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#failoftheweek Im Heimatland von kinox.to ist das Internet ausgefallen - und alle drehen durch

In Tonga ist das Internet ausgefallen. Dort herrschen nun Zustände wie in der bayerischen Provinz. Das ist schlimm, findet Christian Schiffer, denn Tonga, das war Darknet bevor es Darknet gab. Es ist das Internet-Land schlechthin, die Domain .to ist weltberühmt.

Von: Christian Schiffer

Stand: 25.01.2019

Das ehemalige Logo von Kinox.to | Bild: picture-alliance/dpa

Lachende Gesichter, laue Tropennächte und ganz viel Wasser: Im Touri-Werbespot des Königreichs Tonga ist noch alles in Ordnung. In Wirklichkeit allerdings wird der Inselstaat im Südpazifik gerade von einer Katastrophe heimgesucht, die man keinem Land der Welt wünschen kann. Eine Katastrophe, die sonst eigentlich nur an Orten passiert, die vom Fortschritt abgeschnitten sind, wie etwa Teile von Bayern oder die Deutsche Bahn.

In Tonga geht nämlich das Internet nicht mehr. Wie das Online-Portal "Matagi Tonga Online" schreibt, fiel das Netz am Sonntagabend gegen 20.30 Uhr aus, schuld soll ein kaputtes Internetkabel sein. Die verzweifelten Tongaer leiten jetzt ihren Internet-Verkehr notdürftig über einen Satelliten um und streiten sich um jedes Bit. Facebook geht nicht, Twitter geht nicht, Youtube geht nicht. Internetzustände wie sonst nur in Mecklenburg-Strelitz, im Altmarkkreis Salzwedel oder in Gößweinstein in Oberfranken.

Tonga ist DAS Internet-Land schlechthin

Man könnte sich vielleicht sogar ein bisschen freuen, dass es jetzt immerhin ein Land auf der Erde gibt, das noch schlechteres Internet hat als Deutschland - wenngleich natürlich nur vorrübergehend. Aber das wäre diesem traurigen Vorfall nicht angemessen. Denn Tonga ist nicht irgendein Land. Tonga ist DAS Internet-Land schlechthin.

Tonga, das war Darknet bevor es Darknet gab. Tonga vergab die länderspezifische Top-Level-Domain .to und garantierte dem Webseiten-Betreibern Anonymität. Und so tummelten sich unter der Endung .to bald allerlei Qualitäts-Angebote wie Kinoi.to, Kinox.to und Movie4k.to auf denen man umsonst Filme und Serien schauen konnte, also zumindest dann, wenn man sich zuvor minutenlang durch eine dicke Schicht an Porno-Popups gearbeitet hatte. Auch die berüchtigte Drogen-Seite Shiny Flakes wurde in Tonga gehostet. Der deutsche Betreiber sitzt heute im Knast, die ganze Sache soll bald von Netflix verfilmt werden.

Der Blackout in Tonga ist eine Zäsur

Tonga ist also ein wenig das Berlin unter den Inselstaaten: Arm, internetaffin, kriminalitätsaffin und auf eine weirde Art irgendwie auch ganz cool. Und wie Berlin hat es die sympathische Insel-Monarchie ohnehin schon nicht leicht. Sie haben schon so einiges gemacht, um an Geld zu kommen: Neben dem Verkauf von Domains, wurden schon tongaische Pässe verschleudert, tongaische Schiffe für kriminelle Aktionen zugelassen, verzweifelt nach Erdöl gesucht, kurzzeitig spielt man offenbar auch mit dem Gedanken, das Land zu einem Endlager für radioaktiven Müll zu machen. Tonga ist trotzdem chronisch pleite und hat auch immer wieder Pech. So hielt sich der dortige König zeitweise einen Finanzberater der Bank of America als offiziellen Hofnarr, doch wie so viele Hofnarren aka Finanzberater verspekulierte er sich und jagte mehrere Millionen durch den Kamin. Jetzt also der Internet-Ausfall, der natürlich mehr ist als nur ein Internet-Ausfall. Der Blackout in Tonga ist eine Zäsur. Denn mit dem Tod des Netzes in Tonga stirbt symbolisch auch ein bisschen unser altes, geiles Internet.


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