Bayern 2 - Zündfunk

Fehler Kuti im Interview „Wir dürfen die Kritik an Identitätspolitik nicht den Wagenknechts, Stegemanns oder der AfD überlassen“

Fehler Kuti alias Julian Warner hat gerade sein neues Album „Professional People“ veröffentlicht. Im Interview spricht er über Identitätspolitik, die deutsche Spargelernte und Klassenkämpfe in der Pandemie.

Von: Ralf Summer

Stand: 01.07.2021

Fehler Kuti auf der Bühne der Münchner Kammerspiele mit seinem Stück "The History of the Federal Republic of Germany as told by Fehler Kuti und Die Polizei" (2020) | Bild: Julian Baumann

Unter dem Namen Fehler Kuti hat der Münchner Musiker, Dramaturg und Kulturanthropologe Julian Warner 2019 sein vielbeachtetes Debüt „Schland Is The Place For Me“ veröffentlicht. Mit experimentellen Mitteln rassistische Strukturen aufdecken, das war das Ziel dieses Albums. Mit „Professional People“ ist jetzt der Nachfolger erschienen. 

Zündfunk: Fehler Kuti – das ist ein Verweis auf den Afrobeat-Pionier Fela Kuti. Warum dieser Name?

Fehler Kuti: Der Name ist gar nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern es gab einen tollen Münchner Türsteher und DJ, Markus Siller. Der hat mal ein Foto von mir auf der Bühne gesehen und gesagt: „Oh, das sieht aus, als ob Fela Kuti eine Punkband hätte.“ Dann habe ich darüber nachgedacht, wie die Punkband von Fela Kuti heißen würde – und bin so auf Fehler Kuti gekommen. Ich warte bis heute noch darauf, dass ich von den Söhnen verklagt werde oder so.

Führt der Name nie zu Verwirrung beim Publikum?

Fela Kuti – nicht Fehler Kuti – in Detroit 1986.

Manchmal gibt es die Konzertsituation, dass Leute in der Erwartung kommen, dass ich ein tatsächlicher Kuti-Sohn bin. Ich denke da an ein paar ältere Damen in Hamburg, die, glaube ich, nicht so ganz genau auf die Konzertankündigung geschaut hatten. Das war beim Kampnagel-Sommerfestival letztes Jahr. Die Damen saßen in der ersten Reihe und waren richtig peinlich berührt. Ich habe über Alltagsrassismus gesprochen und über die Situation jetzt gerade hier, dass die doch bestimmt ein Afrobeat-Konzert erwartet haben, das es jetzt aber nicht gibt, und was ist denn schon Afrobeat… Die hingen an ihren Täschchen und konnten es nicht aushalten.

Du singst auf Denglisch. Dadurch entsteht ein ganz eigener Sprachhumor, wenn zum Beispiel auf einen englischen Satz plötzlich das Wort „KFZ-Versicherung“ folgt.

Ich mag das einfach so unglaublich gerne, dieses Denglische. Ich bin auch großer Helge-Schneider-Fan. Und das ist für mich auch dieses „Fehler-Kuti-Mäßige“. Meine Eltern waren britische Soldaten, am Niederrhein stationiert, und bei uns zu Hause wurde Englisch gesprochen. Aber klar, wenn dann was vom Amt kam, ein ellenlanges Wort – das hatten wir auf Englisch nicht parat. Und so wurde dann daraus immer Denglisch. Es geht auch um diesen Zwischenraum: Ich habe einen britischen Pass, den deutschen Pass kriege ich wahrscheinlich nicht, obwohl ich hier geboren bin. Und das umzudeuten, darum geht es mir. Zu sagen: Es gibt auch eine spezifische Kultur, die aus diesem Zwischenraum erwächst.

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Fehler Kuti feat. Pacifico Boy - Professional People | Bild: alientransistor (via YouTube)

Fehler Kuti feat. Pacifico Boy - Professional People

Deine erste Platte beschäftigte sich stark mit Rassismus und Entfremdung. Was bewegt dich auf deinem zweiten Album?

In der Pandemie habe ich gesehen, wie meine Musiker und auch andere teilweise keine Corona-Hilfen kriegen, während ich durch meine Institutionsnähe zu Theatern etc. total gut durch die Pandemie gekommen bin. Da wurde mir klar, dass ich mich jetzt nicht hinstellen und etwas über Race singen kann. Klar, das wird immer ein Teil meiner Songs sein, weil das zu meinem inneren Seelenleben gehört. Aber in der Pandemie sind die Klassenverhältnisse so sichtbar und greifbar geworden, auch in meinem eigenen Freundeskreis, dass mir klar wurde: Ich muss eine inhaltliche Form finden, die das zusammenbringt. Ich kann mich nicht da vorne hinstellen, mit fünf Musikern im Rücken, und über mein Leid singen. Sondern wir müssen über ein gemeinsames Leiden singen.

In der Pandemie war also die Klassenzugehörigkeit entscheidend?

Ich fand es zum Beispiel geradezu ekelerregend, wie während der Corona-Pandemie über die Spargelernte diskutiert wurde. Wie plötzlich der Engpass an Erntehelfer*innen unter dem Begriff „Solidarität“ verhandelt wurde. Da habe ich mich gefragt: Wo ist denn diese Solidarität, wenn wir über die erbärmlichen Umstände der meist rumänischen oder allgemein osteuropäischen Erntehelfer*innen sprechen? Wo ist unsere Solidarität, wenn wir über ihre Unterkünfte, ihre fehlende Krankenversicherung und sklavenähnlichen Knebelverträge sprechen?

Diese Fragen haben auch auf deinem neuen Album Eingang gefunden mit dem Song „In Every City, In Every Aldi The Blood Of My Brothers And Sisters Taints Your Spargel“.

Was sich hier am Spargel zeigt, ist eine krasse Teilung der europäischen Gesellschaft. Nämlich einer Teilung in diejenigen, die den Spargel konsumieren und jene, die ihn ernten. Ab und an sind das sogar dieselben Menschen, denn der Spargel wird dann bei Aldi verkauft.

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Fehler Kuti: All We'll Ever Need | Bild: alientransistor (via YouTube)

Fehler Kuti: All We'll Ever Need

Ist dein neuer Themenschwerpunkt auch eine Kritik an Identitätspolitik?

Ich gehöre ja selbst zu denjenigen, die ihre Identität zu Markte getragen haben. Und die über diese Identität eine Position im Kunst- und Kulturbetrieb gewonnen haben. Das gönne ich allen Leuten, und das gönne ich ehrlich gesagt auch mir. Aber es zeigt sich halt, dass Künstler*innen und Musiker*innen, mit denen ich zusammenarbeite, die ihre Identität nicht so zu Markte tragen oder die sich einer Professionalität verwehren möchten, die gehen in dieser Situation unter.

Die Kritik an Identitätspolitik ist also berechtigt?

Ich finde, man darf nicht so sein wie Sahra Wagenknecht oder Bernd Stegemann und die ganze Zeit aus der Ferne über Identitätspolitik wettern und sagen: „Die interessieren sich nicht für Klassenverhältnisse oder die Klassenfrage.“ Gleichzeitig muss man die Kritik ernst nehmen. Ich kann das, weil ich sie an mir selbst exemplifizieren kann. Ich kann an meinem eigenen Werdegang aufzeigen, was an identitätspolitischen Kämpfen wichtig war und ist – und was ihre Limitierungen sind. Es ist wichtig, dass wir, die wir erst durch ein antirassistisches Dispositiv Eingang in die Kulturinstitutionen gefunden haben, dass wir diese Kritik an Anerkennungspolitik, an Identitätspolitik äußern und sie nicht den Wagenknechts, Stegemanns oder der AfD überlassen. Wir müssen das nämlich in dem Wissen darum machen, dass wir nur hier sind wegen dieser Anerkennungspolitik.

Hier geht es zum Popcast, dem gemeinsamen Podcast vom Goethe-Institut und dem Zündfunk zu aktueller Musik aus Deutschland – diesmal u. a. mit Fehler Kuti.