Bayern 2 - Zündfunk


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Neue Tocotronic-Single "Vielleicht kann der Song den Menschen tatsächlich ein bisschen Hoffnung schenken"

Und wenn man denkt es geht nicht mehr, dann kommt von irgendwo ein neuer Tocotronic-Song mit dem Titel „Hoffnung“ her. Es scheint, als hätten die Tocos prophetische Fähigkeiten - der Song passt sehr gut auf die heutige Zeit, ist aber eigentlich schon ein Jahr alt. Am Telefon hat uns Dirk von Lowtzow erzählt, dass sich momentan auch bei ihm manchmal ein paar böse Gedanken einschleichen.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 08.04.2020

Tocotronic | Bild: dpa-Bildfunk

Zündfunk: Dirk, Wie geht's dir?

Dirk von Lowtzow: Mir geht es eigentlich recht gut, aber mir scheint, dass das eine Zeit ist, die sehr widersprüchliche Gefühle hervorbringt. Ich bin dieser Stubenhockerei mit gelegentlichen Ausflügen nach draußen im Park eigentlich gewohnt. Und weil das sich strukturell nicht so sehr unterscheidet von meinem sonstigen Tagesablauf. Aber ich merke doch, dass in diese Ruhe und Gelassenheit, die man manchmal entwickeln kann, plötzlich so Blicke der Sorgen oder Ängste oder fast so Panikattacken-artige Zustände anfallen können. Das ist natürlich immer dann der Fall, wenn man ein bisschen von sich selber weggeht und der eigenen, schon recht privilegierten Position und dann über den Zustand der Welt im Allgemeinen oder Menschen nachdenken, die weniger komfortabel diese Krise überstehen müssen. Hin nach Griechenland, Lesbos, Geflüchtete und so weiter und so fort. Diese Gedanken kommen oft in Momenten, wo man sie nicht erwartet, und setzen dann das Gedanken-Karussell in Gang. Das, finde ich, ist so eine der hervorstechenden Merkmale dieser Zeit. Aber persönlich und im Augenblick geht es mir gut. Danke der Nachfrage.

Jetzt gibt's einen neuen Tocotronic Song, der Hoffnung heißt und auch Hoffnung schenkt. Der Song bzw. der Text ist schon ein Jahr alt, und er beinhaltet Zeilen, die wirklich erschreckend aktuell sind. Wir haben uns gefragt: Hast du irgendwie prophetische Fähigkeiten?

Ja, Prophet ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber ich glaube, wenn man Songs schreibt, Filme macht, zeichnet, Kunst macht, irgendwas, da braucht man so ein bisschen Antennen oder ein leicht seismografisches Gespür. Oder damit ist man dann vielleicht ausgestattet. Und natürlich - und das ist eigentlich bei jeglicher Kunst das Schönste - spielt auch der Zufall, eine Rolle. Das Lied ist vor einem Jahr ungefähr geschrieben worden und ist Teil der Sammlung der Lieder, die wir jetzt für unser neues Album bearbeiten. Eigentlich wären wir jetzt, Anfang April, ins Studio gegangen, um daran weiterzuarbeiten. Das fällt jetzt aus aufgrund der Krise. Und jetzt haben wir uns eben entschlossen, dieses Stück vorab herauszubringen, weil wir auch überrascht waren darüber, wie gut der Text auf die gegenwärtige Situation zu passen scheint.

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Tocotronic - Hoffnung | Bild: Tocotronic (via YouTube)

Tocotronic - Hoffnung

Wir müssen noch einmal rezitieren. "Hier ist ein Lied, das uns verbindet", heißt es in Hoffnung. "Ein kleines Stück Lyrics and Music gegen die Vereinzelung. In jedem Ton liegt eine Hoffnung." Also, wir können uns mit Zufall gerade nicht abfinden.

Vieles, was man zum Schicksal hochstilisiert, ist am Ende doch nur Zufall. Aber es ist nicht minder schön. Es gehört natürlich, sagen wir mal, ein Wille dazu, sich dann auf diese Situation einzulassen und das, was man vor einem Jahr geschrieben hat nochmal auf eine gegenwärtige Situation zu untersuchen und das zu erspüren, ob das passt. Das Gefühl hatten wir eben, weil wir ohnehin gerade daran gearbeitet hatten. Und dann haben wir gesagt: 'Lass es uns jetzt rausbringen. Das ist ein schönes Lebenszeichen.' Und vielleicht, tatsächlich kann es, passend zum Titel, den Menschen ein bisschen Hoffnung schenken.

Dirk, Herzlichen Dank für das Gespräch. Es freut uns, dass es dir gut geht. Wir wünschen dir auch, dass es weiter so bleibt. Gesund bleiben!

Das Gleiche wünsche ich euch auch. Macht weiter mit eurer guten Arbeit, denn wir müssen jetzt viel Radiohören!


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