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"Inner Song" Kelly Lee Owens will endlich wieder mit sich selbst im Rhythmus sein

Früher war Kelly Lee Owens Krankenschwester und behandelte Krebspatient*innen, jetzt macht sie Musik. "Inner Song" ist ihr zweites Album. Darin arbeitet sie persönliche Traumata auf und ermutigt uns damit, den Takt unserer eigenen Trommel zu finden.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 31.08.2020 15:19 Uhr

Cover Inner Song | Bild: Smalltown Supersound/Picadilly Records

Wo sitzen unsere Traumata? In unseren Köpfen? Haben sie sich verfangen in dem, was als Seele begriffen wird? Für Kelly Lee Owens haben sie sich in unseren Körpern verfestigt. Und in Owens selbst hatte sich vieles angestaut: Der Tod ihrer Großmutter, die ihr sehr nahe stand. Eine zehrende Liebesbeziehung steckte Owens auch noch in den Gliedern. Die Lösung: Sie besuchte Therapiestunden, in denen Traumata aus dem Körper befreit werden sollen – mit ihrer Stimme rüttelte sie an ihnen, löste sie und setzte sie frei. Auf ihrem Album „Inner Song“ spiegelt sich das wider.

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Kelly Lee Owens - On (Official Video) | Bild: KellyLeeOwensVEVO (via YouTube)

Kelly Lee Owens - On (Official Video)

Den "inneren Song" finden - eine Lebensaufgabe

Auf „Inner Song“ hören wir Kelly Lee Owens klarer als zurvor: Mehr Gesang, der weniger ist. Diesen inneren Song musste nicht nur sie erst einmal finden, für jeden Menschen ist das eine Lebensaufgabe. Denn hier schwingt so viel mehr mit: Im Englischen gibt es den Begriff „marching to one‘s own drum“ – zum Takt der eigenen Trommel marschieren – also: Eigene Regeln machen und denen folgen. Wie einem inneren Lied, das wir uns nur selbst schreiben und nicht vorgeschrieben bekommen können. Ein dem Individuum urtümlicher Klang, natürliches Vibrieren - man könnte auch sagen: Das Viben mit sich selbst. Die Natur als Emulgator.

Natürlichkeit im Sinne des Ursprünglichen proklamiert Kelly Lee Owens in vielen Interviews. Auch auf dem Album, auf eine moderne Art: Der Song „Melt!“ ist ein Statement zur Klimaerwärmung. Man hört sozusagen die Geräusche eines schmelzenden Gletschers. In diesem Song, „Melt!“ sind die Lyrics eher abstraktes Gedicht, genauso auf „Corner of my sky“, das John Cale featured, also den Velvet-Underground-Veteranen, der wie Owens aus Wales stammt. Andere Stücke sind reine Instrumentals. Und dann gibt es zwei Songs, die eindeutig sind. Der eine: „Wake Up“, Entschleunigung herbeisehnend.

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Kelly Lee Owens - Melt! (Official Video) | Bild: KellyLeeOwensVEVO (via YouTube)

Kelly Lee Owens - Melt! (Official Video)

Kelly Lee Owens ist leicht, verspielt und kraftvoll zugleich

Das andere Lied ist: „L.I.N.E.“ Das besagte, verflossene Liebe aufarbeitet und dabei klar macht, wofür die Großbuchstaben L, I, N, E im Titel stehen: Für „Love Is Never Enough“. Wenn Liebe das einzige ist, was zwei Menschen verbindet, ist es eben nicht genug, muss man nicht bleiben und sich gegenseitig aushöhlen, wenn es nie einen gemeinsamen Flow geben wird. Eine ähnliche Botschaft scheint in Radioheads „Weird Fishes/Arpeggi“ durchzuschimmern, das Kelly Lee Owens als Instrumental-Cover zum Albumopener gemacht hat. Mit dem Feeling der 80er-verliebten Serie „Stranger Things“.

Am meisten sticht ein Instrumental heraus: „Jeanette“, benannt nach Kelly Lee Owens Großmutter, die für Owens wie eine Mutter gewesen sein soll. „Jeanette“ ist leicht, verspielt, lebendig und kraftvoll.

Ihre Großmutter Jeanette lebe auf viele Arten in ihr weiter, sagt Owens. Und dieses Gefühl, das viele ausdrücken, die ihnen liebe Menschen gehen lassen mussten, ist nicht nur auf eine prägende oder spirituelle Art zu verstehen. Dieser Satz beschreibt das ganze Album. Owens ahmt den meditativen Flow nach, den wir uns viel zu oft und geradezu ironisch hart erarbeiten müssen: Mit sich selbst im Rhythmus sein und instinktive Wahrheiten erkennen. Im Leben und auf „Inner Song“.


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