder einigen kann.

Nico: Wir sind die deutschen "Pur".

Das heißt, nächstes Jahr Eurovision-Song-Contest?

Maxim: Ich denke, das ist eine Nummer zu klein für uns. Da sind wir nicht dabei. Ich sehe nicht, dass irgendeine Jury in der Lage wäre, uns zu beurteilen.


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