Bayern 2 - Zündfunk


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Künstlerin Balbina im Interview "Wir haben ein popkulturelles Problem - es gibt keine Diversität mehr"

Sängerin Balbina hat die Anfänge des Deutsch-Raps in Berlin erlebt und macht heute bezaubernde, kitschfreie Kunstlieder auf Deutsch. Ihr neues Album heißt Punkt. Im Interview mit ihr zeigt sich: Da steckt so einiges dahinter.

Von: Ann-Kathrin Mittelstrass

Stand: 04.02.2020

Künstlerin Balbina grinsend in Hannover | Bild: picture-alliance/dpa

Zündfunk: Balbina. Was hat es mit dem Punkt hinter bzw. in deinem Albumtitel auf sich?

Balbina: Ich finde den Punkt in der Hinsicht interessant, dass es vor allem eine neue Welt an Möglichkeiten eröffnet. Symbolisch gesehen kommen wir alle aus diesem einen Punkt, der keine Vergangenheit hatte, nur die Gegenwart ist und in die Zukunft ausstrahlt. Dieser Urknall. Und dieser Punkt taucht überall im Leben auf. Wir bestehen aus kleinsten Atomen, die auch Punkte sind, mehr oder weniger. Und wir benutzen den Punkt auch als etwas, was eine Geschichte beendet, aber auch eine neue Geschichte beginnt nach diesem Punkt.

Du spielst ja generell wahnsinnig mit Sprache und Worten, jetzt eben auf Deutsch und auf Englisch. Und auch mit dem Laut der Sprache: du rollst das “R” dramatisch und singst das Englisch mit einem kunstvollen Akzent. Wie kommst du auf solche Ideen und was möchtest du damit ausdrücken? 

Das ist auch in dieser Emotionalität zu finden. Ich habe gemerkt, dass ich bisschen einen Clash hatte zwischen meinen Live-Shows und meinen Alben. Auf den Live-Gigs neige ich zu Theatralik, weil ich’s einfach mag. Ich kotze sozusagen meine Seele aus vor allen. Und die, die es mögen, kennen das schon. Dieser Hang zur Dramatik bewirkt einfach manchmal; dass ich ein “R” rrrrolle! Weil ich das grrrad so fühl’! Das mach ich auch manchmal mit einem Augenzwinkern, das ist nicht komplett ernst gemeint, manchmal schon. Und dieser Hang zur Dramatik hab ich mir immer auf den Alben gespart. Weil ich mir dachte, “jetzt musst du dich aber mal zamreißen!” In diesem Albumprozess hab ich mich ganz oft hinterfragt: Warum muss ich mich denn auf jetzt auf der Albumaufnahme zusammenreißen? Früher dachte ich immer, ich überfordere mein Publikum irgendwie, ich krieg immer von der Medienlandschaft ein Echo zurück, dass die Leute sagen, das ist mir zu komplex und das ist zu arty. Und deswegen hab ich mich vielleicht auch noch ein bisschen versucht, im Zaum zu halten. Und bei dem Album war ich dann so: ey, fuck it! Ich mach einfach, worauf ich Bock habe von vorne bis hinten! Und wenn ich das R mal rolle, mal auf Englisch singe, mal auf Französisch - es ist mir egal! Ich kann’s nur dann vertreten, wenn ich’s gut finde. Und ich glaube, es ist momentan auch das Album, was mir am meisten Spaß gemacht hat. 

Du hast deine letzten zwei Alben bei Four Music rausgebracht, was zum Major-Label Sony gehört. Das neue Album "Punkt." ist jetzt bei polkadot Records erschienen, deinem eigenen Label. Gab’s einen bestimmten Punkt, der ausschlaggebend war oder wieso bist du den Schritt gegangen? 

Es ist tatsächlich so: ich hab mich davor schon verwirklicht. Ich hab davor nicht das Problem gehabt, dass jemand mit ner Knarre vor mir stand und gesagt hat: “Jetzt zieh’ dir bitte ein normales Outfit an und sing bitte nen Song von Lea!” So war das nicht. Nur war das immer so: ich hab meine ganzen Sachen gemacht, gesagt, hier ist mein Artwork, hier sind meine Videos… und die Leute sind mit sowas überfordert, weil die sich eben nur nach dem aktuellen Mainstream richten. Das ist ja ein Major-Label und die können damit einfach nicht arbeiten, wenn jemand etwas macht, was nicht der aktuellen Hörgewohnheit entspricht. Sondern etwas, was etabliert werden müsste, etwas was “ge-breakt” werden müsste - da gehen die Ohren sofort zu und da gibt’s auch keine Budgets mehr. Und dann musst du dich erstmal rechtfertigen. Und bis dein Album kommt, liegt das schon wieder zwei Jahre in der Schublade und ich hatte da keinen Bock mehr drauf. Ich wollte einfach nur noch machen und releasen. Und nicht diese ganzen Zwischendiskussionen haben. Und die sind jetzt Gott sei Dank weggefallen. 

Du hast ja die deutsche Musikindustrie auch kritisiert, was die Repräsentanz von Frauen angeht. Hast du das Gefühl, da werden noch andere Maßstäbe angesetzt, wenn es um Frauen geht, die selber entscheiden wollen? Die von der Musik, zum Artwork und den Videos alles selber machen wollen?

Balbina live

Ich glaube, es bessert sich, weil es viele Akteurinnen wie mich gibt, die darüber sprechen. Ebow zum Beispiel, die auch viel in Interviews über solche Dinge spricht. Außerdem gibt es jetzt zum Glück jetzt auch viele Akteurinnen in der Pop-Industrie, die wirklich relevant sind: Juju, Loredana, Shirin David… Das sind wichtige Frauen und Vorreiterinnen, die einfach auch im Pop stattfinden! Nicht in irgendeiner Nische, sondern die einfach verkaufen! Was ich richtig gut finde. Ich glaube aber dennoch, dass aktuell das ärgste Problem die Streamingdienste sind. 

Inwiefern? 

Weil der Marktführer hier in Deutschland richtet sich immer nach den aktuellen Hörgewohnheiten, nach den aktuellen Algorithmen. Die etablieren selber nichts, weil ihnen natürlich nichts daran gelegen ist, weil sie die Streamingzahlen hochhalten wollen. Die etablieren einfach keine neue Musik mehr. Ich glaube, wenn jetzt jemand wie David Bowie hier in Deutschland aufkommen würde, der total geilen, neuen Pop macht, den keiner kennt, der würde nicht gespielt werden, weil er algorithmisch nicht auf diese Zwei-Minuten-Dreißig-Trap-Songs passt. Der wird in keinen Playlisten etabliert und kriegt keine Ebene mehr, um irgendwo “ge-breakt” zu werden. Und ich glaube, dass sich das Frauenproblem gerade durch den Aktivismus, den wir alle an den Tag legen, schon mal anfängt, zu ändern. Aber für die gesamte Musikindustrie gesprochen, glaube ich, haben wir jetzt aktuell wirklich ein popkulturelles Problem - es gibt keine Diversität mehr. 

Das ist eine sehr große Diskriminierung, dass dieser Verteilungsschlüssel nur über Klicks läuft und da muss was geändert werden. Da muss man jetzt auch mit Anwälten ran. Ich werde mir auch überlegen, was ich dieses Jahr noch mache, mir geht das so auf den Nerv, dass das so selbstverständlich dargestellt wird: der und der hat fünf Millionen Klicks innerhalb von soundsoviel Tagen… Das ist mir egal! Ganz ehrlich: geht doch einfach nach den Profilen: welches Profil hört welche Musik und verteilt danach. Und nicht danach, wer die meisten Klicks hat. Es gibt jetzt Voting-Armeen, die dazu aufrufen: "Hey, geht auf 'mute' und streamt meinen Song die ganze Zeit, damit ich hoch komme!" Fair enough. Ich verurteile auch keinen, der sich da Klicks kauft und die Leute animiert, weil Spotify & Co. lassen es ja zu. Die finden das ja super zu sagen, "Boah, wir hatten diesen Monat wieder so einen streamingstarken Monat!". Aber wenn denen dann nicht mal jemand nen Riegel vorschiebt, oder wenn nicht mal jemand von Spotify Verantwortung zeigt - weil von denen zeigt keiner Verantwortung - ey, dann laufen wir echt gegen eine Wand! Und das regt mich unfassbar auf!


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