Bayern 2 - Zündfunk


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Interview mit Friedemann Karig "Wir sind sauer. Wegen einem Jahr Totalversagen der Politik"

Der Schriftsteller und Journalist Friedemann Karig hat gemeinsam mit der Schauspielerin und Autorin Samira El Ouassil eine Petition gestartet, die einen sofortigen, zweiwöchigen Lockdown fordert. Wir haben mit ihm über ihre Petition gesprochen.

Von: Aylin Doğan

Stand: 31.03.2021

Friedemann Karig zu Gast bei "Gottschalk liest?" | Bild: BR/Ralf Wilschewski

Friedemann Karig und Samira El Ouassil glauben nicht mehr daran, dass die Strategie der Bundesregierung ein erneutes exponentielles Wachstum stoppen kann. Aus diesem Grund haben die beiden Hosts des Podcasts "Piratensender Powerplay" eine Petition gestartet. Sie fordern einen sofortigen, strikten und kurzen Lockdown, damit die Todeszahlen nicht weiter steigen und die Menschen schnell wieder in ein normales Leben zurück können.

Zündfunk: Du hast auf Twitter geschrieben: “Wir sind so sauer, wir haben eine Petition gestartet”. Gab es einen finalen Auslöser dafür oder ist es der allgemeine Zustand, der sauer macht?

Friedemann Karig: Wir sind sauer. Wegen einem Jahr Totalversagen der Politik. Bei niedrigen Erwartungen wird man immer wieder enttäuscht. Tatsächlich akut wurde es dann in der vergangenen Woche. Die zuerst ausgerufene Osterruhe, dann die Entschuldigung von Frau Merkel. Aber es war eine Entschuldigung für die Verwirrung und nicht eine Entschuldigung dafür, dass keine Maßnahmen beschlossen wurden. Da hatten wir das Gefühl, wenn man sich jetzt schon dafür entschuldigt, was man für Maßnahmen angekündigt und zurückgenommen hat, aber dann nichts dafür bietet, dann sind wir im exponentiellen Wachstum völlig aufgeschmissen. Da waren wir sehr aufgebracht. 

Eure Petition läuft sehr gut. Ihr habt fast 72.000 Unterschriften. Was passiert jetzt?

Es zeigt, dass sehr, sehr viele Leute diese ganz simple Rechnung endlich verstanden haben, dass wir mit dem Virus nicht verhandeln können und das eine Verzögerung echt schlimm ist. Wie es jetzt weitergeht, kann ich auch nicht genau sagen. Für eine Petition gibt es keinen Weg durch den Bundestag. Das würde viel zu lange dauern.
Wir wollen einfach die Leute, die sauer sind und die geschützt werden wollen, versammeln und ihnen eine Stimme geben und manifestieren. Die Umfragen zeigen, dass die meisten Deutschen den Ernst der Lage verstanden haben, sich an die Regeln halten und gerne strikte, echte, ernsthafte Maßnahmen wollen. Wenn wir das schaffen quantitativ abzubilden, dann könnte ab einer Zahl von ein bis zwei Millionen Unterzeichnungen auch Herr Laschet mal zuhören.

Weißt du etwas über die Menschen, die eure Petition bereits unterschrieben haben? Wer ist das so?

Zu Beginn waren das natürlich die Menschen, die viel in den sozialen Netzwerken wie Twitter und Instagram unterwegs sind. Wir hatten Glück, dass uns ein paar Leute mit sehr großer Reichweite geholfen haben, die Petition am Anfang zu pushen. Dadurch, dass uns immer mehr Leute schreiben und die Petition kommentieren, merken wir aber auch, dass das Mainstream ist. Das sind nicht irgendwelche jungen Leute im Internet oder nur die Linken, sondern das sind auch sehr viele Menschen, die im medizinischen Bereich arbeiten. Sie berichten von Ihren Erfahrungen am Arbeitsplatz. Was passiert, wenn die Kapazitäten ausgeschöpft werden? Das hatten wir schon mal! Das darf nicht noch einmal passieren! Und das ist auch unser Gefühl gewesen. Alle Menschen wissen eigentlich, dass die Frage "Lockdown: Jetzt oder später?" sehr klar zu beantworten ist. Wissenschaftlich, medizinisch, epidemiologisch und aus der Erfahrung des vergangenen Herbstes heraus, wo wir auch zu lange gewartet haben. Die Zielgruppe für die Petition ist sehr groß und geht quer durch die Gesellschaft.

Du hast getwittert, dass Lockdowns krasse Maßnahmen sind und sie gut begründet werden müssen. Was sind denn die Argumente für euren durch die Petition geforderten Lockdown?

Die Universität Oxford hat eine sehr große, beispiellos gut empirisch belegte Studie veröffentlicht. Da wurde sich nochmal angeschaut, welche Lockdown-Maßnahmen, also Geschäftsschließungen, Ausgangssperren, Schulschließung und so weiter, in welchen europäischen Ländern im Herbst und Winter was gebracht haben. Messbar ist hier der Einfluss auf den R-Wert. Deutschland wurde auch untersucht, ebenso wie England und Frankreich, die andere Maßnahmen hatten. Die Studie kommt zu dem eindeutigen Schluss, dass ein strikter Lockdown sehr viel bringt. Lockdowns senken den R-Wert, den wir unbedingt unter eins bringen müssen, um das exponentielle Wachstum zu stoppen. Sie senken den R-Wert teilweise um zweistellige Prozentzahlen. Natürlich sind manche Maßnahmen effektiver als andere. Komplette Geschäftsschließung sind beispielsweise sehr effektiv, weil die Leute dann nicht mehr in die Innenstädte fahren und somit den ÖPNV nicht mehr nutzen. Andere Maßnahmen wie Schulschließungen sind ein bisschen umstrittener oder auch relativer, je nachdem, was man sonst tut. Genauso die Ausgangssperre. Dieses Set an Maßnahmen macht die wissenschaftliche Beweislage eindeutig. Ebenfalls eindeutig sind die praktischen Erfahrungen aus der ersten und zweiten Welle. Außerdem gibt es das europäische Ausland: England, Irland und Portugal haben in den letzten Wochen die B117 Mutante und die dritte Welle durch sehr strikte Lockdowns gebrochen. Jetzt haben sie sehr niedrige Zahlen und mehr Belege brauche ich eigentlich nicht.

Hilft die Petition auch irgendwie? Um vielleicht durch die vielen Unterschriften neuen Optimismus zu schöpfen, dass man nicht allein ist?

Wenn man ehrlich ist, macht man so eine Petition auch immer ein bisschen für sich selbst. Wir alle haben ja in diesem Pandemiejahr dieses Gefühl der Ohnmacht und des Schlecht-regiert-werdens. Insofern ist jedes bisschen Selbstwirksamkeit gesund. Für all die Leute, die jetzt unterschrieben haben, die Petition teilen und in ihren WhatsApp Familienchats dafür kämpfen. Für uns alle ist es heilsam zu sehen: Ja, ich kann etwas machen. Was es am Ende wirklich bringt, ist eine andere Frage. Wenn man so eine Petition zu zweit startet, dann macht man das natürlich auch für die eigene Psychohygiene. Ich finde es aber auch wichtig, dass wir alle zusammen immer wieder feststellen, dass man etwas tun kann. Diese Leute da oben, die wir immer im Fernsehen sehen und die nicht in unserem Sinne entscheiden, die müssen auf uns hören, denn das sind unsere Volksvertreter*innen.


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