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Peng! Kollektiv-Gründer Jean Peters im Interview "Ich bin froh, dass wir eine große Kunstfreiheit haben"

Vor fünf Jahren wurde Jean Peters zum bekanntesten Tortenwerfer Deutschlands. Er nahm all seinen Mut zusammen und warf einen Sahnekuchen in das Gesicht von Beatrix von Storch. Im Zündfunk-Interview verrät der Autor und Aktionskünstler, wie viel Planung hinter solchen Aktionen steckt und wo Kunst aufhört und politischer Aktivismus anfängt.

Von: Franziska Timmer

Stand: 30.03.2021

Aktionskünstler Jean Peters | Bild: Ivo Mayr

Als Clown verkleidet schlich sich Jean Peters auf eine AfD-Versammlung. Seitdem hat sich viel getan, das von ihm gegründete Peng! Kollektiv ist immer wieder in den Schlagzeilen - dank Aktionen wie dem Tortenwurf im Jahr 2016. Jetzt ist Jean Peters' neuestes Buch "Wenn die Hoffnung stirbt, geht's trotzdem weiter" erschienen, in dem er auch über seinen legendären Tortenwurf schreibt. Wir haben ihn interviewt.

Zündfunk: Hattest du im Moment der Tortung nicht irrsinig Angst?

Jean Peters: Nein, im Augenblick selber bin ich ja Adrenalin überflutet. Man hat vorher Angst, man hat hinterher Angst, aber so mitten in der Aktion bist du eigentlich nur noch auf Funktion geschaltet.

Hinter euren Aktionen steckt immer eine wahnsinnige Organisation. Du hast dich mal als Pressesprecher von Vattenfall ausgegeben und verkündet, dass Vattenfall in der Lausitz zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien setzen will. Es gibt auch ein Video dazu, es wurden sogar professionelle Banner gedruckt. Außerdem gab es Fake Pressemitteilungen und ihr habt diverse Pläne B und C geschmiedet. Wie wichtig ist denn diese perfekte Planung?

Ach, ich glaube, das kommt total auf die Aktion an. Es gibt natürlich die Freude daran, das bis zu Ende zu denken und nicht nur hinzugehen und irgendwie einmal kurz Quatsch zu machen. Auch bei den Anrufen, bei den Dax-Konzernen, als wir uns als Bundesamt für Klimaschutz und Wirtschaftshilfe ausgegeben hatten. Da hätten wir die auch kurz am Telefon verarschen können und das hätte schon ein Punkt gemacht. Aber dann haben wir angefangen uns richtig in die Thematik reinzunerden und all das gut zu analysieren und dann auch zu nutzen. Das Gefühl ist dann, als würde man auf etwas zu rennen und merken: „Fuck, das klappt ja wirklich, was wir hier vorhaben!“ Und dann wollen wir es aber auch gut machen.

Das Peng! Kollektiv wurde mit jeder Aktion bekannter. Das geht sogar mittlerweile so weit, dass sich sogar Menschen bei euch bei euch und bei dir melden, quasi Whistleblower, die euch von geheimen Treffen erzählen oder die euch Telefonnummern weitergeben. Da gab's das AfD-Mitglied, was von der Versammlung erzählt hat oder Ministeriums Mitarbeiter oder sogar NSA-Agenten. Woher glaubst du kommt dieses Vertrauen in euch?

Naja, wir meinen das ernst. Also wir machen das auch nicht profitorientiert. Das sind glaube ich zwei Sachen, das bekommen die Leute mit. Dann kannst du dir überlegen: Gehe ich an die Presse mit einer Information? je nachdem zu wem man geht und wie heikel die Information ist, wird das dann nochmal durch eine ganze Redaktion gejagt. Und dann steht’s hinterher als Information da. Bei uns ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass wir, es selber an die Presse geben können. Oder sonst richtig was draus machen. Eine Intervention. Also wenn jemand im eigenen Unternehmen richtig sauer ist und es eine interne Entscheidung gibt, die sowas von völlig kack daneben ist, dann können die sich überlegen auf uns zuzugehen. Und wir werden da dann schon was draus machen. Vorausgesetzt, dass es nicht irgendein Nebenthema ist, das öffentlich gar nicht relevant ist.

Du schreibst in deinem Buch, dass du von jeder Aktion was gelernt hast, dass das so ein stetiger Lernprozess ist. Was sind denn bis heute Dinge, die du gelernt hast?

Eine Sache in der gesamten Entwicklung von Peng! ist, dass mir mehrfach die Flügel gebrochen wurden - und das tut weh. Also lernen aus Erfahrung ist eine sehr bittere Form von Lernen, wenn man merkt: „Boah, ich hab jetzt rudert und gemacht und getan, aber die Geheimdienste gibt's ja immer noch.“ Und weil man mit so einem Ansturm drauf los rennt und dann versucht zu fliegen und flappert, aber wir haben ja nur Arme. Und dann am Ende zu sagen „Gut, hat super Spaß gemacht. Es war ein Riesenerfolg - Auf eine gewisse Art.“ Aber diese Frustration, damit umgehen zu können, dass man eben immer nur ein kleines Mosaiksteinchen ist, auch wenn man die ganze Welt auf einmal am liebsten auffressen will, das ist, glaube ich eine Erfahrung, die ich definitiv gemacht habe. Dadurch gehe ich ein bisschen gesetzter und entspannter an eine riesen Aktion ran. Weil ich weiß: Gut, das ist viel Arbeit. Und los geht's. Und mal gucken, was hinten dabei rauskommt.

Da können wir auch nochmal auf den Tortenwurf zurückgehen: Inzwischen hat sich ja fast schon eine Tortenwurf-Bewegung entwickelt.

Ja, das ist so in die Popkultur ein gerasselt. Also wurden irgendwie mindestens 65 Torten geworfen, es gab sogar ein Tortenwurf-Katapult und es gab eine Polizeiabsperrung, irgendwo in Osnabrück. Im internen Protokoll war die Anweisung, die Absperrung von der AfD Bühne ein Tortenwurf entfernt zu werfen. Oder bei einer AfD Kundgebung riegelte die Polizei die naheliegende Konditorei ab, damit die Demonstranten keine Torten kaufen konnten. Also es ist wirklich zu einer Popkultur geworden. War es ja auch vorher schon, es war nicht ich alleine, aber irgendwie hat das in Deutschland dadurch nochmal ja Feuer gefangen oder hat die Sahne geschlabbert. Und in England ist dann bei der Brexit-Kampagne das Milkshaking nochmal stark geworden. Dafür geht man mit einem Milkshake in die Nähe eines rechtsradikalen Politikers und stolpert und dann ist die Person halt voller Milkshake.

Ihr habt euch da ja in eine lange Tradition eingereiht. Du schreibst, dass du kurz vor dem Tortenwurf noch „Gloup Gloup Gloup“ gemurmelt hast. Das ist der Schlachtruf der dadaistischen Bewegung der Tortenwerfer*innen. Es ist also wirklich eine ganz, ganz, ganz lange Tradition, Torten zu werfen und die Dadaist*innen haben das auch schon gemacht. Die Grenzen scheinen zwischen politischer Aktion und Kunst sehr fließend zu sein. Wo hört denn Kunst auf und wo fängt der politische Aktivismus an?

Es wird immer wieder gefragt "Ist das Kunst oder nicht? Oder wann? Ab wann ist etwas Kunst? Und was darf Kunst?" Und mir ist es schlicht egal, weil ich glaube, das ist was, das müssen wir als Gesellschaft immer wieder miteinander aushandeln, was Kunst ist und was nicht. Ich bin froh, dass wir eine große Kunstfreiheit haben. Kunst hilft einem, die Perspektive zu wechseln und die hilft auch im juristischen Streit. Ich glaube nicht nur für uns. Also wenn ich jemandem beispielsweise aus Myanmar nach Deutschland zur Flucht verhelfen will, ist es einfacher und nachhaltiger, die Person als Künstler*in einzuladen, weil sie dann auch mit einem anderen Status hier ankommt. Ich gucke da nicht nur auf uns kleine deutsche Aktivist*innen, die sagen „Wir sind Künstler“, sondern das kann man durchaus nutzen. Und dazu würde ich aufrufen, weil man sich auch gegenseitig unterstützt. Wenn man sich anschaut, wie die kulturellen Möglichkeiten in der Demokratie global gesehen eingeschränkt werden, dann ist es durchaus sinnvoll, gegenseitig zu Alliierten zu werden und nicht zu sagen „Ja, aber das ist Kunst und Aktivismus!“ Ich glaube, das ist gerade ein sozialer Kampf, der uns noch viele Jahre begleiten wird.


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