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Interview mit Bernardine Evaristo "Literatur sollte von allen und für alle geschrieben werden"

Ihr Roman „Mädchen, Frau etc.“ war ein Bestseller. 2019 gewann sie als erste Schwarze Frau den Booker Prize: Bernardine Evaristo. Ein Gespräch über Euphorie und Flüche bei der Preisverleihung, ihr Aufwachsen als Außenseiterin im Großbritannien der 60er und 70er Jahre und ihre nun erscheinende Autobiografie „Manifesto“.

Von: Paula Lochte

Stand: 13.01.2022

Autorin Bernardine Evaristo. | Bild: Jennie Scott

Zündfunk: Im Jahr 2019 haben Sie den Booker Prize gewonnen – als erste Schwarze Frau. Wie erinnern Sie den Moment, in dem Ihr Name ausgerufen wurde?

Bernardine Evaristo: Es war ein sehr nervenaufreibender Abend, denn es dauert etwa fünf Stunden, bis der Gewinner bekannt gegeben wird. Los geht es mit einem Empfang, der dann in ein Bankett mündet. Alle essen und trinken, aber man selbst kriegt nichts runter. Wir saßen an diesen großen runden Tischen. Und die Leute haben Dinge gesagt wie: „Wenn dein Tisch ganz vorne steht, könnte das bedeuten, dass du zu den Gewinnern gehörst, weil die Kameras an dich herankommen müssen.“ Ich saß an einem Tisch, der ziemlich weit vorne an der Seite stand.

Und dann hat der Vorsitzende der Jury plötzlich verkündet, dass sie die Regeln brechen und den Preis in diesem Jahr an zwei Personen verleihen. Ich dachte: „Oh mein Gott, was ist denn jetzt los?“ Ich werde nie vergessen, wie er nach Margaret Atwood meinen Namen gesagt hat. Ich saß an meinem Tisch und habe nur noch geflucht: „Fuck, Fuck, Fuck.“ Ich war so euphorisch, schockiert und aufgeregt, ich hatte mir das ja so sehr gewünscht. Der Raum war in Aufruhr, also im positiven Sinne. Margaret und ich haben uns umarmt und sind dann gemeinsam auf die Bühne gelaufen, Hand in Hand.

Dass die Jury die Regeln gebrochen und Sie beide ausgezeichnet hatte, war ungewöhnlich. Und das wurde dann auch kontrovers diskutiert: Da gewinnt zum ersten Mal eine Schwarze Schriftstellerin – und dann muss sie sich den Preis teilen. Hat es Sie gestört, dass Sie nicht die alleinige Gewinnerin waren?

Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich den Preis teilen muss, sondern dass wir ihn beide gleichermaßen bekommen haben. Und Margaret Atwood ist eine großartige Schriftstellerin! Mit ihr gemeinsam einen Preis zu bekommen, ist wunderbar. Und dadurch, dass das Ganze so durch die Medien ging und kontrovers diskutiert wurde, blieben wir in den Nachrichten. Ich glaube, das war sogar zu meinen Gunsten.

Ende Januar erscheint Ihr autobiografisches Buch „Manifesto“, in dem Sie Ihren eigenen Lebensweg nachzeichnen. Sie sind 1959 geboren worden, als viertes von acht Kindern einer Britin und eines Nigerianers im Süden Londons. Was war das für eine Zeit?

Großbritannien war damals ganz anders als heute. Mittlerweile ist Großbritannien ein sehr multikulturelles, vielfältiges, kreatives und progressives Land. Okay, vom Brexit einmal abgesehen. Aber Großbritannien ist heute in vielerlei Hinsicht inklusiv und fortschrittlich.

Bernardine Everistos Bestseller "Mädchen, Frau, etc.".

Aber das Land, in dem ich in den 60er und 70er Jahren groß geworden bin, steckte noch in den Nachwehen des Zweiten Weltkriegs. Es war ein sehr grauer Ort. Viel monokultureller als heute. Der Rassismus war in der damaligen Gesellschaft viel stärker verankert. Es gab kaum People of Color. Oder sie waren unsichtbar. Mein Vater, ein Nigerianer, war wahrscheinlich der einzige Schwarze in der Gegend, in der ich aufgewachsen bin. Wir waren eine der wenigen Schwarzen Familien dort und es fühlte sich so an, als wären wir die einzige. Noch dazu mit einer weißen Mutter und einem Schwarzen Vater. In einer Gesellschaft, die Schwarzen gegenüber feindlich eingestellt war, stachen wir heraus. Unser Elternhaus wurde während meiner Kindheit auch ziemlich oft von Rassisten angegriffen.

Die haben sogar die Scheiben mit Steinen eingeschmissen, schreiben Sie in Ihrem Buch.  

Genau. Mit Steinen. Oder Ziegeln. Was immer sie gerade in die Hände bekamen. Sie hatten etwas dagegen, dass wir dort lebten. In der ein oder anderen Weise muss mich das geprägt haben. Als Teenagerin habe ich dann beschlossen, mein Anderssein zur Tugend zu machen. Ich habe mich extravagant angezogen, bin selbstbewusst aufgetreten und habe auf die Konventionen der Vorstadt gepfiffen.

In Ihrer Autobiografie geben Sie intime Einblicke. Sie erzählen zum Beispiel von der Versöhnung mit Ihrem Vater, der in Ihrer Kindheit oft distanziert und auch gewalttätig war. Fiel es Ihnen schwer, diese persönlichen Erlebnisse preiszugeben?

Meine einzige Sorge rührte daher, dass ich als Schwarze Autorin immer wieder von Leuten zu hören bekomme: „Du schreibst doch im Grunde in all deinen Büchern über dich selbst.“ Und dass die meine Biografie dann lesen und sagen: „Ha, wusste ich’s doch.“ Dabei würde einem, wenn man meine Bücher wirklich liest, auffallen, dass sie total unterschiedlich sind. Und von sehr unterschiedlichen Figuren handeln.

In „The Emperor’s Babe“, das 2001 erschienen ist, geht es zum Beispiel um ein junges Mädchen, das vor Zweitausend Jahren im römisch besetzten London aufwächst. Das Buch „Mr Loverman“ dreht sich um einen schwulen 70-Jährigen aus der Karibik, dessen Ehe mit seiner Frau am Ende ist. Die Novelle „Hello Mum“ erzählt von einem 14-jährigen Schüler, der sich einer Jugendgang anschließt.

Wenn Leute also sagen, ich würde nur über mich selbst schreiben, finde ich das komplett lächerlich! Aber anscheinend traut man einer Schwarzen, weiblichen Autorin nicht zu, dass sie Fantasie hat.

Sie würden also sagen, die Unterstellung, „Du schreibst doch bloß über dich selbst“, bekommen vor allem Frauen und Schwarze Frauen, die schreiben, zu hören?

Ganz genau. Und sie ist kompletter Humbug. Wenn ich so darüber nachdenke, dann sind es vielmehr einige der in Großbritannien gefeierten männlichen Autoren, die immer aus einer weißen, männlichen Mittelklasse-Perspektive schreiben. Es hat sich irgendwie in unsere Köpfe eingebrannt, dass in mehrheitlich weißen Ländern, Geschichten über Weiße der Standard sind. Dass diese Geschichten „normal“ sind. Dass das die Geschichten sind, die wir schreiben sollten.

Und wenn man über Communities schreibt, die bisher kaum in der Literatur vorkommen, dann heißt es schnell, man würde über Identitätspolitik schreiben. Und dass das keine universellen Geschichten seien. Dabei stimmt das gar nicht. Wir erzählen einfach Geschichten. Aber weil unsere Figuren vielleicht People of Color sind oder queer oder aus der Arbeiterklasse kommen, und weil der Mainstream das nicht so gewohnt ist, bekommen wir dieses Special-Interest-Label aufgeklebt. Dabei ist eine Geschichte, egal von wem sie handelt und wo sie spielt, so universell wie jede andere auch. Literatur sollte von allen und für alle geschrieben werden. Wir alle müssen uns in Geschichten wiederfinden.