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Trap-Queen Haiyti mit neuem Album "Andere Menschen müssen wahrscheinlich in Therapie, ich mache halt 'Sui Sui'"

Nur ein Jahr mussten die Fans warten. Jetzt ist die Trap-Queen, die Gangster-Braut des deutschen Raps zurück. Mit ihrem neuen Album "Sui Sui" liefert Haiyti ein Album, das düsterer ist als seine Vorgänger. Wir haben mit der Rapperin über Melancholie, Einsamkeit und Depressionen gesprochen.

Von: Ann-Kathrin Mittelstrass

Stand: 03.07.2020

Rapperin Haiyti | Bild: Hayiti Records

Zündfunk: Du spielst gerne mit verschiedenen Styles und Rollen. Du trägst Perücken und trägst Nasen-Clip, wie man aktuell zum Beispiel auf Fotos und Videos auf Instagram sehen kann. Auf dem neuen Albumcover, einem sehr glamourösen Schwarz-Weiß-Foto, rauchst du Pfeife. Beschreib mal: Wer wolltest du sein auf diesem neuen Album? Wer ist die aktuelle Haiyti? Und wie ist sie so drauf?

Haiyti: Da steckt gar nicht so viel da hinter, wie sich die Leute das ausmalen. Ich hör halt immer zum Einschlafen Sherlock Holmes. Das ist mein großes Vorbild, und das ist ein bisschen ausgeartet. Und dann habe ich mich mit zwei Freundinnen - die eine hat mich geschminkt und die andere hat Fotos gemacht - ins Ritz geschlichen, in die Cocktailbar. Und da hab ich so ein unterbelichtetes Foto gemacht. Das ist dann das Cover geworden. Ein anderes Foto hatte ich auch gar nicht. Ich wollte schon irgendwie Fotos machen, aber ich hätte nicht gedacht, dass das jetzt das Cover wird.

Haiyti auf dem Cover ihres neuen Albums "Sui Sui".

Und wer ist Haiyti gerade?

Eigentlich bin ich immer dieselbe. Ich weiß auch nicht, ob ich der Zeit voraus bin oder hinterher hänge. Es ist einfach nur anders. Ich glaube, der Code in Deutschland ist derzeit so, dass du 20 Prozent nur ein bisschen anders sein darfst und das andere muss sich nach was anhören, was die Leute schon kennen. Bei mir ist es, glaube ich, anders herum, oder ich bin bei 50:50. Ich versuche immer was zu machen, was noch nicht gemacht wurde. Ich habe keinen bestimmten Künstler vor Augen und will den jetzt kopieren oder so sein wie der. Ich sage immer, es müsse so ein bisschen wie Lil Uzi und dann wieder wie der und der. Natürlich finde ich andere Künstler auch toll, aber mein Anspruch ist wirklich, etwas Eigenes zu erschaffen. Und das war es eigentlich schon immer. Also: Wie bin ich gerade drauf. "Sui Sui" ist das ein bisschen. Es ist ein düsteres Album mit einem Happy Popsong - "La La Land". Und der läuft hoffentlich auch bei euch hoch und runter. Der Rest ist ziemlich melancholisch, depressiv eigentlich.

"Sui Sui" heißt dein neues Album. Woher kommt der Titel? Was bedeutet er für dich?

Sui Sui bedeutet etwas ganz Düsteres, aber in Verniedlichung. Ich bin halt auch noch ein Manga Fan, und die spielen auch irgendwie immer damit. Es ist derbe düster, aber die Hauptrolle hat ein kleines Mädchen, das unschuldig ist. Vielleicht ist es sowas. Aber wie gesagt, da hab ich mir auch nicht so viele Gedanken darüber gemacht.

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Haiyti - La La Land | Bild: HaiytiOfficial (via YouTube)

Haiyti - La La Land

Der Song "La La Land" ist ein 1A-Popsong. Hättest du den 2016, als deine Songs noch um einiges düsterer und mehr Trap waren, auch schon so machen können?

Ja, ich denke schon. Ich hab mir nie Studios gemietet oder sowas. Das ist jetzt erst so, und bei "La La Land" ist wirklich der Hintergedanke so "Jetzt ist mein Durchbruch". Ich hätte ihn, glaube ich, 2016 auch schon gut gebrauchen können so einen Song. Ich glaube, damals hieß es auch schon Gangster Pop, was ich gemacht habe. Ich weiß nicht, ob es so früh war, aber ich würde sagen, der Song ist Gangster Pop. Zum Beispiel wollte ich ein bisschen Geld drauf setzen bei YouTube für die Reichweite. Das durften wir schon gar nicht, weil das Monster eine kleine Plastik-Pumpgun in der Hand hält. Das darf man nicht bewerben. Hätte ich den Song 2016 schon rausgebracht, wäre meine Karriere vielleicht anders verlaufen. Aber man weiß es nicht. Ich hätte den ich damals auch nicht ausgeschlossen. Auch wenn der Sound sehr poppig ist, es immer noch ein Haiyti-Song. Es ist es immer noch eigen genug geschrieben und es ist eben auch so eine kleine Gangster- Story drin. Ja, ich hätte den auch 2016 gemacht.

Du hattest diese zwei Seiten schon immer in dir, die Straße und den Pop, aber zumindest soundtechnisch orientiert sich das neue Album doch deutlich mehr in Richtung Pop als zuletzt. Die meisten Songs sind sehr viel sanfter als früher. Fast zärtlich klingst du, und du singst viel mehr als vorher. Woher kommt's?

Haiytis letztes Album: Die Platte "Perroquet" aus 2019.

Ich glaube, ich habe genug harte Rap-Songs gemacht. Einen Hintergedanken hatte ich nicht. Ich hab mir jetzt auch nicht extra Depri-Beats gepickt, sondern wir haben im Studio einfach diese Songs gemacht, weil die Stimmung so war. Ich habe das Album auch größtenteils im Winter gemacht. Vielleicht deswegen. Ein paar Trap-Banger sind ja auch drauf.

Das Album durchzieht auch eine ziemliche Melancholie, finde ich. Würdest du mir da zustimmen? Falls ja, woher kommt diese Melancholie?

Ja, ich kann jetzt nicht behaupten, mir geht's übelst gut. Ich sage das alles über dieses Album. Woher man depressiv wird, weiß man nicht. Ich kann nur eine kurze Geschichte dazu erzählen. Ich habe schon mal früher von Depressionen gehört, und ich wusste nie, was das sein soll. Ich habe das immer nicht verstanden, warum es so etwas gibt wie Depression. Ich kannte schlechte Tage, dass es zum Beispiel mal nicht so läuft, aber ich kannte diese Art Depression nicht, diese übergeordnete Finsternis, die man nicht kontrollieren kann, bis ich das selbst hatte. Ich habe es jetzt nicht durchgängig, aber ich weiß auf jeden Fall jetzt, was es ist. Und ich kann das durch meine Musik oder durch meine Kunst auf jeden Fall erklären oder durchleben. Andere Menschen müssen wahrscheinlich in Therapie und ich mache halt "Sui Sui".

Im Song "Paname" singst du an an einer Stelle "Ich war noch nie einsamer". Was macht die Einsamkeit mit dir. Leidest du darunter, oder kannst du was draus ziehen für dich?

Ich finde, wer es am besten auf den Punkt gebracht hat, war Money Boy in einer Zeile. Ich weiß nicht mehr wie die Zeile genau war. Aber er sagt, dass du deinen ganzen Reichtum nicht mitnehmen kannst, wenn du tot bist. Ich bin sowieso ein Einzelgänger. Okay, jeder ist mit sich ja alleine, aber, wenn man nicht so oft unter vielen Leuten ist oder nicht dieser Gruppen-Mensch ist, dann puh. Ich kann zum Beispiel Gruppen gar nicht ertragen. Ich muss dann weg. Also entweder leite ich eine Gruppe und kommandiere alle, oder es funktioniert von selber. Aber wenn irgendwelche Komplikationen kommen, denke ich mir "Hä?". Das ist für mich immer alles unlogisch, wie die Menschen handeln. Alles hat seinen Preis, und ich habe auf jeden Fall nicht so viel Stress. Weil ich vielleicht allein bin. Ich kann nur sagen, dass man sich, wenn man alleine ist, auch schneller und weiter entwickelt oder Songs schreibt. Am besten ist es immer für mich, wenn ich im Zug sitze und kein Internet habe. Da schreibe ich immer Songs, weil ich nicht am Handy rumdaddeln kann. Wenn man alleine mit sich ist, ist das eigentlich das Beste, was passieren kann. Aber das muss man immer wieder aufs Neue erfahren, glaube ich. Wenn man alleine mit sich klarkommt, dann ist das ein Jackpot.

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Haiyti - Paname | Bild: HaiytiOfficial (via YouTube)

Haiyti - Paname

In einem Interview, das ich 2018 mit dir für PULS gemacht habe, hast du geklagt, dass es jemand wie du bei Typen schwer hat: "Die Jungs wollen dann eher normale Mädchen. Die wollen keine wie mich." Haben die Typen mittlerweile gecheckt, dass normale Mädchen ganz schön langweilig sind und ist die Männerwelt 2020 endlich bereit für eine Haiyti?

Ich glaube, es hat sich wirklich nichts geändert. Ich glaube, Freaks bleiben immer die Freak-Girls und die langweiligen Mädchen kriegen dann den Ehering. Oder man trifft halt wirklich jemand, der genauso ist wie du. Aber das ist dann wieder Glück wahrscheinlich.

Im Song "Black Ice" rappst du unter anderem: "Alle meine Freunde sind auf Dope. Ich bin schon wieder auf der Road. Hustlen denn das Budget ist zu low". Im Pressetext zu deinem neuen Album steht drin, dass du pleite warst. Wenn du darüber reden magst: Wie hast du diese Zeit erlebt? Von außen kann man sich schwer vorstellen, dass Deutschlands erste Trap-Queen pleite geht. Vor allem, wo Rap auch in Deutschland so ein Massenphänomen geworden ist. Wie hast du dich da wieder rausgezogen?

Naja, ich hab mich ja nicht rausgezogen, sonst würde ich ja aufhören mit Musik. Es ist immer noch dasselbe. Meine Freunde sind immer noch auf Dope. Eigentlich hat sich mein Leben nicht verändert. Nur Trap ist jetzt Trend geworden oder weltweit groß. Ich glaube, dass ich in Frankreich ein Mega-Star wäre. Ich glaube wirklich, ich bin im falschen Land. Wenn man nur ein bisschen anders ist und nicht wie die Masse, kommt das nicht gut an. Man ist immer Nische, egal wie poppig deine Songs sind. Wie Mainstream die sind. Wenn du nur ein bisschen anders bist oder die Sachen anders machst, funktioniert das nicht. Selbst ein Apache ist das irgendwo wieder nicht. Er ist ja auch nicht großartig anders, außer dass er lange Haare hat. Aber den verstehen die Leute. Mich verstehen die Leute immer noch nicht. Obwohl ich das auch komisch finde, weil man versteht ja meine Texte und was ich sagen will. Ich kann es nicht genau sagen. Vielleicht ist es doch zu anders. Für mich selber ist es ganz simpel, und ich finde meine Texte und Songs auch sehr simpel. Kann sein, dass ich falsch vermarktet werde, beziehungsweise, ich werde ja nicht vermarktet. Vielleicht liegt es daran! (lacht)

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Haiyti - Toulouse (feat. Albi X) | Bild: HaiytiOfficial (via YouTube)

Haiyti - Toulouse (feat. Albi X)

Du hast für das Album mit Project-X zusammengearbeitet. Ein Kollektiv aus fünf verschiedenen Produzent*innen. Wie hast du sie dir ausgewählt und was gefällt dir an der Arbeitsweisen und deren Stilen?

Also ausgewählt habe ich leider noch keinen. Sowas kann ich mir gar nicht auswählen, sondern, ich nehme, was kommt. Ich lasse dann eigentlich die Zufälle entscheiden. Wie immer.

Okay, dann direkt nächste Frage. Was ist euch für ein Sound vorgeschwebt für dieses Album? Kannst du vielleicht einen Song als Beispiel nennen, den du besonders gern magst und erklären, was ihr da gemacht habt?

Eigentlich haben wir uns nur bei "Was hast du damit zu tun?" zusammengerissen. Immer, wenn ich sage 'Lass mal n düsteren Trap-Song machen', kommt irgendwas komplett anderes raus. Bei dem Song haben wir uns wirklich Mühe gegeben, waren zwei Tage dafür im Studio und haben genau das gemacht, was ich vorhatte. Und ich habe auch genau das gesagt, was ich sagen wollte. Das schaffe ich eigentlich nie. Bei dem Song hab ich das irgendwie geschafft.

Du bist ja mittlerweile in Berlin schon länger. Was gibt dir Berlin, was dir Hamburg nicht mehr geben konnte?

Also Berlin gibt mir Anonymität. Das hatte ich in Hamburg nicht so. Ich habe auf dem Steindamm gewohnt, wo es keine Studenten oder Hipsters gab. Da war ich, glaube ich, der einzige Mensch mit Rollkoffer. Jetzt bin ich der einzige Mensch mit Rollkoffer im Wedding. Berlin ist nicht besser als Hamburg. Es ist nur gerade für mich in diesem Zeitfenster besser. Ich glaube, ich hatte in Hamburg sogar das bessere Leben, aber ich musste einmal umziehen für die Weiterentwicklung.


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