Bayern 2 - Zündfunk


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Chemnitz und Sachsen-Bashing Was ist bloß los in Sachsen?

NSU, LKA-Skandal, jetzt rechte Ausschreitungen in Chemnitz. Sachsen hat ein Problem mit Rechts. Danilo Starosta vom Kulturbüro Sachsen liefert Erklärungsversuche - und findet: Sachsen-Bashing ist gerechtfertigt. Aber...

Von: Tobias Ruhland

Stand: 27.08.2018

Polizisten während der rechten Ausschreitungen in Chemnitz am Sonntag | Bild: picture alliance/Andreas Seidel/dpa-Zentralbild/dpa

Danilo Starosta ist Referent für Rechtsextremismus und auch Experte für den Bereich rechte Fußballfans. Sein Arbeitergeber ist das Kulturbüro Sachsen, dessen Ziel lautet: „rechtsextremistischen Strukturen eine aktive demokratische Zivilgesellschaft entgegenzusetzen“. Danilo ist gerade in Chemnitz, wo er ein Projekt zur Aufarbeitung des NSU betreut.

Tobias Ruhland: Jetzt haben wir es kurz nach halb drei. Wie ist denn die Stimmung gerade in Chemnitz?

Danilo Starosta: Ich bin heute am späten Vormittag schon in Chemnitz und es waren im Zentrum nicht allzu große Gruppen unterwegs. Eigentlich ist es ein Tag wie jeder andere, bis auf die Tatsache, dass das Zentrum der Stadt nach wie vor für den Verkehr gesperrt ist.

Umso gespannter oder angespannter war es ja am Wochenende. 800 zum Teil Rechtsradikale und Hooligans waren da spontan am Sonntag in Chemnitz unterwegs. Geht das nur in Sachsen, 800 Rechte spontan auf die Straße zu bekommen?

Die wirklich schnelle Mobilisierung von so vielen Leuten hat in Chemnitz 2015 zu den Höhepunkten der rassistischen Demonstration im Asyl-Streit auch funktioniert. Wir hatten da ähnliche spontane Demonstrationen mit diesen Größenordnungen. Damals wurde auch der Chemnitzer Stadtteil Einsiedel bekannt. 2015 war der Peak an diesen Demonstrationen in ganz Sachsen – das waren immerhin knapp 700 Demonstrationen in über 90 Kommunen – und da hat sich tatsächlich etwas Bahn gebrochen hat. Nämlich die Idee, dass man politische Änderungen erzwingen kann.

Und dazu trägt vielleicht auch die entsprechende Organisation und Situation rund um den Chemnitzer FC bei. Welche Rolle spielen denn die Fans des Chemnitzer FC? Kaotic Chemnitz, eine Ultra Gruppe des Chemnitzer FC, hat ja auch auf Facebook aufgerufen, zu "zeigen wer in der Stadt das Sagen hat".

So martialisch treten Fußballfans aus den Ultra-Verbindungen immer auf, das ist also nicht zwingend typisch für Chemnitz. Aber was die Kontinuität ist Chemnitz oder Sachsen durchaus auffällig.
Es ist noch nicht lange her, dass 2016 in einer Aktion von Anhängern rechter Fußball-Gruppierungen ein Überfall auf einen Stadtteil Connewitz verübt wurde. Da sind derzeit die Verfahren gerade im Amtsgericht Leipzig anhängig, und es sind auch die ersten Urteile gesprochen.

Da wurde der linke alternative Stadtteil Connewitz verwüstet.

Klar, Connewitz ist ein Feindbild.

Du hast schon gesprochen von den ersten Urteilen die da gefällt wurden, da bin ich jetzt schon neugierig: Wie fielen die denn aus? Und wie würdest du die einschätzen?

Ich würde einschätzen, dass die Urteile sehr restriktiven Gedanken folgen. Es sind Haftstrafen ohne Bewährung, die sind durchaus angemessen.

Kommen wir wieder zurück in die Gegenwart, ins Heute. Auch heute wollen wieder Rechte in Chemnitz demonstrieren. In Nürnberg soll eine Solidaritätskundgebung Rechter stattfinden. Und nicht nur dort. An was erinnert dich denn diese Gemeinschaft, diese gemeinsame Solidarität unter den Rechten?

Es gibt ja die furchtbare Verbindung zwischen Nürnberg und Chemnitz, was die Ermordung der Leute durch den NSU angeht.
Es gibt eine lange und belastbare Verbindung zwischen Franken und Sachsen oder zwischen Bayern und Sachsen, was die Neonazi-Szene angeht. Wenn man die „Kameradschaft Süd“ anguckt oder das „Freie Netz Süd“, da waren immer Kader miteinander im Gespräch und auch in Aktion.

Du hast eingangs schon erzählt: Heute ist eigentlich alles ganz ruhig. Auf der anderen Seite stehen jetzt neue Demonstrationen an. Wie geht es weiter, was ist dein Gefühl?

Ich bin sehr froh, dass für weit vor der Anmeldezeit der rechten Demonstration auch andere Gruppierungen aufgerufen haben, in der Stadt Unterstützung und Solidarität für die gestern von diesen progromartigen Stimmungen betroffenen Menschen zu zeigen, sich dem entgegenzustellen und auch tatsächlich ein Gegengewicht zu sein. Zu zeigen: Ihr könnt auf jeden Fall nicht klar machen was ihr wollt.
Zum anderen glaube ich tatsächlich, dass das polizeiliche Handeln heute entschiedener sein wird. Man ist darauf vorbereitet, man wird nicht noch einmal die Mobilisierungsfähigkeit unterschätzen. Ich glaube aber schon, dass um 18:30 Uhr, wenn sich dann die Akteure der heutigen Versammlung, die ja von Pro Chemnitz vor allen Dingen angemeldet wurde, zusammentun und dort zeigen, sie versuchen werden, sehr entschieden aufzutreten. Wir werden abwarten, ob es tatsächlich die Strategie gibt, das als Trauermarsch, als Gedenkmarsch abzuhalten, weil das dann eine andere Choreografie wäre. Es sind aber auch die Nachfolger der NS-Boys mit dabei, von den älteren Semestern die HooNaRa-Leute, die ja allein schon mal so um die 80 gewaltbereite Leute sind. Dann ist davon auszugehen, dass sich wieder Gruppen aus diesen Demonstrationen lösen werden und bereit sind, Straftaten zu begehen.

Und es werden wieder viele Bilder entstehen, die es uns oder dem Rest Deutschlands vielleicht auch leichtmachen, wieder dieses Sachsen-Bashing-Klischee oder dieses "Schon wieder Sachsen"-Gefühl zu verstärken: Dass Menschen aus Sachsen pauschal als stumpf und rechts abgestempelt werden. Wie siehst du denn diese Debatte?

Es gibt, glaube ich, wenig Aufarbeitung oder wenig Betrachtung im Kontext der postsozialistischen Gesellschaften: Welche Transformationsleistungen wurden erbracht, was haben die mit den Institutionen und mit den Menschen gemacht und mit ihrem Verhalten und was bedeutet hier eigentlich sich erfolgreich sozial zu verhalten?
Da wird viel im Trüben gefischt und es werden ganz oft Milchmädchenrechnung gemacht. Viel zu einfache Ursache-Wirkung-Konstellationen. Wegen dem „Frauenmangel“ nach der Wende sind die so komisch, oder weil so wenig Geld da ist sind die so komisch. Aber das stimmt einfach so nicht.
Geht man in andere Gegenden Europas, ist das ähnlich und trotzdem haben die dieses Problem nicht.
Es gibt weiterhin eine unaufgearbeitete NS-Vergangenheit genau hier in der Gegend, was mit Institutionen, mit Personen und auch mit Fortführungen zu tun hat. Und es gibt vor allen Dingen auch in der jüngeren Geschichte keine Aufarbeitung. Insofern ist das Bashing der neuen Länder durchaus gerechtfertigt, wenn man sagt: Beschäftigt euch bitte mit euer jüngeren und älteren Vergangenheit und macht das vor allem im gesellschaftspolitischen Rahmen, weil dort die Erkenntnis stecken könnte, wie es anders gestaltet werden kann.
Andererseits, muss ich sagen, ist es wenig gerechtfertigt, denn wo so viel Schatten ist, ist natürlich auch Licht. Es gibt, glaube ich, in anderen Gebieten der Bundesrepublik nicht so viele engagierte mutige und vor allen Dingen auch ganz oft alleinstehende mutiger AkteurInnen wie hier in Sachsen. Die würden sich manche in manchen Gegenden wünschen, weil sie einen Großteil ihres Lebens darauf verwenden, hier die Fahnen der Liberalität, die Fahnen der Demokratie hochzuhalten und dafür auch persönlich einstehen.


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