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Facebook und Tumblr Das neue Internet will nichts mehr mit Sex zu tun haben

Tumblr verbietet Pornos, Facebook erklärt Anmachsprüche für unerwünscht: Je mehr Geld in den großen Internet-Plattformen steckt, desto prüder werden die. Sex wird wieder ein Tabuthema - und damit geht viel verloren.

Von: Gregor Schmalzried

Stand: 17.12.2018

Leider nackt: Der griechische Gott Marsyas in dieser Skulptur | Bild: picture alliance/imageBROKER

Ein Doppelschlag hat die Online-Welt erschüttert: Erst kündigt die Blogging-Plattform Tumblr an, ab der Woche vor Weihnachten sämtlichen "Adult Content" zu verbannen - darunter fallen alle nackten Körper oder auch nur eine einzige weibliche Brustwarze. Und nun stellt sich auch noch heraus, dass Facebooks neue Community-Standards alle "Einladungen zum Sex" nicht mehr tolerieren - und zwar egal wo, ob in Nachrichten, Posts oder Gruppen.

Wie Facebook und Tumblr prüde geworden sind

Dabei waren das Internet und Pornographie doch seit jeher ein Herz und eine Seele... "Ich bin sicher wenn man im Internet die Pornos verbieten würde, gäbe es nur noch eine Website und zwar mit dem Titel: Gebt uns die Pornos wieder", sagte Dr. Cox einst in der Comedy-Serie Scrubs, und er hatte wohl recht - damals. Die Folge, aus der das Zitat stammt, lief 2006, da war Facebook noch ein exklusives Netzwerk für Studenten. Überhaupt war das Internet vor zehn Jahren ein anderes: Es war roher, nicht algorithmengesteuert und somit auch um einiges chaotischer. Junge Tech-Firmen konnten im Silicon Valley machen, was sie wollten - Hauptsache, die Nutzerzahlen stimmten.

Heute ist Facebook eines der größten Unternehmen der Welt und kämpft jede Woche mit einem neuen Skandal. Und Tumblr, im Jahr 2007 von zwei unscheinbaren Software-Entwicklern gegründet, gehört zu einer riesigen Traube aus anderen Medienmarken, denen es früher besser ging - darunter Yahoo und AOL. Für Chaos und Experimente ist kein Platz mehr - es muss Profit her. Das klappt nur durch Werbung. Und um möglichst werbefreundlich zu erscheinen, versuchen immer mehr Plattformen, die schmuddeligen Seiten ihrer Nutzerbasis unter den Tisch zu kehren - oder gleich ganz auszusperren.

Keine Skandale mehr... und keine Freiheiten

Die Entscheidungen von Facebook und Tumblr haben wohl auch mit einem kommenden Gesetz in den USA zu tun: Das soll Sex- und Menschenhandel im Internet erschweren - und deshalb allerlei sexuelle Angebote unter Strafe stellen. Und das Ganze kann auch sein Gutes haben: Durch die neuen Regelungen könnte eine Facebook-Nutzerin sich zum Beispiel besser gegen sexuelle Belästigung auf der Plattform wehren. Und ein Skandal wie der, als Tumblr vor kurzem wegen scheinbarer Kinderpornographie aus Apples App Store geworfen wurde, könnte sich wohl nicht wiederholen.

Doch anstatt die Probleme mit Bedacht anzugehen, setzen Facebook und Tumblr den Presslufthammer der Prüderie an. Könnte es auf irgendeine Weise sexuell wirken? Dann wollen wir es nicht. Und im Zweifelsfall wird immer mehr gelöscht als weniger. Ein berühmtes Foto aus dem Vietnam-Krieg etwa, in dem eine Gruppe Kinder nach dem Einschlag einer Napalm-Bombe zu sehen ist, ist auf Facebook standardmäßig verboten. Der Grund: Eines der Kinder ist nackt. Kontext ist hier egal. Der Code kennt nur den Unterschied zwischen nackt und bekleidet, nicht den zwischen Fotografie/Kunst/Geschichte und Pornographie.

LGBT haben es schwer

In dieser neuen Internet-Welt gilt alles, das sexuell aufgeladen ist, als weitgehend wertlos. Das ist sehr schade. Denn vor allem Tumblr war in den letzten zehn Jahren für viele junge Menschen das, was eigentlich die Gesellschaft um sie herum hätte sein sollen: Eine sex-positive Gemeinschaft für Menschen aller möglichen Hintergründe. "Tumblrs Sex-Seiten haben Räume für alle möglichen Leute geschaffen, die anderswo keine sexuelle Community gefunden hätten", schreibt der Journalist Steven Thrasher, der sich vor allem für LGBT einsetzt.

All die, für die das Internet ein sicherer Raum war, ihre Sexualität auszuleben und zu diskutieren, werden von den neuen Standards besonders eingeschränkt. Wenn sich jemand in eine queere Facebook-Gruppe schmuggelt und dort alle Posts meldet, in denen über Sex gesprochen wird, dann könnte diese Gruppe den neuen Richtlinien zufolge gesperrt werden. Und es ist gut möglich, dass Facebook und Tumblr nur den Startschuss gesetzt haben und andere Seiten folgen werden. YouTube, Twitter und Instagram sollte man besser im Blick behalten.


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