Bayern 2 - Zündfunk


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Claus-Peter Reisch zu Prozessgewinn "Es war einfach nur Zeit zum Fenster rausgeschmissen"

Seenotretter haben es nicht leicht – sie kämpfen für die Einhaltung der Menschenrechte, retten Geflüchtete vor dem Ertrinken und werden in vielen Fällen trotzdem kriminalisiert. So auch Claus-Peter Reisch. Nach Beschlagnahmung seines Schiffes und einem langen Prozess wurde der "Lifeline"-Kapitän jetzt freigesprochen. Wir haben mit ihm gesprochen.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 07.01.2020

Claus-Peter Reisch | Bild: picture alliance/Johannes Filous/dpa

Im Juni 2018 wurde Claus-Peter Reisch Seenotrettungsschiff „Lifeline“ nach der Mission 6 in Malta beschlagnahmt, weil es angeblich mit einem abgelaufenen Flaggenzertifikat unter der holländischen Flagge segelte. Der Fall löste damals große Empörung aus – in der Kritik stand immer wieder, dass ein Mensch wie Claus Peter Reisch, der eben noch 234 Menschen vor dem Ertrinken rettet, plötzlich zu 10.000 Euro Strafe verurteilt wird und dass ihm obendrauf auch noch bis zu anderthalb Jahre Gefängnis drohen. Heute gab es allerdings eine überraschende Wendung im Fall Reisch – er wurde vom maltesischen Landgericht nach einem Mammutprozess freigesprochen.

Zündfunk: Herr Reisch, was ist das für ein Gefühl, dass dieser lange Prozess jetzt mit einem Freispruch für Sie zu Ende gegangen ist?

Claus-Peter Reisch: Ich bin natürlich sehr zufrieden, dass das Ganze jetzt mit einem Freispruch geendet hat. Ich war heute zum zwölften Mal in diesem Gerichtssaal, da muss ja auch irgendwann mal ein Ende kommen. Ich meine, über was unterhalten wir uns denn? Wir unterhalten uns ja hier nicht über die Rettung von Menschenleben, sondern ausschließlich über ein Flaggenzertifikat.

Können Sie den Prozess genauer schildern? Wie genau ist das in den letzten anderthalb Jahren abgelaufen?

Das Irrwitzigste war tatsächlich, dass ich mal dreieinhalb Minuten in einem Gerichtssaal war. Dafür bin ich extra nach Malta geflogen. Das kostet drei Tage und natürlich auch Geld. Und ich komme rein und der Richter schlägt seinen Terminkalender auf und sagt: „Heute geht’s hier nicht weiter, wir vertagen das.“ Dann hat er einen neuen Termin genannt und damit war die Verhandlung auch schon geschlossen. Ich mein, das ist doch völlig absurd, mich drei Tage durch die Weltgeschichte gondeln zu lassen, um mir dann zu sagen, ich kann wieder nach Hause. Ich bin ja dann erstmal auch zu 10.000 Euro wegen der angeblichen Widrigkeit dieses Flaggenzertifikats verurteilt worden. Aber ich hab das Flaggenzertifikat oft genug in die Kamera gehalten. Da steht eindeutig drin: „Dutch, Homeport Amsterdam“. Da gibt’s auch nichts zu rütteln dran.

Wie ist das denn heute genau abgelaufen mit dem Freispruch? Wer hat das entschieden?

Das Landgericht hat entschieden, dass das Flaggenzertifikat Gültigkeit hat. Und dem ist einfach Rechnung zu tragen.

Gab es dazu noch irgendeine weitere Begründung des Gerichts oder wie hat man sich diesen Prozesstag vorzustellen?

Die Urteilsbegründung sind insgesamt 62 Seiten auf Maltesisch. Die Auszüge hat die Richterin auch auf Maltesisch vorgelesen. Ich kann dem nicht folgen, weil ich da keinen Dolmetscher hab. Ich lasse mir das Urteil jetzt übersetzen ins Englische, dann kann ich das wenigstens lesen. Aber das Wichtigste ist trotzdem erstmal, dass es mit einem Freispruch geendet hat.

Hätten Sie heute Morgen damit gerechnet?

Es ist tatsächlich so, dass ich nicht unbedingt damit gerechnet hab, da mit einem Freispruch rauszugehen. Es geht hier nicht um Recht und Gesetz, zumindest nicht in der ersten Instanz. Das ist nämlich ein hoch politischer Prozess. Der Richter ist nämlich ein sehr guter Freund des mittlerweile nicht mehr amtierenden Ministerpräsidenten. Ich will jetzt hier dem Richter keine Korruption unterstellen, das liegt mit fern. Aber es hatte doch alles so einen politischen Geschmack und aus diesem Grund habe ich eigentlich nicht wirklich mit einem Freispruch gerechnet. Wobei es natürlich trotzdem völlig absurd ist, dass man ein Flaggenzertifikat, das man jahrelang erkannt hat. Das man sogar bei mehreren NGOs, die alle ihre Boote in Holland registriert haben anerkannt hat, die ganze Zeit akzeptiert und plötzlich komme ich um die Ecke und es gilt nicht mehr. Das ist schon reichlich absurd.

Aber es ist gut ausgegangen und hat ein Ende. Und ich bin natürlich erleichtert, dass ich jetzt nicht mehr in regelmäßigem Abstand hier nach Malta fliegen muss. Ich meine Malta ist eine schöne Insel, da kann man schön Urlaub machen, aber so lustig ist das nicht. Ich hab ja teilweise erst vier Tage vor der Veranstaltung erfahren, dass die Verhandlung stattfindet. Ich hab da auch meinen Urlaub deswegen abgesagt. Und das finde ich eigentlich schon krass, dass man so in das Leben von Leuten eingreift. Witziger Weise hat der Richter in der ersten Instanz ja mal gesagt: „it’s just to waste time and money.“ Und in dem Fall muss ich dem Richter recht geben. Es war einfach nur Zeit zum Fenster rausgeschmissen. 

Wie geht es jetzt für Sie weiter, müssen sie noch weitere Gerichtsverhandlungen besuchen oder ist jetzt alles abgeschlossen?

Mit dem heutigen Tag ist das Verfahren auf Malta abgeschlossen.  Aber ich hab ja weiterhin den Strafbefehl von 300.000 Euro aus Sizilien auf dem Tisch liegen, weil ich am 02. September 2019 mit der Eleonore unter Erklärung des Notstands in den Hafen von Pozzallo eingelaufen bin. Wie schnell die Mühlen da in Italien mahlen, vermag ich nicht zu sagen. Ich hab zumindest Widerspruch eingelegt gegen diesen Strafbefehl und man wird sehen, was dabei rauskommt. Also ich hab jetzt noch nicht alle Verfahren beendet aber zumindest bin ich ein großes Stück weiter. 


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