Bayern 2 - Zündfunk

Herausgegeben von Sandra und Kersty Grether Dieses Songbook featured nur weibliche Artists - und wäre ein perfektes Festival

Die Musik-Journalistinnen, Musikerinnen und Zwillings-Schwestern Sandra und Kersty Grether kämpfen seit Jahren für mehr Sichtbarkeit von Frauen in der Musik-Szene. Jetzt haben sie ein Songbook mit siebzig Liedern von Musikerinnen herausgegeben.

Author: Tobias Ruhland

Published at: 11-10-2021

Kersty und Sandra Grether | Bild: Mercedes Reichstein

Ihr habt ein Songbook herausgebracht mit dem Namen "Ich brauche eine Genie". Darin zu finden sind siebzig Songs von größtenteils deutschsprachigen Musikerinnen. Viele sind sehr provokativ, haben diese "Ich kann aber auch genauso hart wie du, Mann"-Attitüde. Ist es nicht auf Dauer, sagen wir mal, ein bisschen provokant oder ein bisschen langweilig, das so vor sich herzutragen und zum Hauptthema zu machen?

Sandra und Kersty Grether: Ja, das sehe ich auch so. Es wäre auf Dauer langweilig. Aber wir haben ja auch viele Rap-Artists, die über ganz andere Themen singen. Zum Beispiel Lena Stoehrfaktor in dem Song "Heldin der Arbeit". Da geht es um die schlecht bezahle Pflegearbeit für Frauen und wie beschissen schwer es ist, in dieser Arbeitswelt Fuß zu fassen, in der man eben als Frau so schlecht bezahlt wird. Sofern finde ich, dass sich das die Waage hält. Mir ist es auch wichtig, dass da ganz viele Texte dabei sind, die einfach so aus dem Inneren, aus der inneren Stärke einzelner Individuen geschrieben sind. Dass die auch Spaß machen und, dass es auch ums Verliebt sein geht. Das ist halt so eine schöne Mischung, die das Buch ausmacht.

Vor kurzem hatten wir im Zündfunk die Toten Crackhuren im Kofferraum im Interview. Da hat uns Lulu Fuckface erzählt, dass Sexismus anprangern latent weniger als zickiges Getue abgetan wird. Also dieses "Ihr seid eingeschnappt, weil nicht so erfolgreich wie die Jungs" - das nehme ab. Es sei jetzt okay, das Thema anzusprechen, ohne gleich als Bitch dazustehen. Macht ihr da ähnliche Beobachtungen?

Das Songbook "Ich brauche eine Genie" von den Grether-Twins.

Ja, auf jeden Fall hat sich schon viel zum Positiven verändert in den letzten zehn, fünfzehn Jahren. Seit der neue Feminismus am Start ist und ja jetzt wirklich ganz Deutschland über anderen Umgang mit Frauen im Beruf diskutiert wird, machen wir natürlich auch bessere Erfahrungen. Es gibt ja auch sehr viele Menschen, die der Meinung sind, dass Frauen derzeit die aufregendere Musik machen. Also es ist ja auch so: Leute, die eine bestimmte Dringlichkeit und nicht das Geld haben, immer zu fünft Konzerte zu geben, besinnen sich deshalb auch mehr auf ihre eigenen Skills - da sehe ich gerade eine Tendenz in der Indie-Musik.

Da holen dann eben zwei, drei Leute alles aus sich raus und entwickeln sich dann auch immer weiter im Musikalischen, bloß aus dieser Dringlichkeit heraus. Und da ensteht eben auch eine ganz neue, andere Musik. Das ist wahnsinnig spannend und innovativ. Und das wäre auf jeden Fall - jetzt mal ganz unabhängig von all dem Gerechtigkeits-Denken - auch einfach eine wahnsinnige musikalische Bereicherung für alle Bühnen und alle Festivals. Es wundert mich total, dass die das nicht merken, also die können anscheinend echt nicht zuhören. Es ist uns ganz wichtig zu sagen: Dieses Buch ist dieses Festival.

Das Songbook "Ich brauche eine Genie", herausgegeben von Kersty und Sandra Grether. Hier findet ihr noch eine Spotify-Playlist mit allen Acts und Songs, die auch im Buch vertreten sind.